Bild: imago/ Westend61
Kleine Flirts sind für mich Freiheit!

Wo beginnt eigentlich Betrug in einer Beziehung? Beim Flirten, beim WhatsApp-Chat mit dem Ex oder doch erst beim Knutschen oder sogar erst zwischen den Laken? Oder ist alles in Ordnung, solange man nur ehrlich miteinander ist? 

Für alles, was zwischen einem schönen Lächeln und geheimer Schreiberei zwischen zwei Menschen stattfinden kann, wird mir derzeit ein Begriff in die Timeline gespült: Micro-Cheating.  "Fremdgehen in der Mini-Variante" heißt es bei Glamour, "Wenn man nur ein bisschen betrügt" bei Edition F. Die Botschaft von Micro-Cheating ist: Wer etwas vor seinem Partner verheimlicht, betrügt ihn damit. 

Zumindest ein bisschen.

Der Begriff "Micro-Cheating" wurde von der australischen Psychologin Melanie Schilling geprägt. Sie erklärt in einem Interview, dass Micro-Cheating kleine Aktionen seien, die zeigen, dass man emotional oder auch physisch auf eine dritte Person außerhalb der Beziehung fokussiert sei.

"Du begehst Micro-Cheating, wenn du heimlich mit einer anderen Person in den sozialen Medien kommunizierst, wenn du Insider-Witze teilst, die Ernsthaftigkeit deiner Beziehung runterspielst oder Jemanden unter anderen Namen in deinem Handy abspeicherst." 

Das klingt ziemlich fies, auch wenn es nicht um Knutschen oder gar Sex geht. 

Aber Schilling geht noch weiter. Denn: All das seien Zeichen dafür, dass man undercover flirte, so Schilling. Und man solle sich die Frage stellen: 

"Wenn du denkst, dass du etwas vor deinem Partner verstecken musst – frage dich warum." (Daily Mail). 

Ich weiß, ich klinge jetzt wie ein Arsch. Aber ich flirte gerne mal. Und ich habe nicht das Gefühl, damit etwas verstecken zu müssen. Weil ich glaube, Beziehungen können von Unausgesprochenem profitieren. 

Bin ich deshalb gleich eine "Micro-Cheaterin"?

Damit eins gleich klar ist: Es geht mir nicht um verschlungene, knutschende Körper im dampfenden Club. Sondern um ein bisschen Augenkontakt, um Aufmerksamkeit, ein Kompliment – und manchmal, ja, über Wochen und Jahre hinweg.

Denn sie machen das Leben doch schön: Der Büroflirt, für den man sich eine Zeit lang etwas schicker macht, als man sein müsste oder dieser eine Freund von Freunden, bei dem man sich ein bisschen mehr freut, wenn er auch in der Kneipe sitzt. 

Mir ist auch in Beziehungen die eigene Freiheit viel Wert. Das bedeutet nicht, dass ich meinen Partner verheimlichen würde, oder unsere Beziehung runterspielen. Es geht hier nicht um Betrug. Es geht nicht darum den anderen zu hintergehen oder zu verletzen. Aber es bedeutet, dass mein Alltag auch mal durch einen kleinen Flirt aufregender wird. Es geht um die Freiheit, mal Jemanden anzulächeln und nette Worte auszutauschen.

Das Ganze soll wirken wie ein Glas Prosecco für die Seele: Es soll prickeln – und mich doch nicht umhauen. 
(Bild: Giphy )

Warum? Weil ich immer noch ein Mensch bin, der mal gute und mal weniger gute Entscheidungen trifft; der mal keine Zahnseide benutzt, nicht joggen geht, oder drei Gläser Wein zu viel trinkt. Und manchmal flirte ich eben mit dem Kellner im Café. 

Klar, würde ich täglich drei "Prosecco für die Seele" brauchen, um mich gut zu fühlen, würde ich mir Sorgen machen. Aber totale Abstinenz finde ich übertrieben. 

Ich gestehe mir auch in meiner Beziehung zu, mich nicht immer perfekt zu verhalten. Sondern menschlich.

Außerdem finde ich es albern, mir von meinem Partner eine Erlaubnis zum Flirten abzuholen. Weil es die Sache größer machen würde, als sie ist. Jedes nette Gespräch und jeden noch so kleinen Schmetterling im Bauch gleich als "Betrug" zu werten, klingt für mich gefährlicher, als die Begegnung selbst. 

Umgekehrt würde ich das meinem Partner auch zugestehen und fände Geständnisse a la: "Ich habe gestern Abend in der Bar geflirtet" viel verwirrender als sein Schweigen. 

Denn das, was man ausspricht, dem verleiht man auch Gewicht. Plötzlich hat sich dieser Bar-Flirt einen Platz in unserer Beziehung erschlichen, der ihm nicht zusteht. Plötzlich sitzt sie verführerisch im hautengen Top zwischen uns auf dem Sofa und erzählt von ihrem Leben als D-Jane, während ich nur Netflix und aufgewärmte Nudeln zu bieten habe. 

Nein, Danke. 

Ich möchte in einer Beziehung vertrauen können und dass mir Vertrauen entgegengebracht wird. Wenn ich kontrolliert werde, dann ziehe ich mich zurück. 

Und genauso wenig möchte ich kontrollieren. Natürlich möchte ich nicht, das mein Partner mit irgendwelchen Frauen schreibt, für die er sich auf romantische Art interessiert. Aber ich will auch nicht, dass man sich einsperrt und Panik vor jedem sexuellen Flimmern außerhalb der Beziehung bekommt – denn das ist einfach normal. Deshalb Handys zu durchsuchen und an Hemden zu schnüffeln, klingt für mich trauriger als eine Beziehung, in der Menschen zwischendurch mal nach außen Flirten. Eifersuchtsattacken und Überwachung sind an Verkrampftheit nicht zu überbieten. 

Was für mich gilt, das gilt natürlich nicht für jeden.

Jeder hat seine eigenen Grenzen und Vorstellungen einer Partnerschaft und der persönlichen Freiheit. So sagt Schilling auch, dass die Grenzen beim "Micro-Cheating" schwammig seien. Und genau deshalb sollte man einfach seinem Gefühl vertrauen. 

Denn eins ist klar: Was sich nicht gut anfühlt, ist auch nicht gut.

Wahrscheinlich zeigt dieses neue Modewort"Micro-Cheating" eigentlich nur ein Mal mehr, wie wichtig es ist sich ganz genau über diese Grenzen auszutauschen, damit beide wissen woran sie sind. Nur bezweifele ich, dass man dafür jetzt sofort einen Begriff mit "Betrug" im Namen braucht – vielleicht ist das einfach eine Beziehung auf Augenhöhe. 


Haha

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