Ein Kommentar

Deine Mutter, deine Schwester, deine Freundin, deine Tochter – sie alle könnten Opfer sexualisierter Gewalt werden. Oder sind es bereits geworden, und haben dir bloß nie davon erzählt. Weil wir trotz aller Diskussionen der vergangenen Jahre in einem gesellschaftlichen Klima leben, das Opfern grundsätzlich misstraut und Täter in Schutz nimmt. "Rape Culture" heißt das im Englischen, Vergewaltigungskultur.

Auch dadurch bleiben die seit #MeToo und #Aufschrei in den vergangenen Jahren veröffentlichten Fallzahlen sexualisierter Gewalt für viele Männer bis heute unbegreifbar, unglaublich, hanebüchen. Bis man sie in ihrer Empathielosigkeit daran erinnert, dass es eben auch ihre Liebsten treffen kann.

Laut Terre des Femmes ist schon jede Siebte in Deutschland Opfer von strafrechtlich relevanter, sexualisierter Gewalt geworden. Jede Vierte war sogar schon Opfer körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt durch (Ex-)Partner. Statistisch gesehen müsste also nahezu jeder Mann in Deutschland Frauen kennen, die belästigt oder körperlich missbraucht wurden.

Schuld daran:

Dein Vater, dein Bruder, dein Schwager, dein Sohn, dein Kollege, du und dein bester Freund. Alle könnten Täter werden. Oder bereits welche sein. 

Wir haben nur nie darüber gesprochen. Oder? 

Warum 2020 die bento-Männer alle Artikel zum Frauenkampftag verantworten

Der Kampf für mehr Geschlechtergerechtigkeit wird meist vor allem von Frauen, Intersexuellen, Trans*- und nicht binären Menschen geführt. Für Sonderhefte und Themenspeziale zum 8. März müssen auch in deutschen Medienhäusern jedes Jahr vor allem sie die Überstunden leisten. 

Wir wollten das dieses Jahr umdrehen – und haben unsere Beiträge dazu von Cis-Männern planen, schreiben und produzieren lassen. Hier liest du mehr zu unserer Aktion #männerfürfrauen.

77 Prozent der Opfer sexualisierter Gewalt kannten den Täter vor der Tat bereits (EU-Studie). Es ist also wahrscheinlicher, dass deine Bekannten deinen Freundinnen, Müttern und Schwestern etwas antun, als dass ein Fremder es tut. 

Dazu trägt bei, dass die meisten von uns Männern einander zu viel durchgehen lassen. Zu oft achten wir nicht genug darauf, wie rabiat oder eklig Freunde und Verwandte sich verhalten. Wir widersprechen nicht, nicken wissend, lachen mit, geben ein High Five. Aber warum? Aus Respekt vor einem unausgesprochenen Band zwischen Männern? Aus anerzogenem "Bruder vor Luder"-Denken? Aus Gruppenzwang? Ahnungs - oder Hilflosigkeit? Ich weiß es nicht. 

Was ich weiß: Dagegen muss etwas getan werden. Sexismus und Vergewaltigungskultur sind Probleme, die vor allem von Männern verursacht werden. Wir können nicht erwarten, dass Frauen sie lösen. 

SPIEGEL-Kolumnistin Margarete Stokowski schrieb einmal, dass Männer, die Feministen sein wollen, sich einen einfachen Satz merken könnten:

„Finde ich nicht lustig.“

Denn egal, ob auf dem Dorf oder in der Stadt, in linken oder konservativen Kreisen, frauenfeindlicher Humor gehört spätestens nach fünf Bier in vielen reinen Männerrunden zum guten Ton. Man kann dumme Sprüche für harmlos halten, eben für Witze. Oder man erkennt sie als Wiederholung mieser Klischees und Abwertungen, die viele Männer in ihrer Ansicht bestätigen, Frauen für minderwertiger halten zu dürfen. 

Oder für Beute. Das passt zum Ursprung des Wortes "Luder". In der Jägersprache ist ein Luder ein totes Tier, das ausgelegt wird, um Raubtiere anzulocken. 

Rape Culture funktioniert, solange Jäger und Raubtiere einander schützen

Ich hatte selbst einen Freund, der es für den größten Spaß hielt, vorbeigehenden Frauen im Club an den Hintern und die Brüste zu fassen, und sie dann als "Schlampe", "F*tze" und "Nutte" bezeichnete. Alles im Spaß – natürlich.

Als ich ihm klar machte, wie unwitzig diese Belästigung tatsächlich war, zeigte er eine unerwartet heftige Reaktion: Er verließ den Club und begann zu weinen. Vielleicht, weil er bisher nie darüber nachgedacht hatte, dass er andere mit diesem "Spaß" bedrängte, verletzte, verängstigte. Vielleicht, weil er noch nie Gegenwind bekommen hatte. Vielleicht, weil er nicht wusste, wie er sonst reagieren sollte. 

Männer. Aber auch Sexisten? Oder Schlimmeres? 

(Bild: Fábio Alves / Unsplash / cc 0)

Einem Freund eine ehrliche Ansage zu machen, ist eine Sache. Bei flüchtigen Bekanntschaften wird das schwerer. Wenn es zum Beispiel darum geht, Fehlverhalten – etwa auf der Arbeit – zu melden. Und oft genug wird man für Sexismuskritik lediglich Häme abbekommen. Man sei halt selbst "eine Pussy" oder "solle sich nicht so anstellen", das übliche Gewäsch unreflektierter Typen eben. In schlimmeren Fällen wird man selbst Ziel von Ausgrenzung, Repression oder gar Gewalt.

Doch was ist die Alternative? Weiter relativieren? Einfach still bleiben, weil man selbst ja nicht betroffen ist?

Ich halte es für unfassbar wichtig, (angehenden) Tätern und Sexisten zu signalisieren, dass ihr Verhalten nicht von allen Männern mitgetragen wird. Dass es andere Vorstellungen davon gibt, wie man sich gegenüber seinen Mitmenschen zu verhalten hat. 

Man wird in Kauf nehmen müssen, es sich dadurch mit manch anderen Männern zu verscherzen. Das ist aber immer noch ein vergleichweise kleiner Preis. Dafür, dass man so vielleicht dazu beiträgt, dass weniger Frauen belästigt werden. Und dafür, sich endlich bewusst dafür entschieden zu haben, kein Mitläufer mehr in einem sexistischen System zu sein. 


Fühlen

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Ein kuratierte Einkaufsliste

Hallo, Mann! Du bist wahrscheinlich gerade hier, weil du sehr viele Meinungen zu einem Thema hast. Es geht um Frauenrechte, Frauenrollen oder darum, wie Frauen auszusehen haben, kann es sein? Falls ja: Toll, dass du dich dafür interessierst! Solche Leute wie dich brauchen wir in unserer Gesellschaft. 

Wichtig ist aber, dass wir (als Gesellschaft, aber auch als Männer!) uns bei Diskussionen nicht im Kreis drehen – zum Beispiel, indem wir Dinge behaupten, die schon lange widerlegt sind. Ebenso wichtig: Vor allem wir Männer müssen aufpassen, nicht permanent die Strukturen und Ungerechtigkeiten zu ignorieren, unter denen die meisten Frauen jeden Tag leiden.