Bild: Annie Spratt/Unsplash

Vor ein paar Tagen saß ich auf dem Weg zur Arbeit in der vollen S-Bahn neben einer Frau, die lautstark telefonierte. Ich hatte meine Kopfhörer zu Hause vergessen und lauschte unfreiwillig ihrem Gespräch. Nachdem sie aufgelegt hatte, rief sie sofort wieder jemanden an, um mit dieser Person über das eben geführte Telefonat zu sprechen. Als ich zwanzig Minuten später aus der Bahn ausstieg, war ich zwar bestens über das Leben meiner mir unbekannten Sitznachbarin informiert. Aber auch ein wenig genervt.

In Deutschland telefonieren Menschen jetzt erstmals mehr mit ihren Handys und Smartphones als mit Festnetztelefonen. (SPIEGEL ONLINE)

  • 119 Milliarden Gesprächsminuten hat die Bundesnetzagentur für das Jahr 2018 im Mobilfunk gezählt.
  • Über das Festnetz wurden nur 107 Milliarden Gesprächsminuten gezählt. Mehr als 40 Milliarden weniger als noch vor vier Jahren.

Grund dafür ist unter anderem der Wegfall der Roaming-Gebühren innerhalb der EU. Menschen telefonieren jetzt zum Beispiel auch vom Urlaubsort aus öfter und länger mobil. (SPIEGEL ONLINE)

War's das also für das gute alte Telefon? 

Ganz ehrlich: So ein Festnetztelefon ist auf den ersten Blick nicht besonders attraktiv. Die meisten jungen Menschen besitzen es wahrscheinlich nur, weil es gratis beim Internetanschluss dabei war. Oder weil es schon ewig in der WG steht, wo mittlerweile niemand mehr weiß, wo es herkam und wem es eigentlich gehört.

Irgendwie passt es nicht mehr zu einer Generation, der es wichtig ist, sich frei zu fühlen. Außerdem vereint unser Smartphone Kompass, Stadtplan, Taschenrechner. Warum sollte man etwas besitzen, dass das Smartphone sowieso schon kann?

Außerdem ist das Festnetztelefon viel zu groß und viel zu schwer, um chic zu sein. Und in den meisten Fällen zu neu (und zu hässlich), um als stilvolles Vintagestück vom Flohmarkt durchzugehen. Es ist an einen festen Ort gebunden. Selbst schnurlose Telefone haben nur eine gewisse Reichweite. Man nutzt es, ganz anders als das Smartphone, nur für einen einzigen Zweck. Und man kann es nur schwer ignorieren, wenn es klingelt. Es ist unpraktisch, altbacken und irgendwie überflüssig. Und ich liebe es.

Darauf will ich einfach nicht verzichten.

Mein Smartphone liegt häufig stumm irgendwo in meiner Wohnung. Manchmal finde ich es stundenlang nicht und oft genug musste ich es schon mit meinem Laptop orten und einen Signalton darauf abspielen, um es dann unter meiner Bettdecke, hinter einem Sofakissen oder ziemlich offensichtlich auf der Küchentheke liegend wiederzufinden. Lange erinnerte ich mich gar nicht mehr daran, wie der eigentliche Klingelton meines Smartphones überhaupt klingt. 

Bei meinem Festnetztelefon ist das anders. Es ist schön zu wissen, dass meine Eltern, meine Großeltern und Freunde mich trotzdem erreichen können, wenn ich zu Hause bin. Auch mitten in der Nacht, wenn mein Smartphone im Flugmodus ist. Wenn mein Handy klingelt, bin ich erst einmal skeptisch. Wenn mein Festnetztelefon klingelt, weiß ich, dass mir der Mensch am anderen Ende der Leitung wichtig ist. Weil nur diese Menschen meine Nummer haben.

Festnetztelefonate sind stressfreier. Man muss nicht immer erst die Bedingungen klären.

Rufe ich jemandem über einen Festnetzanschluss an, muss ich nicht fragen, wo die Person, mit der ich rede, gerade überhaupt ist. Ich weiß, dass sie nicht im Supermarkt an der Kasse steht und gleich mit Bezahlen dran ist. Ich weiß, dass sie nicht in einem wichtigen Meeting steckt. Und genau das wissen auch alle, die mich zu Hause anrufen.

Zum Telefonieren nehme ich mir gerne Zeit und bleibe konzentriert beim Gespräch, weil ich eben nicht gerade Kleingeld abzählen oder auf den Verkehr achten muss. Außerdem weiß ich, dass ich mit meinen Freunden und meiner Familie am Festnetztelefon offen über Probleme sprechen kann und uns gerade niemand zuhört. Erst recht nicht zwanzig Personen, die sich gerade zufällig im selben S-Bahn-Wagen befinden.

Mein Smartphone ist randvoll mit Apps, Nachrichten, Fotos und Terminen – mein Festnetztelefon gibt mir Ruhe.

Mit meinen Freunden und meiner Familie telefoniere ich oft ziemlich lange. Dann mache ich mir manchmal einen Tee, setze mich auf die Couch und bin mit meiner ganzen Aufmerksamkeit bei mir und meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern.

Von einem Anruf auf meinem Festnetztelefon erwarte ich ein richtiges Gespräch. Bei Anrufen auf meinem Smartphone geht es oft nur um kurze dringende Nachfragen. Alles andere landet sowieso als Sprachnachricht in meinen Nachrichten.

Meine Festnetznummer haben nur Familienmitglieder, enge Freunde – und die Bankberaterin aus meinem Heimatdorf. Nach einer Festnetznummer fragt schließlich sonst auch niemand mehr. 

Natürlich telefoniere ich auch mit meinem Smartphone. Deshalb weiß ich mittlerweile auch genau, dass mir ein Festnetztelefon für richtige Gespräche besser gefällt. Als ich während eines Praktikums in einem kleinen WG-Zimmer lebte, hatte ich nur mein Smartphone. Und in vielen Ecken der Wohnung nicht mal richtig Empfang. Ich vermisste meinen Freund und meine Familie. Ständig brachen die Gespräche ab. Ich verfluchte meinen Netzanbieter und wünschte mir mein klobiges altes Telefon zurück. Als ich dann einen DSL-Vertrag für meine neue Wohnung abschloss, war ich froh, dass der Festnetzanschuss automatisch mit dabei war.  

Ach, Festnetz. Irgendwie erinnerst du mich daran, wie ich früher nach der Schule noch ewig mit meiner besten Freundin telefoniert habe, obwohl wir schon den ganzen Vormittag miteinander verbracht hatten. Daran, dass ich die ehemaligen Festnetznummern aller meiner Schulfreundinnen und -freunde immer noch auswendig kenne. Und daran, dass man ruhig auch mal an alter Technik festhalten kann, ohne Neues zu verpassen. Denn ich glaube, es ist ein bisschen so, wie bei vielen anderen Dingen auch. Wir lernen sie mehr zu schätzen, wenn sie irgendwann nicht mehr da sind. Bis dahin bin ich mobil und auf dem Festnetz erreichbar. Und hoffe, dass das noch lange so bleibt. 


Future

Warum es sich lohnen kann, die Arbeit zu schwänzen
Schlecht drauf? Oder keine Lust? Dann bleib doch einfach zu Hause.

Eigentlich hätte Julia* auch arbeiten können, aber sie ging nicht ins Büro. Sie traf sich mit Freunden, schaute Fußball und trank Bier. Julia hatte Liebeskummer. Sie war nicht krank, aber sie wollte den ganzen Tag heulen – und nicht arbeiten. 

Schon die Wochen zuvor fühlte sie sich überarbeitet, sie hatte lange keinen Urlaub mehr, machte in ihrer Werbeagentur viele Überstunden. Dann stritt sie sich auch noch fast täglich mit ihrem Freund, sie trennten sich. "Ich konnte einfach nicht zurück an den Schreibtisch", sagt Julia, wenn sie an den vergangenen Sommer denkt.

Julia ging zu einem befreundeten Arzt und ließ sich für eine Woche krankschreiben. Die freien Tage verbrachte sie bei ihren Eltern. Sie hatte Angst, dass eine Kollegin oder ein Kollege sie sehen könnte. Sie log, es war ihr irgendwie unangenehm, gleichzeitig "fühlte es sich richtig an", sagt sie. 

Ist schlechte Laune ein Grund, um nicht zu arbeiten? 

Oder ist das Schwänzen? Lässt man die Kollegen hängen oder hätte man sie verheult eh nicht unterstützen können? Und ist eine erholte Arbeitnehmerin nicht viel wertvoller für das Unternehmen?

Darüber haben wir mit drei Menschen gesprochen: 

  • mit einem Unternehmer, der mies gelaunten Angestellten einfach frei gibt,
  • mit einer Arbeitspsychologin, die erklärt, wieso es kein Zukunftskonzept ist, zu Hause zu bleiben,
  • und mit einer Feelgood-Managerin, die sich darum kümmert, dass bei der Arbeit alle glücklich sind. 

2015 gründeten Philip Siefer und Waldemar Zeiler das Berliner Start-up Einhorn, das faire Kondome und Periodenprodukte herstellt. In ihrem Unternehmen leben sie das Prinzip "New Work", also ein Arbeitsleben mit mehr Freiheiten und Selbstbestimmtheit für das Team. Bei Einhorn können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten, Urlaubstage und das Gehalt selbst bestimmen. Sie arbeiten im Home-Office, von überall in der Welt – oder auch mal gar nicht. Siefer findet: "Wer keinen Bock hat, muss nicht zur Arbeit kommen." In seinem Unternehmen sei es sogar gewünscht, sich dann frei zu nehmen.