Bild: Marc Röhlig

Vida trägt jetzt eine Waffe in ihrer Handtasche. Kein Pfefferspray, kein Messer, einfach nur eine neue App auf ihrem Smartphone. Doch diese App, sagt Vida, sei "ein wirklicher Schritt nach vorne", sei "ziemlich toll". Und sei etwas, "das endlich helfen kann, häusliche Gewalt hier im Iran zu verhindern".

Vida ist 28 und kommt aus Teheran. Seit einigen Tagen hat sie "Hamdam" installiert. Die App entwickelt sich im Iran gerade zum Geheimtipp. Offiziell ist "Hamdam" ein Menstruationskalender in persischer Sprache. Tatsächlich verbirgt sich aber viel mehr dahinter: In mehreren Sektionen gibt die App Tipps zu Frauenrechtsfragen, dem Eheleben und vor allem zum Thema Sex.

"Hamdam" liefert die Aufklärung, die im Iran an vielen Stellen fehlt.

"Sex ist im Iran ein großes Tabu", sagt Soudeh Rad, die Erfinderin der App. Viele junge Iranerinnen wüssten nichts über Verhütung oder sexuell übertragbare Krankheiten. "Wie auch", sagt Soudeh, "im Iran dreht sich alles nur um Männer".

So funktioniert die App:
Bei der Registrierung geht es zunächst um Fragen zur Periode. Zum Beispiel, wie stark die Blutung ausfällt. Die Antwort kann man mit Symbolen geben:
Im Menstruationskalender kann man Angaben zur Periode und zum letzten Geschlechtsverkehr machen:
Spannend wird es abseits des Kalenders. Im Menü gibt es unter anderem "Sexuelle Gesundheit" und "Frauenrechte":
Gelesene Punkte werden mit einem Häkchen markiert. In den Untermenüs findet man konkrete Fragen:
Hier ging es unter anderem um "Alleine verreisen", "Sorgerecht bei einer Scheidung" und "Was ist häusliche Gewalt?"
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Soudeh ist Gründerin von "Feminist Spectrum", einer Plattform, die Iranerinnen in Frauenrechtsfragen berät. Die 36-Jährige engagiert sich allerdings von außen: Als sie zehn Jahre alt war, zog Soudehs Familie vom Iran nach Frankreich. "Ich bin aber mit meiner alten Heimat weiterhin verbunden", sagt sie.

Im Iran selbst werden Frauen politisch und gesellschaftlich in vielen Bereichen benachteiligt.

Ein Kopftuch zu tragen, ist für Frauen zum Beispiel striktes Gesetz. Vorgeschrieben ist die Regel vom sogenannten Wächterrat, einer Gruppe von Geistlichen und Juristen, die Teil der Regierung sind. Der Koran, die Grundlage des islamischen Glaubens, schreibt hingegen kein direktes Kopftuchgebot vor.

In der Öffentlichkeit kontrolliert die Religionspolizei, dass Frauen das Gesetz einhalten. Den Frauen, die sich dem widersetzen, drohen Geldbußen oder sogar Haft.

Im Alltag versuchen viele Frauen jedoch, zumindest spielerisch dieses Verbot auszureizen: Anstatt einer Verschleierung binden sie sich einen Schal über den Hinterkopf, als sei er bloß ein modisches Accessoire.

Dennoch: Offen über Themen wie häusliche Gewalt, Kinderehen oder Sexualpraktiken zu reden, ist unmöglich.

Aber auch wenn Sexualität tabuisiert werde, gebe es sie ja trotzdem, sagt Soudeh. "Auch junge Iraner haben Sex – es redet nur keiner darüber."

Und genau dieses Nicht-Reden ist ein Problem: An Schulen und Universitäten, in Arztpraxen und in der Familie findet Aufklärung nicht statt. Junge Frauen unterhalten sich zwar untereinander über Sex. "Aber ihnen fehlen schon die einfachsten Antworten", sagt Soudeh, "gerade abseits der Großstädte". Die App "Hamdam" – der Name bedeutet so viel wie "gute Freundin" – soll dabei helfen, diese Antworten zu liefern.

"Pornos sind die einzige Aufklärung, die viele Iraner haben – so richtig gesund ist das nicht."
Soudeh Rad

Seit Anfang März ist "Hamdam" verfügbar – und wurde bereits mehr als 5000-mal für Android-Handys heruntergeladen, sagen die Macher. Der Playstore selbst gibt zunächst 500 bis 1000 Downloads an. Das Entwicklerteam von IranCubator, die "Hamdam" mit Soudeh entwickelt haben, sagt, dass die Zahl dennoch höher sei. Denn viele iranische Apps verbreiten sich auf nicht-offiziellen Download-Portalen und über Messenger-Dienste.

Das Feedback vieler Frauen aus dem Iran sei überwältigend, sagt Soudeh.

Eine werde seit Jahren von ihrem Mann verprügelt, die App habe sie ermutigt, sich nun bei der Polizei zu melden. Eine andere habe geschrieben: "Auch wenn ich keine Feministin bin, mag ich eure feministische Arbeit."

Soudeh Rad, Erfinderin von "Hamdam"(Bild: Rabta Irani)

Eine Berliner Firma habe die App auf Hacker-Angriffe getestet, damit Frauen, die sie herunterladen, anonym surfen können. Und "Hamdam" lässt sich offline benutzen – also auch in Gegenden ohne gute Netzabdeckung. Außerdem sind alle Erklärungen in einfachem Persisch gehalten, damit nicht nur die "Teheraner Upperclass" von ihr profitiere, schreiben die Entwickler.

"Das Recht, die Kontrolle über den eigenen Körper zu haben, ist universell", sagt auch Soudeh. "Ich will dabei helfen, dass das auch iranische Frauen wissen."

Vida, die eine der ersten war, die die App installiert hat, ist da weniger optimistisch. Sie glaubt nicht, dass "Hamdam" groß herauskommt. Gerade in vielen ländlicheren Gegenden hätten Mädchen nur schlechten Zugang zu Bildung, also wüssten dann auch nichts mit der App anzufangen. "Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung, mich ermutigen solche Aktionen."

So setzen sich Frauen im Iran für ihre Rechte ein:


Tech

Diese App zählt, wie oft Männer Frauen unterbrechen

Mithilfe von Apps kann man ja schon so einiges tracken lassen: Die Werbeagentur BETC Sao Paulo hat zum Weltfrauentag eine App entwickelt, die bei Gesprächen mithört und aufzeichnet, wie oft Männer Frauen dabei unterbrechen.

Die Macher von "Woman interrupted" fragen im Werbevideo: "Hast du jemals von 'Manteruption' gehört?" Und sagen dann: "Es passiert überall."