Wer schreibt?

Martin Busch, 27, aus Köln, wollte nach Ende seines Referendariats eigentlich mit einem Kumpel durch Südamerika reisen. Dann fragte er sich: Sollte ich die Zeit, die ich habe, nicht nutzen, um mich für Europa einzusetzen und Flüchtlingen zu helfen?

Er suchte im Internet nach Initiativen und fand "Respekt für Griechenland" in Berlin, die das Projekt "Volunteers for Lesvos" ins Leben gerufen haben. Mit deren Hilfe reiste er in die Hafenstadt Mytilini auf Lesbos, um sich dort ehrenamtlich zu engagieren. Am 13. November ging es los, noch bis kurz vor Weihnachten ist Martin dort, lebt mit anderen Freiwilligen in einer WG. Von seinen Erfahrungen – und seine Gefühlen – erzählt er hier.

Woche 2
1. Was hat dich diese Woche besonders herausgefordert?

Das war extrem heftig: Im Camp "Moria" gab es ein Feuer, bei dem eine Frau und ein Kind gestorben sind. Angeblich war beim Kochen eine Gasflasche explodiert. Im Anschluss daran sollen im Camp Unruhen ausgebrochen sein – und es sollen mehrere Brände gelegt worden sein, bei denen es zum Glück keine weiteren Todesopfer gab.

Eine meiner Mitbewohnerinnen war in der Nacht des Brands zur Schicht in dem Camp eingeteilt und wir waren schockiert, als sie uns bei WhatsApp von dem Brand schrieb. Wir saßen gerade in einem Restaurant und machten uns direkt gemeinsam auf den Weg, um zu helfen.

Vor Ort hatten viele Angst, dass es zu weiteren Ausschreitungen kommen könnte, weshalb wir uns darum kümmerten, Familien in Übergangscamps zu bringen. Einige hatte es sogar an den neun Kilometer entfernten Hafen von Mytilini getrieben, sie verbrachten die Nacht draußen.

Als wir die letzten Wartenden in ein sicheres Camp gefahren hatten, war es 4.45 Uhr. An Schlafen war nicht mehr zu denken, da wir für morgens gleich Frühstück und Wasser in die Ersatzcamps bringen wollten. Sonst hätten die Menschen nichts zu essen gehabt.

2. Was hat dich traurig gestimmt?

Wegen schlechten Wetters fiel sowohl die Kinderbetreuung als auch die Jackenausgabe an einem Tag aus, und so entschlossen wir uns, kurzfristig einen Ausflug nach Mithymna im Norden zu machen.

Die Küstenstraßen und Strände waren gespenstisch leer. Man konnte sich nicht vorstellen, wie es hier im vergangenen Oktober noch ausgesehen hatte. Auf seinem Smartphone zeigte ein Kollege uns Bilder davon.

Zu sehen waren: Menschen, die nur in einer Rettungsdecke auf dem Bordstein schliefen. Parkplätze, die von Helfern spontan zu einem Flüchtlingscamp umfunktioniert wurden.

So sieht es gerade in Mithymna auf Lesbos aus – die Bilder von Martin:
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Als wir in ein kleines Tal an der Küste fuhren, baute sich dann plötzlich ein riesiger Berg aus Schwimmwesten vor uns auf, den Helfer bei Aufräumaktionen errichtet hatten. Ein unvorstellbarer Anblick.

Jede einzelne dieser Schwimmwesten hat eine Geschichte. Jede steht für ein Schicksal. In unserer Gruppe wurde es schlagartig ruhig. Jeder beschäftigte sich mit seinen eigenen Gedanken und versuchte, diese Eindrücke zu verarbeiten.

3. Worüber hast du dich besonders gefreut?

Während meine Mitbewohner und Kollegen die Betroffenen nach dem Brand in andere Camps fuhren, kümmerte ich mich um die Menschen, die verzweifelt am Hafen ausharrten.

Wir versorgten sie mit Wasser und Keksen. Ich traf dort ein junges iranisches Ehepaar mit neun Jahre alten Zwillingen. Die Kinder waren in Schlafsäcke gewickelt, während sich das Paar eine Decke teilte.

Alles über die Flüchtlingskrise – unsere Texte zum Klicken:
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Trotz dieser miserablen Situation konnte man fühlen, wie glücklich die beiden waren, sich zu haben. Sie hielten sich fest im Arm, spendeten sich gegenseitig etwas Wärme und schauten sich öfter mal tief in die Augen. Der Vater spielte über sein Handy persische Musik ab. Es wirkte, als träumten sich die beiden zurück in bessere Zeiten in ihrer Heimat.

Zu wissen, was diese junge Familie durchgemacht hat – und dennoch diese Hoffnung in den Augen der Eltern zu sehen, das war für mich ein sehr schöner Moment.

4. Was hast du gelernt?

Ein bisschen Arabisch! Das macht den Umgang mit den Kindern viel leichter. "Shwei Shwei" bedeutet zum Beispiel "nur die Ruhe" oder "langsam" und hilft, die aufgebrachten Kinder beim Sport oder bei Auseinandersetzungen ein wenig zu beruhigen.

Und noch etwas habe ich gelernt: Obwohl ich meine Mitbewohner noch nicht lange kenne, ist es unglaublich, wie schnell man sich aufeinander verlassen kann. In der Nacht des Brandes war es toll, wie alle an einem Strang zogen. Und ich weiß, dass ich jederzeit zu ihnen kommen kann. Das hilft – auch wenn es einem mal nicht so gut geht.


Lies hier, was Martin in seiner ersten Woche auf Lesbos erlebt hat.

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