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Warum es uns oft so schwerfällt, Freunden Geld zu leihen.

Meine Freunde liebe ich über alles. Sie sind für mich wie Familie: manchmal etwas anstrengend, aber ohne sie geht es nicht. Wir lachen über die dümmsten Witze, feiern die Nächte durch und reden stundenlang über unsere Sorgen. Meine Freunde holen mich nachts ab, wenn ich den letzten Bus verpasst habe. Wenn sich jemand auf einer Party verletzt, bringen wir ihn ins Krankenhaus und warten dort, anstatt weiter zu feiern. Wir sind füreinander da. Immer. Oder?

Vor einigen Monaten hatte einer meiner Freunde Geldprobleme. Er beendete seine langjährige Beziehung, die Freundin zog aus und wollte das Geld für die bereits gezahlte Miete und die gemeinsam gekauften Möbel zurück. Es ging um einen Betrag von gut 500 Euro. Er hatte die Summe nicht und stand unter Druck. 

Gefragt, ob ich ihm das Geld leihen kann, hat er nicht – doch später dachte ich darüber nach, ob ich ihm das nicht hätte anbieten sollen. 

Ich hatte die Mittel, er brauchte Hilfe. Warum also zögerte ich?

Muss ich – moralisch gesehen – einen guten Freund finanziell unterstützen? Darüber habe ich mit Janosch Schobin gesprochen. Er ist Soziologe und forscht an der Uni Kassel zum Thema Freundschaft. In Interviews hat er Probanden befragt, unter welchen Umständen sie Geld an ihre Freunde verleihen würden.

"Es gibt nicht einfach nur Geld: Menschen unterteilen ihr Einkommen in verschiedene Blöcke", sagt Janosch. "Da ist das Geld, das sie im Alltag brauchen, um Miete oder Lebensmittel zu zahlen. Das wird in der Regel nicht mal an Verwandte verliehen. Daneben gibt es noch 'überflüssiges' oder gespartes Geld." Davon geben wir Freunden ein Bier aus oder bringen der Mitbewohnerin etwas vom Einkaufen mit. "Bei solch kleinen Beträgen gibt es keine Erwartungen, das Geld zurückzubekommen. Es zirkuliert im Freundeskreis", sagt Janosch. 

In meinem Freundeskreis ist das auch so. Wenn keine Bank in der Nähe ist oder ich den Geldbeutel daheim vergessen habe, ist das kein Problem. Meine Freunde helfen gerne. Das hat möglicherweise sogar einen psychologischen Grund: Die University of British Columbia fand heraus, dass es uns glücklicher macht, Geld für andere auszugeben als für uns selbst (UBC).

"Größere Summen werden unter Freunden nicht so häufig verliehen. Da ist meistens die Familie der erste Ansprechpartner", sagt Janosch. "Wenn dennoch Geld verliehen wird, handelt es sich zumeist um gespartes Geld, das man in absehbarer Zeit nicht braucht." 

Ich hatte Geld gespart, um mir damit Projekte zu finanzieren, die ich sonst nicht machen könnte. Mein Praktikum beispielsweise ist nur möglich, weil ich spare. Laut Janosch erfülle ich damit alle Voraussetzungen, um das Geld an meinen Freund zu verleihen. 

Trotzdem zögerte ich. Warum? 

Ich habe Freunden schon Festival-Tickets vorgestreckt, für die Gruppe einen Flug oder Mietwagen gebucht und musste dann lange und hartnäckig immer wieder nach dem Geld fragen. In manchen Fällen war mir das zu blöd und ich habe einfach akzeptiert, dass ich es nicht mehr zurückbekomme. Obwohl ich mich dafür entschieden habe, die Schulden zu erlassen, war ich trotzdem von den Betroffenen genervt. 

Seitdem verleihe ich ungern Geld. Ich finde: Es belastet die Beziehung. Ich will nicht kleinlich sein und jemanden ständig an seine Schulden erinnern müssen. Ich will aber auch nicht mein Geld verschenken. 

Mit solchen Überlegungen stehe ich in Deutschland nicht alleine da: Die Deutschen gehen im Vergleich zu anderen Nationen recht vorsichtig mit ihrem Geld um. Die Shell-Jugendstudie von 2018 zeigte zudem, dass 70 Prozent der jungen Menschen in Deutschland Angst davor haben, später in Armut zu leben (Statista). Erspartes wiederum kann die Angst vor Gegenwart und Zukunft reduzieren (American Psychological Association). 

Es kann also viele Gründe haben, dass viele Menschen ihr angespartes Geld ungern an Freunde weiter geben, auch wenn sie es selbst nicht brauchen. 

"Wenn man sich Geld bei der Bank leiht, muss man Sicherheiten hinterlegen", sagt Soziologie Janosch Schobin. "Wenn man sich hingegen Geld bei Freunden leiht, hinterlegt man die Beziehung als Pfand." 

Falls die Summe also nicht zurückgezahlt werde, müsse man sich entscheiden: Wählt man das Geld oder die Freundschaft? 

"In dem Moment klebe ich ein Preisschild auf die Freundschaft", sagt Janosch. Ich möchte kein Preisschild auf meiner Freundschaft. Ich habe meinem Freund das Geld nicht angeboten. 

Laut Janosch zeigt das, dass unsere Beziehung schon belastet sein könnte: "Aus irgendeinem Grund kann ich mich auf diese Person nicht verlassen." Zuerst war ich überzeugt, dass es bei mir einen anderen Grund haben muss. Wir sind seit langem befreundet, ich kenne seine Familie und er meine. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich ihm zumindest bei finanziellen Entscheidungen nicht viel zutraue. Er hatte mir schon öfter kleine Beträge nicht zurückgezahlt. Außerdem gibt er häufig viel Geld aus und spart nicht. Das war mir bisher egal, weil es um sein Geld ging – doch nun wäre es meines gewesen. 

Einige Wochen später kaufte sich derselbe Freund mehrere Computerspiele. In dem Moment war ich froh, dass ich ihm das Geld nicht angeboten hatte. Wie meine Mutter, die sich früher darüber empörte, dass ich mein Taschengeld für Pokemonkarten ausgab, hätte ich über jede seiner Ausgaben geurteilt. 

Du willst schon wieder Sushi essen gehen? Mit dem Taxi nach Hause fahren? Ich dachte, du wärst pleite? 

Das hätte unsere Beziehung belastet – dachte ich. Doch im Gespräch mit Janosch beginne ich, ein wenig anders über Geld nachzudenken. Er fragt: "Ist für dich Geld etwas, das einem rein wirtschaftlichen Verkehr dient und du es dem Freund aus rein wirtschaftlichen Zwecken leihen willst? Dann musst du dir klarmachen, dass Geld in Freundschaften kein wirtschaftliches sondern ein Beziehungsmedium ist." 

Bedeutet: Es geht nicht nur darum, den Freund finanziell zu unterstützen, sondern vor allem darum, ihm das Leben zu erleichtern, eine Sorge zu nehmen. Janosch sagt, man teile mit der Leihgabe die wirtschaftliche und emotionale Belastung.

Auch wenn es mir also schwerfällt: In Zukunft möchte ich meinen Freunden in Notsituationen Geld anbieten. 

Denn es geht um mehr als um Geld. Es geht darum, jemanden zu haben, der sich um einen kümmert. Ich habe das Glück, dass meine Eltern mich in solchen Situationen immer unterstützen werden. Wer das nicht hat, sollte zumindest Freunde haben, die diese Rolle für sie übernehmen.


Gerechtigkeit

Lena Blauer Haken über ihre kurzzeitige Twitter-Sperre: "Ich bin keine Hetzerin"
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Wer mich kennt, kennt mich von Twitter. Ich poste, was mir gerade in den Sinn kommt, oft geht es um die Uni, meine Zweifel. Trotzdem versuche ich witzig zu sein – manchmal klappt das sogar.

Jetzt wird mir allerdings vorgeworfen, ich würde Hetze betreiben. Twitter hat deshalb am Wochenende vorrübergehend meinen Account gesperrt. Jetzt bin ich wieder online, trotzdem frage ich mich: Ich soll eine Hetzerin sein? Wie bitte?