Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Und das nicht nur, weil sie so voll sind.

Die Füße sind mit Schweiß und Staub paniert, über den Kopf halte ich ein Handtuch, das etwas Schatten spendet. An diesem Sonntag sind es laut Wetterdienst 40 Grad – und ich befinde mich auf dem komplett schattenlosen Pfad einer Schrebergartensiedlung in Mainz, auf dem Weg zu einem Freibad

Statt der ersehnten Abkühlung erwartet mich am Ende des Wüstenmarsches eine endlose Schlange vor dem Eingangstor – in der Sonne. Und wie jedes Mal verfluche ich mich selbst für die Idee, in ein Freibad gehen zu wollen. 

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Das Freibad steht für mich nicht nur für Chlor-Geruch und Pommes – sondern für alles, was an unserer Gesellschaft nicht stimmt.

Wie konnten dieses Gebilde überhaupt entstehen? Diese Möchtegern-Seen inmitten von Betonwüsten? Warum tun wir uns diesen Horror an, mit Tausend anderen Menschen dicht an dicht auf einer vergilbten Wiese zu liegen, unsere schwitzigen Körper in ein Wasser-Schweiß-Urin-Chemie-Gemisch zu tunken und unsere Handtücher auf rauen Betonplatten auszubreiten? Und wie verkaufen wir uns das auch noch als Erholung oder Spaß?

(Bild: dpa)

Die Erklärung, die ich dafür habe, ist: Wir sind so abgestumpft, dass wir schon gar nichts Besseres mehr verlangen, Orwell lässt grüßen. 

Unsere gesamte Gesellschaft basiert darauf, dass wir uns mit dem "Prinzip Freibad" abfinden:

1

Wir akzeptieren suboptimale Lebensbedingungen, indem wir uns in Städte quetschen, die immer voller werden, deren Mieten wir kaum noch bezahlen können und deren Luft und Lautstärke uns krank machen. Nur, weil uns dort ein höherer Lebensstandard – oder zumindest mehr Geld – versprochen wird. 

2

Um an diesem tollen städtischen Leben teilzuhaben, akzeptieren wir kleine Wiesen mit ein paar Bäumen zwischen den Häuserblocks als Alternative zu echter Natur. Wir legen uns in die Einweggrill-Rauchschwaden des Stadtparks, um nach einer Fünf-Tage-Woche im Büro immerhin ein wenig "an die frische Luft" zu kommen.

3

Wir finden es normal, dass die Flüsse unserer Städte nur der Geldschöpfung, statt der Erholung und dem Naturgenuss dienen. 

Wie sonst kann es sein, dass man in einer gewässerreichen Stadt wie Hamburg fast nirgends baden kann? Das Schwimmen in Alster und Elbe ist zwar nicht verboten, trotzdem rät eine Sprecherin der Umweltbehörde in einem Interview davon ab, da das Wasser meist keine ausreichende Qualität habe (Hamburger Abendblatt). Viele Kanäle sind ebenfalls nicht besonders sauber und bieten keine sicheren Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten. 

Die Gewässer unserer Städte werden mehr für Tourismus und Wirtschaft nutzbar gemacht als für den Alltag der Menschen. 

Wir leben in einer Welt, in der das Ziel die maximale materielle Wertschöpfung ist anstelle von Lebensfreude und Wohlbefinden. Das gilt auch für das Freibad.

(Bild: dpa)

Wir akzeptieren ein gefliestes Becken mit chemisch angereichertem Wasser als sommerlicher Freizeitausgleich in einer Gesellschaft, die uns so sehr an die Arbeit bindet, dass wir nicht mal Zeit haben, aus der Stadt hinaus an einen echten See zu fahren. Denn wer möchte an einem der einzigen beiden freien Tage pro Woche mehrere Stunden für Hin- und Rückfahrt aufbringen?

Kein Auto? Pech gehabt. Denn gut angebunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind schöne Badestellen fast nie. Warum auch? Dient ja nur dem Wohlbefinden. Hauptsache, das Zentrum der Großstadt ist stets erreichbar, dort wird immerhin das Geld produziert.

Selbst wer den Kapitalismus liebt, sollte sich irgendwann die Frage stellen, wie man es hinkriegen kann, dass das Geld als Ziel nicht jede Form der Lebensqualität besiegt.

Oder die Frage, wie wir von der lokalen Politik und Wirtschaft fordern können, unsere Städte lebenswerter zu machen. 

Damit wir uns am Ende eines weiteren unbefriedigenden Sommertages nicht schon wieder damit beruhigen müssen, dass immerhin das Foto unserer Freibadpommes auf Instagram 40 Likes gekriegt hat. Hashtag #DasSchönsteLeben...


Fühlen

Weniger Stress und Anonymität: Wie man sich das Dorf in die Stadt holt

Früher wollte ich unbedingt vom Dorf in die Stadt ziehen. Heute lebe ich in Hamburg und denke oft an die Zeit in meinem Heimatdorf und der daran angrenzenden Kleinstadt zurück. Warum wollte ich noch mal in die Großstadt ziehen? Auf dem Dorf war es doch so schön ruhig.

Die Großstadt ist anstrengend. Sie ist laut, stinkt und macht krank. 

Stress, Lärm und die Anonymität der Großstädte können den Ausbruch psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie und Angsterkrankungen begünstigen. (Spiegel Online

Der Ansicht, dass bei Stadtbewohnern das Risiko für stressbedingte Erkrankungen höher liegt, ist auch der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli. Aus Untersuchungen gehe hervor, dass die Stressverarbeitung im Gehirn von Stadtbewohnern anders sei als bei Landbewohnern. Das Gehirn einer Stadtbewohnerin reagiere zum Beispiel empfindlicher auf Stress, die stressverarbeitenden Hirnregionen seien aktiver, erklärt Adli.

Dieser Stress sei sozialer Stress. Er resultiere aus dem Zusammenleben von Menschen auf begrenztem Raum, so Adli. Er entsteht aus der Gleichzeitigkeit von sozialer Dichte und sozialer Isolation. Das bedeutet: Wer sich sozial ausgeschlossen oder einsam fühlt, sich zusätzlich noch in einem überfüllten Raum aufhält und das Gefühl hat, seiner Umwelt ohne Kontrolle ausgeliefert zu sein, leide unter "Stadtstress". "Soziale Isolation erklärt mehr vorzeitige Todesfälle als Übergewicht oder Alkoholmissbrauch", sagt Adli.