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Früher hätte man gesagt, sie wurde "entmündigt".

Über eine Million Menschen in Deutschland dürfen nicht eigenständig tun und lassen, was sie für richtig halten, obwohl sie volljährig sind. Sie sind geistig oder körperlich nicht in der Lage, ihre rechtlichen Pflichten zu erfüllen. Früher hätte man gesagt: Sie sind entmündigt. Heute heißt es: Sie stehen unter rechtlicher Betreuung. 

So war es auch bei Lisa*, 26, aus Heidelberg. Sie lebte lange Zeit unter rechtlicher Betreuung.

"Ich wurde seit meinem 18. Lebensjahr betreut, bis ich 24 war – also knapp sechs Jahre", erzählt sie. Seit zwei Jahren lebt sie nun wieder selbstständig. Die Betreuung zuvor war aufgrund psychischer Probleme nötig:

"Ich hatte eine schwierige Familiensituation. Mein Vater hat mich jahrelang psychisch missbraucht. Das alles mündete in einer Depression und einer Borderline-Erkrankung." Eine erste Diagnose wurde gestellt, als Lisa acht Jahre alt war. Jahrelang kämpfte sie gegen die Krankheiten, wuchs im Heim für schwererziehbare Jugendliche auf, kam aber auch dort nicht auf die Beine. Als sie 18 und damit volljährig wurde, war für die Pflegeleitung klar, dass sie Unterstützung brauchte. 

Triggerwarnung: Selbstverletzendes Verhalten

In diesem Text beschreiben Menschen explizit ihre Erfahrungen mit selbstverletzendem Verhalten. Dies kann erschreckend sein und eine triggernde Wirkung haben. 

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Wer bekommt eine rechtliche Betreuung?

"Nicht jeder, der seinen Schreibtisch nicht aufräumt oder seinen Rasen nicht mäht, bekommt eine gesetzliche Betreuung", betont Kerrin Stumpf. Sie ist Leiterin des Betreuungsvereins Leben mit Behinderung Hamburg e.V. und hat in der Vergangenheit auch selbst Menschen gesetzlich betreut. Grundsätzlich sind solche Menschen auf Betreuung angewiesen, die ihre rechtlichen Angelegenheiten nicht eigenständig regeln können. Eine von diesen Menschen war Lisa.

"Ich habe immer wieder wochenlang nichts gegessen, war wochenlang nicht duschen. Ich habe es teilweise nicht einmal mehr hinbekommen, auf die Toilette zu gehen. Damals ging es mir richtig dreckig", berichtet Lisa. Hinzu kam, dass sie sich regelmäßig selbst verletzte: "Mich zu schneiden war für mich Tagesprogramm. Egal, was war. Ich habe immer einen Grund dazu gefunden."

Gesetzliche Betreuung

Die gesetzliche (oder auch rechtliche) Betreuung ist seit dem 1. Januar 1992 im extra eingeführten Betreuungsgesetz (§1896 ff. BGB) geregelt. Es ersetzt die bis dahin existierende Vormundschaft einer "unmündigen" Person. Eine rechtliche Entmündigung gibt es in Deutschland somit offiziell nicht mehr. Sowohl Betreute als auch Betreuer und Betreuerinnen sind geschäftsfähig.

Insgesamt stehen aktuell 1,3 Millionen Leute in Deutschland unter rechtlicher Betreuung. Die meisten davon sind Demenzpatienten (Deutschlandfunk), außerdem Menschen mit einer geistigen Behinderung, aber auch körperlich Eingeschränkte und solche, die unter einer akut-psychischen Erkrankung leiden. 

Grundsätzlich muss der Betreute seiner Betreuung zustimmen. Ist er geistig nicht in der Lage zuzustimmen, kann sie auch gegen seinen Willen verordnet werden. In jedem Fall muss ein fachärztlicher Gutachter (Psychologe oder Neurologe) attestieren, dass eine Betreuung notwendig ist. 

Quelle: Betreuungsgesetz


Die Heimleitung beantragte ein Gutachten für Lisa, um ihr einen rechtlichen Betreuer an die Seite zu stellen. Ein typisches Vorgehen, wie auch Stumpf weiß: "Bei Menschen mit einer akut-psychiatrischen Erkrankung wird das Betreuungsgutachten oftmals von der Einrichtung angeregt, in der der Patient untergebracht ist." Ebenso kann die Anregung aber auch von Betroffenen selbst kommen, wenn sie merken, dass sie nicht mehr eigenständig leben können.

Anschließend muss ein Gutachter entscheiden, ob die Person ihre Angelegenheiten wie Verträge, Antragsverfahren, zum Beispiel bei der Krankenkasse, ärztliche Versorgung und die Sicherung der Einkünfte selbstständig organisieren kann.

Kann sie dies auf Grund ihrer geistigen oder körperlichen Verfassung nicht, muss ein Richter entscheiden, ob ein rechtlicher Betreuer eingesetzt wird.

Für Lisa war relativ schnell klar, dass sie einen Betreuer bekommen würde. "Die Pfleger im Heim haben ja gesehen, wie es mir ging. Die hätten mich nicht einfach auf die Straße setzen können und sagen: Viel Glück, sieh zu, wie du deine Rechnungen bezahlst."

"Ein Facharzt muss vor Ort prüfen, welche rechtlichen Angelegenheiten geklärt werden müssen und ob der Betreute von seiner geistigen Verfassung her diese selbstständig besorgen kann", erklärt Stumpf. Anschließend werde in einem Gutachten zusammengefasst, welche Angelegenheiten der Betroffene nicht mehr alleine schaffe. Bei Lisa waren das sehr viele Dinge. 

Ich durfte die ersten anderthalb Jahre gar nichts alleine tun.

"Ich durfte weder Verträge unterschreiben, noch eine Wohnung mieten, noch im Supermarkt mit Karte bezahlen. Ich durfte quasi nichts, wofür man eine Unterschrift braucht. Ich konnte nur sagen: Das könnte mir gefallen und das könnte mir nicht gefallen. Alles Weitere hat der Betreuer entschieden."

Ehrenamtliche und Berufsbetreuer: das sind die Unterschiede

Die meisten Menschen, die als rechtliche Betreuer eingesetzt sind, verdienen damit kein Geld. Sie sind ehrenamtlich aktiv. Oftmals handelt es sich hierbei um Angehörige des Betreuten, etwa Partner, Kinder oder Elternteile. Etwa 60 Prozent aller Betreuungen finden ehrenamtlich statt, 85 Prozent davon durch Angehörige.

Laut Gesetz ist eine ehrenamtliche Betreuung durch Angehörige des Betroffenen die erste Wahl. Demnach sollen zuerst Verwandte oder vertraute Bekannte um eine Betreuung gebeten werden.

Berufsbetreuer werden vom Staat pro Betreuung mit 44 Euro pro Stunde vergütet. Sie sollen durchschnittlich 3,5 Stunden pro Monat und Betreuten aufwenden, um seine rechtlichen Angelegenheiten zu regeln (Bundesverband Berufsbetreuer e.V.) und werden auch nur für diese Zeit bezahlt. Oftmals liegt der tatsächliche Zeitaufwand wesentlich höher. Mehr Gehalt bekommen Berufsbetreuer deshalb nicht. 

Schätzungen zufolge arbeiten zwischen 12.000 und 17.000 Berufsbetreuer in Deutschland hauptamtlich (Bundesanzeiger). Dem stehen etwa 700.000 Ehrenamtliche gegenüber.

Ob ehren- oder hauptamtlich – rechtliche Betreuer haben in beiden Fällen die gleichen Befugnisse und Vorschriften. Für beide Gruppen gilt: Eine Prüfung, um als rechtlicher Betreuer anerkannt zu werden, existiert nicht.

Ein radikaler Einschnitt in die Selbstbestimmung, der aber oftmals notwendig ist, wie Stumpf betont: "Grundsätzlich kann in Deutschland die Geschäftsfähigkeit nicht abgesprochen werden. Das ist der große Unterschied zur Vormundschaft von früher. Trotzdem kann der Betreuer entscheiden, dass für den Betreuten zum Beispiel ein Taschengeld-Konto eingerichtet wird, damit er nicht direkt sein ganzes Geld ausgibt und so die Miete nicht mehr zahlen kann."

Für Lisa bedeutete dies, dass sie etwa 150 Euro im Monat zur Verfügung hatte, von denen sie eigenständig Lebensmittel und Dinge des täglichen Gebrauchs kaufen musste. Brauchte sie einmal mehr Geld, musste sie sich an ihren Betreuer wenden: "Wenn ich außergewöhnliche Ausgaben hatte, habe ich mich beim Betreuer gemeldet und den Betrag angefragt. Zum Beispiel, wenn ich Klamotten gebraucht habe." 

Das sei hart gewesen, erzählt die heute 26-Jährige: "Am Anfang war es richtig beschissen. Für jedes bisschen den Betreuer anrufen zu müssen, damit er etwas für mich kauft, war sehr nervig. Es ist einfach oft einschränkend, weil man nichts mehr selbst entscheiden kann."

Trotzdem akzeptierte sie die Einschränkungen, zum Teil sogar gerne: "Irgendwann kommt da eine Routine rein. Und im Hinterkopf hatte ich, dass, wenn etwas ist, Jemand da ist, an den ich mich wenden kann. Deshalb war es für mich okay."

Grundsätzlich hätten die positiven Aspekte immer die Einschränkungen überwogen – auch wenn es manchmal Konflikte gab.

Probleme mit Betreuern gebe es natürlich immer wieder, so Stumpf. Aber diese lägen oftmals nicht nur an der Betreuung selbst, sondern auch an privaten Dingen: "Viele Konflikte entstehen mit dem Umfeld des Betreuten, nicht unbedingt mit dem Betreuer selbst."

Diese Erfahrung hat auch Lisa gemacht. Für sie war die fehlende Privatsphäre das größte Problem: "Es kann schon sehr unangenehm sein, wenn der Betreuer alles über dich weiß: Wann man zum Arzt muss, welche Hobbys man hat."

Die wissen im Endeffekt alles über dich.
Lisa

Das fehlende Vertrauen sei schwierig zu verbessern, weil die Betreuten ihre Betreuer oft nur wenige Male im Monat zu Gesicht bekämen, so Lisa. "Wenn privat etwas schief läuft, möchte man ja nicht sofort mit dem Betreuer darüber sprechen, weil es teilweise einfach sehr persönliche Dinge sind." 

Das Problem der fehlenden Nähe kennt auch Stumpf. Sie warnt aber auch vor einem zweiten Problem: "Es geht immer um den Faktor Zeit. Wenn Betreuungen so schlecht bezahlt werden wie im Moment, entwickelt sich dies nicht zu einer fachlich besseren Betreuung, sondern schnell zu einem Ausbeutungssystem." Demnach müssten Betreuer dann immer mehr Menschen betreuen, um über die Runden zu kommen. Die Betreuten blieben hierbei auf der Strecke. 

Ähnliche Gefahren sieht auch Lisa aus eigener Erfahrung: "Bei mir wurde auf Grund eines Fehlers eines Betreuers meine Miete nicht gezahlt. Das ist mir dann auf die Füße gefallen. So was darf natürlich eigentlich nicht passieren."

Sechs Jahre lang stand Lisa unter Betreuung, durfte nicht eigenständig leben und oft keine freien Entscheidungen treffen. Im Nachhinein sieht sie diese Zeit der Einschränkungen aber als richtig an:

"Ich bereue die Betreuung nicht. Sie war letztlich etwas Positives für mich und hat mir die Möglichkeit gegeben, mich als Person weiterzuentwickeln, aber mit dem Wissen, dass jemand hinter mir steht, wenn ich ihn brauche."

*Name von der Redaktion geändert

Anmerkung: In einer ersten Version des Textes wurde nicht deutlich, dass Berufsbetreuer pauschal für eine vorgegebenen Stundenanzahl pro Betreuten bezahlt werden, unabhängig davon, wie viele Stunden sie tatsächlich aufwenden. Wir haben diese Stelle überarbeitet.


Food

Grill-Tipps von Profiköchen: leckere Marinade, perfektes Steak... und Kuchen?
Hier können auch selbsternannte Grillmeister noch was lernen

Menschen, die am Grill stehen, verfügen in der Regel über eine gehörige Portion Selbstbewusstsein. Die wissen scheinbar immer, wie die beste Glut gelingt und was man mit einem Steak anstellen muss, damit es zart und saftig wird. 

Woher sie diese Überzeugungen nehmen, ist nicht geklärt. Gelernt haben sie das Grillen jedenfalls nie. Frag den Grillchef in deinem Freundeskreis mal nach seinem Diplom, da wird der so blass wie eine halbgare Putenbrust. Ist ja auch okay, so lange es schmeckt. Nur: Auch als leidenschaftlicher Autodidakt sollte man die Gelegenheiten nicht verstreichen lassen, sich den einen oder anderen Tipp von Menschen einzuholen, die mit dem Kochen ihr Geld verdienen. Wir haben darum Köchinnen und Köche aus dem gesamten deutschsprachige Raum nach ihren Empfehlungen für einen gelungenen Grillabend gefragt. 

Dynamite White ist Küchenchef in einem Restaurant für deutsche und internationale Küche in der Nähe von Stuttgart. Hier liefert er uns sein ganz persönliches Rezept für ein perfekt gegrilltes Steak. 

„Erstmal ist wichtig, dass das Steak Zimmertemperatur hat – kann auch eine Weile in der Sonne stehen, das macht gar nichts. Das Fleisch würze ich dann mit meiner Salz-Pfeffermischung. Dafür packe ich 500g Atlantik Meersalz und ein Päckchen grünen Pfeffer in den Termomix und male das so fein wie Puderzucker – damit das besser ins Fleisch einzieht. Davon eine gute Prise mit ein bisschen Olivenöl einmassieren. 

Die Kohlen verteile ich so, dass ich nur auf einer Seite des Grills direkte Hitze habe. Die andere Seite bleibt leer. Die Glut muss so heiß sein, dass du deine Hand nur 4 Sekunden drüber halten kannst, bevor sie dir abschimmelt. Dann kommt der Rost drauf – der muss übrigens auch gar nicht sauber sein. Lass den Dreck vom letzten Mal einfach 5 Minuten in der Hitze einbrennen. Dann kannst du das Gitter ganz bequem mit der Drahtbürste reinigen.