Bild: Jalal Hosseini

Wenn ich wieder eine Beziehung eingehe, mache ich alles anders. Das habe ich mir geschworen, als ich nach sieben zweisamen Jahren allein auf dem Boden einer leer geräumten Wohnung saß.

Als ich meinen damaligen Freund kennenlernte, wollte ich die perfekte Symbiose. Hand in Hand gegen den Rest der Welt. In der Realität verwandelten sich lange Partynächte in Spieleabende und Familienfeiern. Mein Freundeskreis? Existierte nicht mehr.

Wir waren tatsächlich eins, keine Individuen. Erst nach der Trennung merkte ich, wie abhängig mich das machte. Von nun an suchte ich in einer Beziehung vor allem eins: Freiraum.

Kann das falsch sein? Wie viel Freiraum braucht eine Beziehung und was passiert, wenn sich die Freiraum-Bedürfnisse eines Paares unterscheiden?

Um diese Fragen zu beantworten, suchte ich mir Hilfe. Bei einem Weltenbummler, einer alleinerziehenden Mutter und einem Paarberater.

Carsten, 29, Informatiker, jobbedingter Weltenbummler
Was bedeutet Freiraum in einer Beziehung für dich?

Dass ich mir einen Teil meiner Zeit selbst einteilen kann. Und dass nicht alles, was ich tue, im Konsens mit meiner Partnerin geschehen muss – wobei Treue für mich die Grundvoraussetzung ist.

Ich muss manchmal zwei, drei Tage oder ein, zwei Wochen ins Ausland, aus dienstlichen Gründen, nicht weil ich so gerne Urlaub mache. Ich kann nicht jedes Mal eine Diskussion mit meiner Partnerin darüber beginnen.

Wie viel Freiraum bist du bereit zu geben?

Ich kann mir nichts nehmen, was ich nicht bereit bin zu geben. Das ist nicht immer einfach. Wenn ich zum Beispiel mit Freunden unterwegs bin, von denen meine Partnerin wenig hält, kann ich keinen Aufstand proben, sobald sie mit Leuten unterwegs ist, die mir nicht passen. Daran muss ich mich oft selbst erinnern.

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Du wohnst oft woanders. Wie beeinflusst das dein Bedürfnis nach Freiraum?

Es gibt nicht viele Orte, an denen ich arbeiten kann. Bisher bin ich allein umgezogen, von Deutschland nach Skandinavien, von Skandinavien nach Asien. Bis jetzt habe ich noch keine Frau gefunden, für die ich karrieretechnisch kürzertreten würde. Ich schränke mich gerne ein – wenn ich dadurch mit der Person zusammen sein kann, die ich liebe.

Jeannine, 30, Wirtschaftsinformatikerin, alleinerziehende Mutter einer Tochter
Was bedeutet Freiraum für dich?

Zeit ohne den anderen zu verbringen. Aber auch die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, die den anderen vielleicht nicht erfreuen – ohne Angst haben zu müssen, dass eine Szene entsteht. Der andere sollte also nicht eingeschnappt sein, weil ich mal eine Zigarette rauche, ein Glas zu viel trinke oder ohne ihn feiern gehe.

Ich wünsche mir so viel Freiraum, dass ich mich selbst nicht verliere. Ich möchte spüren, dass ich ein eigenständiger Mensch bin, mit eigenen Problemen, die ich selbst löse. Ein vollkommenes "Wir" kann sehr anstrengend sein.

Hat sich deine Meinung dazu geändert, seitdem du Mutter bist?

Definitiv. Die Zweisamkeit mit meiner Tochter ist mir sehr wichtig, das soll so bleiben. Damit muss mein Partner klarkommen.

Du bist gerade in einer neuen Beziehung, was wirst du anders machen?

Durch Job und Kind habe ich ständig ein Zeitproblem. Trotzdem möchte ich mir Freiräume schaffen, ein Buch lesen, mit Freunden oder der Familie telefonieren – auch wenn es mir schwerfällt, meinem Partner deswegen abzusagen. Ich will nicht das Gefühl haben, keinen Schritt mehr allein gehen zu können.

Eric Hegmann, Paarberater, Parship- und Single-Coach
Angenommen ein Paar hat ein unterschiedliches Freiheitsbedürfnis. Kann das funktionieren?

Das ist durchaus üblich. Der Wunsch nach Nähe und Distanz wird zu einem großen Teil von unserem Bindungsverhalten gesteuert, das in früher Kindheit durch unser Verhältnis zu engen Bezugspersonen geprägt wird, meist den Eltern. So individuell wie jedes Elternpaar ist, so individuell ist auch unser Wunsch nach Intimität oder Freiraum. Wenn die Bedürfnisse nicht extrem ausgeprägt sind in ihrer Unterschiedlichkeit, funktioniert das gut, weil sich die Partner ergänzen. Gerade die Menschen mit einem großen Bedürfnis nach Nähe ziehen die Menschen mit einem großen Bedürfnis nach Freiraum an – und umgekehrt.

Wie signalisiere ich meinem Partner am besten, dass ich mehr Freiraum möchte?

Indem du Standards setzt – und Dealbreaker. Du wünschst dir am Tag mindestens zwei Textnachrichten, um dich geliebt zu fühlen? Dann verhandle. Dein Partner darf aber auch sagen: Meine absolute Obergrenze sind drei. Das funktioniert für alle Lebensbereiche eines Paares: Freizeitgestaltung, Umgang mit Freundeskreis oder Besuch der Schwiegereltern.

Und wenn mein Partner meinen Freiraum einschränken möchte?

Versuche zunächst, dies als Zeichen von Zuneigung und Wunsch nach Nähe zu definieren, also als etwas, das dich nicht bedroht. Dann definiere dein eigenes Bedürfnis und finde gemeinsam einen Weg, der Beiden gerecht wird. Einfach des Frieden Willen Zugeständnisse machen, wird auf Dauer der Beziehung schaden. Will dein Partner dein Smartphone kontrollieren, solltest du nicht nachgeben, auch wenn du "nichts zu verbergen hast". Sonst bestätigst du ihn in dem Gefühl, seine Kontrolle sei gerechtfertigt.

Wäre es einfacher, wenn sich beide viel Nähe wünschen?

Solche Menschen werden oft gar nicht zueinander finden, weil sie sich gegenseitig nicht anziehend finden.

Ich möchte besonders viel Freiraum. Heißt das, dass ich mich gar nicht binden will?

Nein, denn Bindung ist ein menschliches Bedürfnis. Dir ist es eben wichtiger, deine Individualität auszuleben. In der Dynamik mit einem ängstlichen Partner geben dir dessen Bemühungen Bestätigung und Selbstwert. Nur wenn er dir zu nahekommt, wird dein Fluchtreflex aktiviert. Dein Partner wiederum wird deine Nähe suchen, weil er sich nun erneut um dich bemühen kann. Dein Fluchtreflex aktiviert seinen Nähereflex.

Sollte ein Paar gemeinsame Hobbys haben?

Paare benötigen Zeit zu zweit ebenso wie Zeit allein. Das Geheimnis ist, die richtige Balance zu finden und Verständnis für die unterschiedlichen Bedürfnisse. Vor allem, dass die Bedürfnisse sich anziehen und ergänzen. Ist ein Paar viel zu unterschiedlich, wird es sich gestresst fühlen und wahrscheinlich trennen.

Mein Fazit: Haben die Antworten der drei mir geholfen?

Ja, in der Theorie schon. In meiner Generation gibt es sehr viele Individualisten – das muss nicht schlecht sein, das weiß ich jetzt. Genauso ist mir jetzt bewusst, dass Freiraum Akzeptanz erfordert. Dass ich akzeptieren muss, wenn mein Partner andere Bedürfnisse hat als ich. Jetzt muss ich nur noch bereit sein, diese Theorie in der Praxis zu erproben.

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