"Bei Freunden lege ich Wert auf Qualität, nicht auf Quantität", "Lieber zwei enge Freunde als 20 Bekannte" – so rechtfertigen Leute gerne, dass sie es mögen, wenn sie nicht viele Freunde haben. Oder in Wahrheit einfach keine finden. 

In der Schule ist man zwangsläufig fünf Tage die Woche mit den immergleichen Menschen eingesperrt. Irgendwann nennt man einen Teil von ihnen "Freunde". 

Natürlich sind einige zu dem Zeitpunkt auch wirklich Freunde, aber die meisten sieht man nach dem Abiball eben nie wieder. Das ist okay, oft war es mehr Gewöhnung als Freundschaft. 

Kolumne: Aus dem Leben einer Loserin

Die 20-jährige Lena erzählt auf Twitter als "Lena blauer Haken" von ihrem selbstempfundenen Loser-Dasein. Im echten Leben studiert sie in Bielefeld und kämpft damit, Texte zu lesen, die länger als 280 Zeichen sind. Hier erzählt sie aus ihrem Alltag voller Pfandflaschen, unangenehmer Familiengespräche und davon, wie man die eigenen Erwartungen gekonnt enttäuscht.

Die einen studieren dann in anderen Städten, manche machen erstmal ein Jahr "Pause", andere gehen ins Ausland. "Da habe ich sowas von mich selbst gefunden, ich liebe es einfach zu… Moment, wie heißt das Wort nochmal auf Deutsch? Ich liebe es zu traveln…reisen! Ach man, mittlerweile träume ich sogar auf Englisch." Na klar machst du das, Anna, nachdem du auf Papas Kosten dein "Work & Travel" für eine Woche "Work" genutzt hast. Und danach nur mit allen anderen Deutschen, die sich gerade selbst finden wollen… Ehrlich gesagt, keine Ahnung, was man da so macht.

Das klingt jetzt vielleicht furchtbar gehässig. Ich bestreite nicht, dass es das ist. Aber eigentlich ist der Punkt, dass man nach der Schule nur noch in seltenen Fällen intensiven Kontakt zu seinen aller-, allerbesten Freunden aus der Schule hält. Man will sich ja auch weiterentwickeln. Und sich nicht zum hundertsten Mal über die immergleichen Partygeschichten aus der Oberstufe unterhalten. Wir sind jetzt erwachsen, wir haben schließlich Abitur! Denkt man.

Nach meinem Freiwilligen Sozialen Jahr ("Ich will unbedingt was machen, was anderen Leuten hilft!" – Ja, klar, Lena. Nach einem halben Jahr sah das schon ganz anders aus, oder?) entschied ich mich fürs Studium. Vielleicht habe ich auch die ersten 19 Jahre meines Lebens zu viel ferngesehen – ich hatte ein ganz bestimmtes Bild von der Uni. Dass man sofort eine supercoole Clique findet, mit der man jeden Abend etwas unternimmt, auf dem Balkon einer dreckigen WG sitzt und sowieso weniger studiert als einfach Spaß hat. Sollte ja wohl zu schaffen sein. Dann kam die berühmt-berüchtigte Ersti-Woche.

Um es kurz zu fassen: Ich habe an der Uni nicht sofort DEN Freundeskreis gefunden. 

Dabei gab ich mir echt Mühe: Ich tauschte Nummern aus, unterhielt mich mit jedem. Auch wenn es langweiliger Smalltalk war, tat ich so, als würde mich interessieren, dass sie reitet oder seine Freundin leider eine Stunde entfernt wohnt. 

Vielleicht war es ein Fehler, bei der Stadtrallye, als wir einen Berg hochlaufen sollten, auf der Hälfte der Strecke so zu tun, als würde ich einen wichtigen Anruf bekommen und dringend losmüssen. Weil ich in Wahrheit nicht mehr konnte. Vielleicht habe ich genau da den Moment verpasst, meine Balkon-Clique zu finden. Aber jetzt – zwei Jahre später – ist das auch nicht mehr zu ändern.

Dann folgten Wochen der Verzweiflung: Wie finde ich hier Freunde? In Vorlesungen sitzt man doch einfach nur nebeneinander. Wie baut man da ein gutes Gespräch auf? Ich hab’s versucht. Aber nachdem ich in einer Veranstaltung dem Mann vor mir meinen heißen Tee komplett über den Rücken geschüttet hatte, dachte ich mir: Ab jetzt halte ich mich lieber bedeckt.

Ich akzeptierte irgendwann, dass ich eben auf die meisten Studentenpartys keine Lust hatte – und dass man vielleicht nur da Freunde findet. 

Schwachsinn, denn wie anstrengend wäre es, Freunde zu haben, die gerne dahin gehen? Das würde einen Rattenschwanz an "Lena, heute Abend in den Club!" und fadenscheinigen Ausreden meinerseits nach sich ziehen. Alles würde darin enden, dass ich mit denen irgendwann nicht mehr befreundet wäre. Ein Trauerspiel, oder?

So nervig und furchtbar ich die Situation anfangs fand – irgendwann tat ich einfach so, als würde ich gar nicht mit den ganzen Leuten aus meinem Studiengang befreundet sein WOLLEN. Sich über Dinge oder Leute lustig zu machen, ist immerhin eine vollkommen gesunde Methode, mit Situationen umzugehen.

Mir fiel dann allerdings auf, dass ich vielleicht doch einer dieser "Qualität vor Quantität"-Menschen geworden war, über die ich mich vorher gerne lustig gemacht hatte. 

Im Verlauf der Semester schlichen sich nämlich doch ein paar Menschen ein, die ich gerne mochte und immer noch mag und mit denen ich mehr zu tun habe, als schweigend in einer Vorlesung nebeneinander zu sitzen. 

Dafür musste ich mich nicht anstrengen, nicht Flunkyball spielen und heimlich kotzen gehen, weil ich eigentlich kein Bier exen kann und Sorbit nicht vertrage. Ich musste nicht so tun, als hätte ich in einem überteuerten Club mit schlechter Musik Spaß.

Eine dieser Freundinnen, die schon länger studiert, fragte mich letztens: "Hast du es auch endlich aufgegeben, Freunde zu suchen?"

Ja, habe ich. Weil – lieber eine Handvoll Freunde als 20 Bekannte, oder?

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