Und wenn nein: Muss ich mir Hobbys zulegen?

Würde mir heute jemand ein Freundealbum in die Hand drücken, hätte ich beim Ausfüllen meine Probleme. Eine Lieblingsband würde ich noch hinbekommen, einen Film fände auch. Aber was um Himmels Willen sind meine Hobbys? Ich bin neun Stunden auf der Arbeit, eineinhalb Stunden brauche ich hin und zurück. 

In meinen knapp vier Stunden Freizeit schaue ich mit meiner Frau zusammen meist Serien, spiele mit der Konsole oder bin "im Internet", also: hänge am Handy und weiß später nicht mehr genau, was ich eigentlich gemacht habe. 

Vielen meiner Freunde und Kolleginnen geht es genauso. Die meisten von ihnen haben im Bachelor- und Mastersystem studiert, das – wenn man die Regelstudienzeit einhalten möchte – kaum Raum für kreative Freizeit lässt. Außerdem müssen wir flexibel sein, ziehen für Jobs und Praktika in andere Städte. So kann man schlecht planen, ob man sich ernsthaft in einem Verein, Kurs oder Ehrenamt engagieren kann. Und den Platz für eine Modelleisenbahn à la Seehofer hat man in der Einzimmerwohnung sowieso nicht.

Aber ist es schlimm, keine Hobbys zu haben? Das habe ich eine Freizeitforscherin gefragt.

Renate Freericks

Renate Freericks ist Professorin für Freizeit- und Tourismuswissenschaft an der Hochschule Bremen. Sie forscht zur Digitalisierung in der Freizeit, zu Zeitkompetenz und Gesundheitsfolgen von (zu wenig) Freizeit. Außerdem ist sie Vorsitzende der Kommission "Pädagogische Freizeitforschung" der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE).

bento: Haben die jungen Generationen, also Z und Y, keine Hobbys mehr? 

Freericks: Das kann man so nicht sagen. Klar ist: Präferenzen verschieben sich, heute wird zum Beispiel kaum noch gesammelt. Dafür ist man viel am Bildschirm. Vor allem soziale Medien verändern die Freizeitgestaltung. In der Forschung sprechen wir von "Konkurrenzangeboten". Es gibt viele Angebote aber nur begrenzt Zeit. Wer viel im Netz unterwegs ist, hat natürlich viel weniger Zeit für andere Dinge. Das wirkt sich auch auf die Hobby-Optionen aus. 

bento: Ich habe am Wochenende ungefähr neun Stunden lang die Folgen einer neuen Serie geschaut. Ist das ein Hobby?

Freericks: Nein, das ist bloß eine Freizeitbeschäftigung. Ein Hobby hat neben der Regelmäßigkeit ein aktives Element, zum Beispiel etwas Sportliches oder Kreatives. Die aktive Betätigung kann einen in ein positives "Flow-Erleben" versetzen: dann ist die Zeit entrückt, man ist im Hier und Jetzt und vergisst alles um sich herum. Das ist sehr gut zum Abschalten.

Serien sind auch eine Möglichkeit, nach einem stressigen Tag zu entspannen. Man muss sich dabei aber Grenzen setzen, sonst kann man sich auch in der Beschäftigung verlieren. Dann hat man schnell ein Zeitproblem. 

bento: Okay, dann habe ich scheinbar keine richtigen Hobbys. Ist das schlimm?

Freericks: Man benötigt nicht zwingend ein Hobby, sollte lange Arbeitszeiten aber mit Freizeitaktivitäten ausgleichen, wie Bewegung, Sport, Freunde treffen. Eine Zeit lang geht es auch ohne Ausgleich, aber irgendwann merkt man psychisch schon, dass etwas fehlt. 

Ein Hobby trägt zusätzlich auch zur Identitätsbildung und zum Selbstbild bei, etwa, weil man sich engagiert oder stolz auf seinen Lernfortschritt ist.

In Vereinen, Clubs oder Kursen kommt die soziale Komponente dazu, man lernt Gleichgesinnte kennen, fühlt sich verstanden und weniger allein. Gerade Vereine sind vielen heute aber zu verpflichtend, man möchte sich nicht zu lange binden und engagiert sich eher projektorientiert in der Freizeit.

bento: Ich habe manchmal das Gefühl: Wer sich heute überhaupt auf ein Hobby einlässt, will sofort der Beste darin sein. Ist das der Sinn der Sache?

Freericks: Es ist ja nichts verkehrt daran, Ziele zu haben. Also etwa, statt einfach zu joggen, direkt für einen Marathon zu trainieren. Man muss sich aber fragen, ob man etwas aus Passion tut, oder aus äußeren Zwängen und Selbstoptimierungsdrang. Das ist teilweise auch die Kehrseite der Vernetzung: Durch das ständige Vergleichen mit anderen, etwa durch das Teilen von Laufstrecken, Trainingsfotos und Geschwindigkeiten, bekommt man zwar Bestätigung, es steigt aber auch der Druck auf einen selbst.

Kombiniert mit dem Stress aus der Arbeitswelt führt das im schlimmsten Fall zu Depressionen, Burn-out oder den Vorstufen davon. Viele müssen das richtige mentale Abschalten, auch in der Freizeit, erst wieder lernen.

bento: Das hört sich an, als wollten Sie sagen: "Das Problem ist vor allem das Handy."

Freericks: Nein, das Handy kann man weglegen oder ausschalten. Man muss es aber auch tun. Es ist eher eine Einstellungs- und Entscheidungssache. Wer wirklich mal Abstand vom ewigen Vergleichen, Selbstmessen oder Zeitvertrödeln in sozialen Netzwerken möchte, setzt sich bewusst hin und reflektiert: Wie viel Zeit verwende ich wofür? Und was möchte ich – wirklich – mit dieser Zeit anfangen? Was macht mich glücklich?

(Bild: Erik Mclean / Unsplash/ cc 0)

bento: Und wenn man bei der Selbstreflexion merkt, dass man mit seinem Hobby vor allem anderen etwas beweisen möchte?

Freericks: Ich würde empfehlen: Hör auf, dich zu vergleichen und dich auch noch in der Freizeit ständig einem Leistungsdruck auszusetzen. Such dir etwas, das dir Spaß macht und dich erfüllt. Wenn es Fitness ist, ist das toll – aber mach es für dich, nicht für andere.

bento: Und wenn man einfach nur Zeit am Handy verdaddelt?

Freericks: Wenn man realisiert, dass man zu häufig und zu lange am Handy ist, kann man sich feste Uhrzeiten überlegen, zu denen man sich allen Bildschirmen entzieht. Das muss man natürlich üben und sich erst wieder daran gewöhnen, nicht konstant eine Ablenkung geliefert zu bekommen. 

Langfristig hilft das ungemein, um sich wieder besser auf einzelne Tätigkeiten konzentrieren zu können. Und man merkt: Da ist ja doch Raum für ein Hobby, das einem Spaß bringt.

bento: Jetzt haben wir so viel über digitale Medien geschimpft. Aber was ist eigentlich mit Videospielen? Haben die nicht auch eine soziale und kreative Komponente?  

Freericks: Tatsächlich stimme ich zu: Nicht alles, was man am Bildschirm tut, ist schlecht für einen. Wir betreuen gerade ein E-Sport-Projekt beim Bremer Fußballverband. Und obwohl einige Eltern und Trainer meinen, dass das kein Sport sei, kann ich nur sagen: Gemeinsam mit Freunden zu spielen kann ein tolles, soziales Erlebnis sein. Aber auch bei Videospielen sind ein Verein oder eine feste Freundesgruppe von Vorteil, mit der man sich wirklich trifft, anstatt alleine im Zimmer online zu spielen. Sonst ist man bloß im Flow, aber nicht wirklich dabei. 


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Deutschland ist meine Heimat. Das war für mich immer selbstverständlich. 

Meine Eltern kamen in den 1980er Jahren als vietnamesische Vertragsarbeiter in die DDR. Seit 30 Jahren leben und arbeiten sie in Deutschland – zufrieden, fast schon genügsam. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, war Klassensprecherin auf einem Thüringer Gymnasium, habe im fränkischen Bayern studiert und in Hamburg einen Job gefunden.