Die Frau, die sie am meisten liebte, schubste und schlug sie. Trotzdem schaffte es Dese'Rae L. Stage, 33, nicht, ihre Freundin zu verlassen. Zu sehr fühlte sie sich von ihr abhängig, so erinnert sie sich heute.

Ärzte diagnostizierten Stage 2004 eine bipolare Störung – mal hatte sie starke Depressionen, mal besonders viel Energie, war rastlos. 2005 versuchte sie zum ersten Mal, Suizid zu begehen, jahrelang hatte sie sich bereits selbst Verletzungen zugefügt.

Stage tat es an diesem Abend nicht. Ihre Freundin kam früher nach Hause als geplant.

Als Stage eines Tages herausfand, dass ihre Freundin sie betrogen hatte, wollte sie sich endgültig das Leben nehmen. Dieses Mal kam ihre Freundin nicht, obwohl Stage sie gebeten hatte. Stattdessen rief die Frau die Polizei. Stage kam in ein Krankenhaus.

Jedes Jahr nehmen sich mehr als 800.000 Menschen weltweit das Leben (WHO). Dese'Rae L. Stage lebt weiter und will Menschen für das Thema Suizid sensibilisieren. Seit 2010 fotografiert sie Menschen, die einen Suizid-Versuch überlebt haben. "Live Trough This" heißt ihr Projekt. Im Sommer dieses Jahres hatte Stage 166 Menschen aus 28 Städten der USA porträtiert.

Zehn Fotos, zehn Geschichten über Menschen, die froh sind weiterzuleben
"Ich mache eine Ausbildung zur Krankenpflegerin, weil ich anderen Menschen helfen will."
...und nahm zum ersten Mal Medikamente. Jetzt brauche ich nur noch die halbe Dosis."
"Unsere Beziehung zueinander ist die wichtigste in meinem Leben."
"Jetzt habe ich erkannt: Ich brauche immer Menschen um mich."
"Es dauerte lange, aber am Ende fand ich einen Teil von mir wieder."
...viel Macht über dich haben. Aber diese Gedanken müssen nicht immer richtig sein."
Ein Leben aufzubauen, das ohne meine Krankheit auskommt."
...es gibt Menschen mit gleichen Problemen, die es auch geschafft haben."
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Stage studierte Psychologie an der East Tennessee State University und ist darin ausgebildet, Menschen in Krisensituationen zu helfen. Das Fotografieren hat sie sich selbst beigebracht.

2010 begann Stage zunächst über die Anzeigenwebseite "Craiglist", Menschen für das Fotoprojekt zu gewinnen. 2013 bekam das Projekt dann größere Aufmerksamkeit, als Stage via Kickstarter 23.000 Dollar sammelte. Jetzt kommen die Menschen selbst auf sie zu.

Heute arbeitet Stage auch mit Forschern zusammen. Sie werten die Interviews aus, die Stage mit den Betroffenen führt, um mehr über Suizid-Gefährdete zu lernen. Daneben hält Stage zahlreiche Vorträge an Universitäten und auf Konferenzen.

Offen über Suizid zu sprechen, kann Menschenleben retten, daran glaubt Stage. Wir haben mit ihr über ihre Ziele gesprochen:
Dese'Rae L. Stage
Sind die Porträtierten offener zu dir, weil sie deine eigene Geschichte kennen?

Es macht es den Überlebenden auf jeden Fall einfacher, mir zu vertrauen. Sie wissen schließlich, dass ich sie nie verurteilen würde, für das, was sie getan haben. Ich höre einfach zu.

Wir reden am Anfang über die Suizidversuche, aber dann geht es vor allem um das Heute: Was hat ihnen geholfen, weiterzuleben? Wer unterstützt sie?

Belastet dich das?

Manchmal ist es schwierig für mich, bestimmte Details ihrer Geschichten zu hören. Details über Selbstverletzungen. Das können Trigger für mich sein.

Hilfe

Kreisen deine Gedanken darum, dir das Leben zu nehmen? Sprich mit anderen Menschen darüber. Hier findest du – auch anonyme – Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Für viele ist Suizid ein Tabu-Thema. Sie wissen nicht, wie man damit umgeht. Wieso bist du so offen?

Ich halte es für einen Mythos, dass Menschen entscheiden, Suizid zu begehen, nur weil sie bei anderen davon hören. Es ist wesentlich komplexer: Suizid kann man nie auf nur einen speziellen Moment zurückführen.

Über Suizid zu sprechen, baut Vorurteile ab. Scham und Furcht steht der Hilfe oft im Weg. Es gibt Stereotype darüber, wer Suizid gefährdet sein könnte: die stille Person in der letzten Reihe im Klassenraum, das Emo-Kind, die Gothik-Anhängerin. In der Realität gibt es die höchste Suizid-Rate bei Männern mittleren Alters.

Betroffene kommunizieren meist ihre Hoffnungslosigkeit. Mit ihnen darüber zu reden, ist wesentlich, um Leben zu retten. Wir müssen Menschen, die über Suizid nachdenken, zeigen, dass wir das nicht verdrängen, sondern mit ihnen gemeinsam eine Lösung suchen.

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Wie kann man Menschen helfen, die über Suizid nachdenken?

Ich weiß aus meiner Erfahrung, dass es am besten ist, das Problem konkret zu benennen. Also frage ich: "Denkst du über Suizid nach?". Nicht: "Denkst du daran, dir selbst wehzutun?" Dann lass sie einfach reden und höre ihnen zu. Frag sie, was du tun kannst, was sie brauchen. Biete ihnen Hilfe an – oft ganz simple Hilfe: Wasche ihr Geschirr, guck mit ihnen Fernsehen.

Sage ihnen nicht, dass es so viel gibt, für das es sich zu leben lohnt. Sag ihnen auch nicht, dass Suizid egoistisch ist.

Einfach nur für sie da sein und zuhören.


Gerechtigkeit

"Seit heute Nacht haben wir kein Haus mehr": Der Krieg in Aleppo aus Sicht eines Mädchens

Aleppo steht vor der Rückeroberung. Die siebenjährige Bana al-Abed erlebt das so: "Seit heute Nacht haben wir kein Haus mehr, es wurde zerbombt & ich wurde im Geröll verschüttet. Ich habe Leichen gesehen und bin fast gestorben."

Das zumindest twitterte Bana am Sonntagabend: