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Wir haben einen Experten gefragt

Sie ist immer da, hört zu und man kann sie mitten in der Nacht anrufen: die beste Freundin. Was macht Frauenfreundschaften aus? Wir haben den Berliner Psychotherapeuten Wolfgang Krüger gefragt.

Was ist besonders an Frauenfreundschaften? 

Jede Freundschaft ist individuell, aber man kann sagen: Frauen reden eher, Männer unternehmen etwas. Frauen tauschen sich tendenziell gerne über ihr Liebesleben oder private Probleme aus. Männer reden dagegen häufiger über sachliche Themen wie Politik, oder gehen gemeinsam einer Aktivität nach. Studien zeigen, dass zwei Drittel aller Männer keine Freundschaft haben, in der intime Gespräche üblich sind. Frauen sprechen häufiger über ihre Schwächen und stehen sich solidarisch bei. Männer erzählen eher von ihren Erfolgen. 

Das klingt nach Stereotypen.

Lange versucht man schon, die Geschlechterrollen anzugleichen. Jungen sollen sich für Poesiealben interessieren und Mädchen für Technik. Teils zeigt es Wirkung: Männer können heute einen Kinderwagen schieben, ohne blöde Sprüche zu kassieren. Das war vor 40 Jahren undenkbar. Trotz allem bleiben die typischen Rollenmuster unberührt. Und das wirkt sich auch auf die Freundschaftskultur aus.

Sind Frauenfreundschaften stabiler?

Bis zur Studentenbewegung, bei der Studierende in den Sechzigerjahren auf die Straße gingen, hat man noch geglaubt, Männer seien die besseren Freunde. Ob bei Aristoteles oder Schiller und Goethe – Freundschaft war immer etwas zwischen Männern. Sie waren der Meinung, nur Männer seien freundschaftsfähig. 

Heute wissen wir: Freundschaft ist eine Gesprächsbeziehung, in der man sich verstanden fühlt. Meist führen Frauen tiefere Gespräche.

Bei Frauen sieht man häufiger, dass sie sich umarmen oder kuscheln. Sind Frauenfreundschaften, auch wegen der Intimität, krisenanfälliger?

Es ist richtig, dass Frauen meist intimer miteinander umgehen. Der Austausch von körperlichen Zärtlichkeiten ist bei ihnen üblich. Man sieht mittlerweile auch Männer, die sich umarmen. Die meisten würden jedoch nicht Hand in Hand durch die Stadt spazieren. Dahinter steckt womöglich die Angst, nicht als "richtiger Kerl" wahrgenommen zu werden.

Warum haben Männer Angst davor?

Die Angst, als homosexuell wahrgenommen zu werden, ist unter Männern stark verbreitet. Es passt anscheinend nicht zu dem Bild, was viele noch von einem "richtigen Mann" haben. 

Das ist aber ein klischeehaftes Bild.

Klar! Es ist Unsinn. Es dauert nur eine Weile, bis solche Bilder verschwinden.

Ist die Verbindung zur besten Freundin enger als zum Partner? 

In meinem Buch über Freundschaft beziehe ich mich auf eine Studie, die besagt, dass 80 Prozent der Frauen sich mit der Freundin besser unterhalten können als mit dem Partner. Dazu sollen Frauen mit einer guten Freundin eine glücklichere Beziehung führen. Frauenfreundschaften entlasten und stabilisieren die Paarbeziehung, weil man Probleme bespricht und um Rat fragt.

„Männer kommen und gehen. Freundschaften bleiben bestehen.“
Wolfgang Krüger über Frauenfreundschaften

Kann eine Frau besser mit einer anderen Frau befreundet sein als mit einem Mann?

Freunde müssen in der Lage sein, emotionale Nähe zuzulassen ohne sich sexuell angezogen zu fühlen. Wenn es funktioniert, sind Freundschaften zwischen Frau und Mann besonders interessant, weil beide eine andere Perspektive einbringen. 

Vergleichen sich Frauen in einer Freundschaft mehr?  

Viel wichtiger ist es Frauen, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Studien belegen, dass man sich über die Erfolge einer guten Freundin genauso freut wie über die eigenen.

Wie viele gute Freunde kann man haben?

Studien zufolge haben Menschen zwischen 18 und 30 Jahren maximal drei bis vier enge Freunde. Ab 30 wird es schwieriger, weil Partnerschaft, Familie und Beruf mehr Zeit in Anspruch nehmen. "Herzensfreundschaften", also sehr enge Freundschaften, haben eine Haltbarkeit von 30 Jahren. Davon haben wir im Leben nur drei oder vier. Sie sind selten, weil alles stimmen muss. Zwei Menschen müssen ähnlichen Humor und ähnliche Werte sowie das gleiche Bedürfnis nach Nähe haben. Im Schnitt muss man für so eine Freundschaft 20 bis 30 Personen kennenlernen.

Das heißt also: Ich bin jung und schließe daher mehr Freundschaften als meine Mutter?

Stimmt. Das liegt zum einen daran, dass man durch das Studium oder die Ausbildung viele unterschiedliche Leute kennenlernt und viel Zeit mit ihnen verbringt. Ein idealer Nährboden für Freundschaften. Später hat man nur die Kollegen, zu denen vielleicht auch Rivalität besteht. Dazu kommt, dass wir immer weniger Zeit haben und weniger neugierig sind.

Und wie bestimmt man die Qualität einer Freundschaft?

Drei Dinge sind für eine gute Freundschaft relevant: Man muss der Freundin alles erzählen können, sich in Krisen auf sie verlassen und sich von ihr verstanden und ermutigt fühlen. Ein berühmtes Zitat von Schauspielerin Marlene Dietrich besagt, dass man einen guten Freund um vier Uhr nachts anrufen können müsse. 

Eine Freundschaft wird stabiler, wenn man mehr wagt. Intimität ist entscheidend: 70 Prozent der Menschen reden mit ihren Freunden über die Beziehung, 50 Prozent über Sexualität und nur 30 Prozent über Geld. Insbesondere Lebenskrisen schweißen zusammen. 

Ist Freundschaft Zufall? 

Zumindest ist es auch Zufall. Es kommt sehr darauf an, wen ich wo und wann treffe. Die Theorie, dass man sich immer mit den Menschen anfreundet, die in der Nähe sind, ist aber Quatsch. Bei Freundschaften sind wir sogar wählerischer als in Liebesbeziehungen, weil die "rosarote Brille" fehlt. Zuerst muss Sympathie da sein und dann beginnt man, den anderen zu testen. 

Man testet seine Freunde?

Oh ja! Man testet sie genau, indem man zum Beispiel nach politischen oder religiösen Wertvorstellungen fragt. Freundschaften sind am Anfang wie ein Hürdenlauf. Erst nach knapp sechs Treffen würde man mehr in eine Freundschaft investieren. Freundschaften entwickeln sich gezielt. Die kleinen Tests dauern mindestens zwei Jahre.

Muss man auf einer Wellenlänge sein oder gilt "Gegensätze ziehen sich an"?

Beides stimmt. Die Grundwerte müssen übereinstimmen. Eine Parteianhängerin der Linken würde schwer mit einer der AfD zusammenkommen. Dasselbe gilt für Freigeister und streng religiöse Menschen. Wenn einer Person Geld besonders wichtig ist und der anderen überhaupt nicht, werden sie schwer zu guten Freunden. Ob man die Welt auf eine ähnliche Weise sieht, merkt man besonders am Humor. Wenn die Basis stimmt, sind unterschiedliche Persönlichkeiten oder andere Interessen kein Hindernis.

In einer Studie sollten Studierende ein Jahr lang ihre Freundschaften bewerten. Es zeigte sich, dass Freundschaft für sie das Gefühl ist, von einer anderen Person bestätigt zu werden. 

Dem würde ich zustimmen. Wir wählen unsere Freunde nicht aus, weil sie toll sind, sondern weil sie uns das Gefühl geben, toll zu sein. Denn der Wunsch nach Anerkennung ist bei Menschen groß. Anerkennung ist uns sogar wichtiger als Sexualität. Darüber identifizieren wir uns und machen fest, wer wir sind.

Wir loben uns generell jedoch zu wenig. Ich finde, wir sollten uns mitteilen, was wir aneinander bewundern.

„Wir sollten uns wieder Freundschaftsbriefe schreiben.“
Wolfgang Krüger

Ein Freiburger Psychologieprofessor fand in einem Experiment heraus, dass gute Freunde Stress reduzieren. Stimmt das?

Natürlich. Einsamkeit und Unsicherheit sind unsere stärksten Angriffspunkte im Leben. Gute Freunde verringern diese Gefühle und tragen unsere Sorgen mit. So lebt man länger und bleibt gesund. Freundschaft ist eine der wichtigsten Gesundheitsmaßnahmen.

In meinem Freundeskreis lässt sich beobachten, dass junge Leute Freunde auch im Internet finden. Verändert Social Media unsere Freundschaften?

Bei Freunden aus den sozialen Netzwerken ist die Situation ähnlich wie beim Online-Dating: Man kann nicht wirklich einschätzen, ob man sich in der Realität verstehen würde. Das merkt man erst bei der persönlichen Begegnung. Wir wissen wenig über den anderen, kennen nur das Social-Media-Profil. Wenn wir im Alltag jemanden kennenlernen, können wir denjenigen zuerst beobachten. Meist braucht es eine Weile, bis wir jemanden als potenziellen Freund in Betracht ziehen. Im Netz könnte es noch länger dauern.


Gerechtigkeit

Was macht Protestwählen mit der Demokratie?
Drei Fragen – drei Antworten.

Am 26. Mai ist Europawahl. Und es wird spannend:  

  • Strafen die Wählerinnen und Wähler in Deutschland Union und SPD dafür ab, dass sie trotz großer Proteste die Urheberrechtsreform durchgeboxt haben? 
  • Machen die Menschen die Abstimmung zur "Klimawahl", wie es Luisa Neubauer von "Fridays for Future" fordert? (Twitter
  • Und wie stark schneiden rechtspopulistische Parteien in ganz Europa ab? 

Um das besser einschätzen zu können, hat die Bertelsmann-Stiftung jetzt die Studie "Europa hat die Wahl" veröffentlicht. Darin wurden Menschen in zwölf EU-Ländern nach ihren Wahlabsichten und ihrer Einstellung zu populistischen Positionen befragt.

Zentrales Ergebnis der Befragung: Viele Menschen wissen bisher vor allem, wen sie nicht wählen wollen. 

Allen Parteigruppierungen gegenüber gibt es wesentlich mehr explizite Ablehnung als Zustimmung.