Wer im Hip-Hop gehört wird, wird auch gesellschaftlich wahrgenommen

Ich muss zehn gewesen sein, als mir mein Cousin Aiman auf dem Handy einen richtig versauten Song vorspielte. Der Refrain brannte sich schnell in meinen Kopf ein: "Baby, bitte, bitte zeig mir deine Titten. Sei nicht immer gierig, mach es mir nicht schwierig!". Mein Cousin war etwas älter als ich. Er zeigte mir das Lied von DJ Tomekk heimlich und kichernd, während unsere Mütter im Wohnzimmer bei Tee über Rabatt-Aktionen bei Penny redeten.

Hip-Hop zeigte mir, dass meine Fantasien okay sind

Wir kommen aus einer konservativen christlich-arabischen Familie. Unseren Eltern hätte der Text sicherlich nicht gefallen. Doch ich fühlte mich rebellisch, wenn ich von da an die Melodie summte. Der Song zeigte mir: Es ist okay, an nackte Körper zu denken oder sexuelle Fantasien zu haben.

Heute weiß ich, dass der Song von DJ Tomekk leider einer von vielen frauenfeindlichen im Rap ist. Die Kampagne #UnHateWoman ließ einige Frauen kürzlich besonders sexistische Songtexte vorlesen. Ohne Beat und Drumherum wurde plötzlich offensichtlich, dass etwas nicht stimmt, wenn beispielsweise Fler rappt: "Ich will keine Frauen, ich will Hoes. Sie müssen blasen wie Pros". Als ich das Video sah, wurde ich nachdenklich. Als Halbstarker war mir der Sexismus solcher Lieder einfach nie aufgefallen.

DJ Tomekk mit der Viva-Moderatorin Nela Lee bei der "Comet"-Verleihung 2005.

(Bild: imago)

Auch, wenn ich die frauenfeindlichen Texte von Fler oder DJ Tomekk verurteile, ist der Umgang mit Sexualität bis heute ein Grund, warum ich Hip-Hop so schätze. Offen über Sexualität zu sprechen, hat etwas Emanzipatorisches. 

Als Jugendlicher konnte ich dank der Musik mit prüden gesellschaftlichen Normen brechen, die über Generationen in meiner Familie herrschten. Im Rap gelten andere Werte. Es ist okay, andere Personen einfach nur geil zu finden. Über Sexualität wird oft in einer Art gesprochen, die in vielen Bereichen unseres Alltags immer noch Tabu ist.

Als junger Cis-Mann, der sich mit seinem zugewiesenen Geschlecht identifizieren kann, lässt sich das vermutlich leicht sagen. Ich werde seltener von anderen sexualisiert oder zum Objekt degradiert. Ich hab es leichter. Doch auch für mich war es eine wichtige Erfahrung, von anderen als sexuelles Wesen gesehen zu werden. Ich denke, es ging vielen jungen Menschen wie mir.

Rap könnte uns helfen, über Sexismus und Macht zu sprechen

Wer gehört wird, ist allerdings immer noch ungleich verteilt. Die Branche muss endlich ermöglichen, dass auch Frauen, Schwule oder bisexuelle Männer (und ganz allgemein queere Personen) ihre Lust selbstbewusst artikulieren können. Denn Rap ist längst Mainstream. Wer im Hip-Hop gehört wird, wird auch gesellschaftlich wahrgenommen.

Meine These ist deshalb, dass Deutschrap – die Musikrichtung, die zu Recht oft kritisiert wird – uns dabei helfen kann, reflektierter über Sexualität und Machtverhältnisse zu sprechen.

Leider scheint ein Großteil der Szene noch nicht soweit, offen schwule Stars oder sex-positive Frauen dauerhaft in seiner Mitte zu akzeptieren. Ich wünsche mir, dass im Radio und in Shisha-Bars zu hören ist, dass nicht nur Männer anrüchig über Frauen singen können, sondern zum Beispiel auch Frauen über Männer oder andere Geschlechter. Damit sollten wir öfter konfrontiert werden. Schließlich beansprucht Hip-Hop ja für sich, die Musik der Diskriminierten zu sein.

Kanackische Welle

Im Podcast "Kanackische Welle" sprechen die beiden deutschen Journalisten Marcel Nadim Aburakia (l.) und Malcolm Ohanwe über Probleme und Eigenheiten von kanakischen Communitys in Deutschland. Von Popkultur, Rassismus, religiösen Spannungen über Gender und dem Dasein als Männer of Color. Das alles gibt es mit einem Lächeln und hochkarätigen Gästen wie zum Beispiel der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli oder dem "4 Blocks"-Schauspieler Hassan Akkouch. 

Meine Vorbilder waren oft aus den USA

Schon als Kind waren die Rapperinnen, die mich geflasht haben, meist Stars aus Amerika. Für Zeilen wie "I used to be scared of the dick, now I throw lips to the shit, handle it like a real bitch" gilt Lil Kim noch heute als Tabubrecherin. Ihre Musik hat schon vor Jahren bewiesen, dass wir nicht hinnehmen müssen, wie Frauen und Männer einander begegnen. Wir alle haben es in der Hand. 

Wenn ich die Zeilen "My neck, my back; lick my pussy and my crack" von Khia im Club höre, spüre ich noch heute einen Energiekick. Die beiden Künstlerinnen sind kompromisslos selbstbewusst. Ihre Songs vermittelten schon vor 20 Jahren mehr Emanzipation als jede Zeile von Fler. Dass wir Frauen sexy zu finden haben, wissen wir ja sowieso.

Solche Songs zeigten mir, dass sich Genderrollen auch verändern lassen. Dass es in Ordnung ist, auf Schwänze und Hodensäcke zu stehen oder gar lustvoll von ihnen zu träumen. Dass Frauen keinen Mann brauchen, um stark zu sein. Wir alle könnten noch viel lernen, wenn wir mehr weiblichen und/oder queeren Rap-Stars zuhören würden.

Nur wer ins Schönheitsideal passte, kam ins Video

In Deutschland leistete Sabrina Setlur Pionierarbeit. Bereits 1995 rappte sie "Du kannst mich lecken wie mein Ex" und brach mit dem Bild der arschwackelnden Frau, die in Musikvideos nichts zu sagen hat. Als Tochter indischer Einwanderer war sie auch für junge migrantische Menschen ein Vorbild. Doch nach dem Höhepunkt ihrer Karriere war es im Mainstream lange Zeit still.

Erst in den vergangenen Jahren bekamen Frauen im Deutschrap wieder mehr Platz. Dank Instagram und Youtube landen Rapperinnen wie Loredana oder Hava inzwischen sogar regelmäßig Nummer-Eins-Hits. Das gab es in den Nullerjahren noch nicht. Kein Wunder: Die großen Label-Bosse sind und waren oft weiße Männer, wie mir die Rap-Journalistin Miriam Davoudvandi in unserem Podcast erklärte: "Die Hip-Hop-Labels nehmen kaum Frauen unter Vertrag. Es ist gut, dass frau mittlerweile auch entscheiden kann: 'Ich fick auf Labels und brauch das nicht mehr!'"

Eine Künstlerin, die solche Strukturen am eigenen Leib erlebte, ist Kitty Kat. Als sie im Musikvideo des Songs "5 Krasse Rapper" 2008 als offizieller Teil von Aggro Berlin vorgestellt wurde, drehte ich den CD-Player extra laut auf. Diese Frau war mutig. Sie drohte ihren Hatern den Penis abzuhacken. Ein absoluter Queen-Moment, der Stärke ausdrückte.

Doch auf diesen Auftritt musste die Berlinerin jahrelang warten. Erst im vergangenen Herbst erzählte Kitty Kat, wie Aggro Berlin sie lange Zeit versteckte. Für das Label war die Rapperin, die immer wieder laszive Gast-Strophen einrappte, offensichtlich nicht hübsch genug. Den Fans sollte die Illusion erhalten bleiben, dass sie wie eine dickbusige, wasserstoffblonde Pornopuppe aussieht.

Gar nicht erst unter Vertrag genommen wurde Lady Bitch Ray. Die promovierte Linguistin und Alevitin rappte schon 2006 über "vaginale Selbstbestimmung" und besang ihre Geschlechtsorgane in allen erdenklichen Facetten. Sie enttabuisierte mit ihrer expliziten Musik weibliche Sexualität.

Lady Bitch Ray 2012 auf der Frankfurter Buchmesse – inmitten einer begehbaren Aufblas-Vulva.

(Bild: Imago)

Ihre Message kam in der Szene jedoch nicht wirklich an, wie sich auch die Rapperin Ebow in unserem Podcast erinnerte: "Die wurde von allen Seiten fertig gemacht. Die Türken haben gesagt 'Die gehört nicht zu uns, das ist eine Kurdin!' Und die Kurden genau umgekehrt." Von der weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft ganz abgesehen. Die massive Kritik führte schließlich dazu, dass Lady Bitch Ray Depressionen bekam – und sich zurückzog.

Weibliche Lust ist im Rap heute kein Tabu mehr 

Trotz dieser ernüchternden Erfahrungen haben Künstlerinnen wie sie, Kitty Kat oder Sabrina Setlur die Branche dauerhaft verändert. Kaum vorstellbar, dass ohne ihre Vorarbeit Nura heute offen über ihre Lust auf spontanen Sex singen könnte ("SOS") oder Ebow eine ganze EP veröffentlichen würde, in der es hauptsächlich um das Lecken von Vulven geht ("Ebow 400").

Überhaupt taucht die "vaginale Selbstbestimmung", die damals noch ein Tabu war, heute in den Texten vieler Rapperinnen ganz unironisch auf. Manche Zeile mögen jetzt einfach das männliche Geschlecht auf seinen Körper reduzieren – in einer Szene, die immer noch von Männern dominiert wird, ist jedoch auch diese Umkehrung wichtig. Queere und weibliche Sexualität gehören normalisiert – am Besten auf voller Lautstärke. Rap sollte zeigen, dass es mehr gibt als "Baby, zeig mir deine Titten" – und es auch heißen könnte "Zeig mir deinen Schwanz" oder "Leck meine Pussy."


Uni und Arbeit

Mein erstes Jahr als Lehrer: "Ich wollte nie einer dieser cholerischen Erwachsenen sein"
Die fünfte Folge unserer Serie über Berufseinsteiger

Tom*, 28, unterrichtet an einem Hamburger Gymnasium Englisch, Politik und Geschichte. Dank eines Lehrauftrags konnte er schon vor Ende seines Studiums in den Beruf starten. Jetzt wartet er auf einen der wenigen Referendariatsplätze. Und versucht, seinen Schülern und seinen beiden Kindern gerecht zu werden.