Bild: Reuters/Vivek Prakash

Am 23. November veröffentlichte Jordy Hurdes bei Facebook ein Video. Der Australier spricht darin über seinen Ecstasykonsum und erklärt, wieso er damit aufgehört hat. Hurdes stottert sehr stark, teilweise ist er nur schwer zu verstehen.

"Doctors can’t believe I’m still alive so I’m grateful I’m still here. It’s a waiting game at the moment to see whether I’ll have permanent jerking like I do now, and with my stutter I’m not sure it will get better any time soon" sagt Hurdes. Sein Rat an alle Menschen: Don't do drugs.

Das Video:

Thank you so much for the love and support from everyone. I honestly can not believe how much the post has gone viral. Please share this video. The more that can see this. The more lives can be saved

Posted by Jordy Hurdes on zondag 22 november 2015

Ist Stottern eine Folge von Ecstasykonsum?

Es ist schwierig, das Video einzuordnen. Das, was Jordy Hurdes widerfahren ist, ist ohne Frage schrecklich. Ob sein Schicksal jedoch tatsächlich mit seinem Drogenkonsum zusammenhängt, weiß man nicht.

Jens Reimer ist Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. Er sagt, Ecstasy verursache zwar neurokognitive Störungen, in der Fachliteratur ist Stottern als Folge von Ecstasykonsum jedoch noch nie beschrieben worden. Natürlich gebe es viele Ecstasykonsumenten, die sich nicht in medizinische Behandlung begeben – "insofern ist es möglich, dass das schon aufgetreten ist. Es ist aber nicht dokumentiert und wenn, dann ein sehr, sehr seltener Fall," sagt Reimer.

Das Video schürt Ängste

“Wenn nach dem Konsum einer Droge eine Krankheit ausbricht, muss es nicht unbedingt ursächlich an der Droge liegen,“ erklärt Ingo Niermann, Autor des Drogenbuchs "Breites Wissen". Durch das Video würden Ängste geschürt, warnt er. “Wir wissen so wenig über diesen Jungen. Das Video bietet eine unglaubliche Projektionsfläche.“

Hängen Ecstasy und Parkinson zusammen?

Hurdes Nachricht erinnert an einen Vorwurf, der schon lange Zeit in der Wissenschaft umstritten ist: Dass MDMA, wie Ecstasy auch genannt wird, Parkinson hervorrufen würde. Seit den 90er Jahren gebe es bereits Studien, die sich mit diesem Zusammenhang beschäftigen, sagt Niermann. "Wobei sich vieles als nicht haltbar erwies."

Bei einer Studie mit Affen wurde den Versuchstieren beispielsweise nicht MDMA, sondern Crystal Meth gegeben (Artikel bei MAPS, Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies). Gleichzeitig habe es auch Studien dazu gegeben, ob Parkinson durch MDMA sogar gelindert werden könne, betont Niermann.

Finger weg von Ecstasy?

Der Rat "Don't do drugs" ist nicht realistisch, sagt Niermann. "Das ist, als würde man, wenn ein Flugzeug abstürzt, sagen: Don’t take planes." In den Wochen nach einem solchen Video nähmen Menschen vielleicht weniger MDMA, täten dann aber vielleicht etwas anderes Riskantes, nähmen eine andere Droge oder tränken stattdessen Alkohol.

Die eigentliche Problematik liege nicht im Drogenkonsum selbst, sagt Niermann. Sondern darin, dass nicht klar ist, was welche Pille enthält. "Ähnlich wie zur Zeit der Prohibition, als viele Menschen an gepanschtem Alkohol gestorben sind."

(Bild: Reuters/Stringer Brazil)
Wie kommt es zu Krankheiten durch Ecstasykonsum?

Störungen oder Krankheiten, die durch Ecstasykonsum verursacht werden, werden durch zwei Faktoren beeinflusst: Die Konstitution des Konsumenten und die Substanz, die er einnimmt. “Der Gebraucher kann eine gewisse Vulnerabilität haben, sodass sich vielleicht ohnehin ein Stottern entwickelt hätte. Oder es kam dadurch, dass er noch andere toxische Stoffe konsumiert hat," sagt Mediziner Reimer.

Im Netz wurden bereits Stimmen laut, Hurdes habe eine extreme Menge verschiedener Drogen konsumiert (Imgur, Reddit). bento bat Hurdes um eine Stellungnahme, bekam jedoch keine Antwort.

Ecstasypillen enthalten immer wieder auch gefährliche Stoffe wie PMA oder PMMA (Paramethoxyamphetamin / Paramethoxymethamphetamin). Diese "sind wesentlich toxischer als MDMA und haben in der Vergangenheit bereits zu einigen Todesfällen durch Organversagen geführt", warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (PDF).

Was kann ich tun, um mich zu schützen?

Da Ecstasy in Deutschland illegal ist, können Konsumenten sich nie sicher sein, was in einer Pille enthalten ist. Herausfinden dürfen das zum Beispiel Apotheker: Nach dem Betäubungsmittelgesetz dürfen sie illegale Drogen entgegennehmen und die Inhaltsstoffe der Pillen testen, ohne sich dabei strafbar zu machen (Paragraf 4, Absatz 1: Zum Gesetzestext). Der Konsument bleibt dabei anonym: Apotheker unterliegen der Schweigepflicht.

Die Apothekentests zeigen den Inhaltsstoff der Pillen auf – sie geben jedoch keinen Aufschluss darüber, wie hoch dieser dosiert ist und wie rein der enthaltene Stoff ist. Diese Informationen könnte ein umfassendes Drug-Checking liefern, an das auch ein Beratungsgespräch anschließt. In Österreich, den Niederlanden und der Schweiz werden solche Programme bereits staatlich gefördert (zum Beispiel dieses Beratungsbüro in Amsterdam).

Eine Lösung wäre nach Niermanns Ansicht auch, Drogen zu legalisieren. “Das klingt paradox. Die Freigabe bedeutet aber nicht, dass alle Drogen nehmen sollen." Durch die Legalisierung könnten Produktion und Verkauf kontrolliert werden. So wüsste der Konsument, was er in welcher Dosierung und welcher Reinheit zu sich nimmt.