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Warum ich Frauen nicht mehr als Mädchen bezeichne

Ich stehe mit einer Freundin in einer Bar und nicke in Richtung Tresen, wo eine Gruppe Menschen steht. "Das ist Lenas Schwester", sage ich. "Welche?"

"Das Mädchen mit der Jeansjacke", will ich sagen, aber ich sage es nicht. Ich sage: "Die junge Frau mit der Jeansjacke" und finde, dass es seltsam klingt. Aber es ist mir egal. 

Ich habe vor ein paar Jahren beschlossen, erwachsene Frauen nicht mehr mit dem gleichen Wort zu bezeichnen wie achtjährige Kinder. 

In meinem Alltag ist das nicht so selbstverständlich. Dass Frauen "Mädchen" genannt werden, ist nicht ungewöhnlich. Junge Frauen verkaufen beim "Mädchenflohmarkt" ihre gebrauchten Klamotten, Frauen Mitte 50 freuen sich auf ihre Mädelsabende und statt "Radler" sagt ein Bekannter spöttisch "Mädchenbier". Für Heidi Klum sind ihre Kandidatinnen sowieso einfach nur die "Määädchen" – egal ob 16 oder 26.

Die Entscheidung, wann ich eine weibliche Person als "Mädchen" und wann als "Frau" bezeichne, fällt auch mir nicht immer leicht. Einen festgelegten Zeitpunkt, ab dem wir zu Mädchen plötzlich "Frauen" sagen, gibt es nicht. Die Volljährigkeit oder die erste Menstruation sieht man Menschen schließlich nicht an. Ich weiß auch noch, wie seltsam es sich anfühlte, als Teeanger das erste Mal gesiezt und als Frau bezeichnet zu werden. 

Doch spätestens, wenn eine Frau auf mich erwachsen wirkt, ist sie für mich auch einfach das: eine Frau.

Dr. Christine Ott lehrt an der Universität Würzburg Didaktik der deutschen Sprache und Literatur. Derzeit vertritt sie eine Professur an der Universität München. 

(Bild: privat)

"Früher wurde die Frau erst mit dem Eintritt in die Ehe gesellschaftlich zur Frau, wobei der Ehestatus auch mit Mutterschaft zusammengedacht wurde", erklärt Dr. Christine Ott. Die Philologin erforscht Sprache und Literatur und vertritt derzeit eine Professur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. "Weil für die unverheiratete, aber schon geschlechtsreife junge Frau nicht mehr die Bezeichnung 'Fräulein' geläufig ist, hat sich möglicherweise die Gebrauchsweise von 'Mädchen' in das junge Erwachsenenalter hinein verlängert."

Dass das "Fräulein" verschwindet, finde ich zwar erst mal gut. Aber dass Frauen deshalb länger im Status des "Mädchens" verhaftet bleiben, gefällt mir weniger. 

Das liegt daran, dass der Begriff bestimmte Assoziationen weckt. "Damit verlängern sich auch alle kulturellen Zuschreibungen, wie Jugendlichkeit, Unbedarftheit, aber auch nur eine bedingte Verantwortlichkeit für das eigene Tun", meint die Expertin.

Feministinnen fordern Eigenverantwortung

Die Philosophin Simone de Beauvoir schrieb mit "Das andere Geschlecht" 1949 ein heutiges Standardwerk der feministischen Theorie. Unter anderem wirft sie vielen Frauen darin vor, sich auf dem Status der ihnen zugeschriebenen Verantwortungslosigkeit auszuruhen, anstatt sich dafür einzusetzen, die gleichen Rechte – und damit einhergehend eben auch die gleichen Pflichten – wie Männer einzufordern.

Manchmal kann das positiv gemeint sein. Der Modedesigner Guido Maria Kretschmer bekundet in der Sendung "Shopping Queen" regelmäßig, dass diese oder jene Kandidatin "ein ewiges Mädchen" sei. "Selbst als 'Mädchen' bezeichnet zu werden, mag von manchen erwachsenen Frauen wegen des jugendkulturellen Ideals auch als wenig beleidigend, sondern beinahe als Kompliment wahrgenommen werden", meint Christine. Männer unterlägen hingegen weniger stark dem Jugendkult.

Doch für mich ist das "Mädchen" in den meisten Fällen kein Kompliment. Spätestens, wenn Heidi Klum bei "Germany’s Next Topmodel" mit langgezogenem Vokal nach den "Määädchen" ruft, weiß man, dass in diesem Format junge Frauen nicht als reife, selbstbestimmte und eigenverantwortliche Personen präsentiert werden. 

Dass das Wort "Mädchen" sogar offen abwertend gemeint sein kann, habe ich an mir selbst feststellen müssen. 

Als mein kleiner Bruder vier war und ich 15, hatte er furchtbare Angst vor Spinnen. Sobald er eine sah, rannte er davon. "Stell dich nicht an wie ein Mädchen!", rief ich ihm eines Tages hinterher und bemerkte in diesem Moment, was ich da gerade gesagt hatte.

Etwas "wie ein Mädchen zu tun" bedeutete für mich offenbar, etwas nicht mit ganzer Kraft zu tun, ängstlich oder eitel zu sein. Es war eine Beleidigung, eine Provokation, die ich zwar unbewusst, aber absichtlich an einen kleinen Jungen gerichtet hatte. Ich entschuldigte mich, dass ich so etwas Blödes gesagt hatte. Erst bei ihm. Dann irgendwie auch bei mir. Ich beschloss, das Wort "Mädchen" nie wieder in diesem Kontext zu verwenden.

Denn Worte sind nicht einfach nur Worte. Sprache hat die Macht, Wirklichkeit zu verändern. Indem ich etwas benenne, mache ich es auch zu etwas. Mitte des 20. Jahrhunderts beschrieb der Philosoph John L. Austin in seiner Sprechakttheorie so genannte performative Sprechakte, die wie eine Handlung tatsächlich auf die Wirklichkeit einwirken. Sagt der Standesbeamte beispielsweise "Ich erkläre sie hiermit zu Mann und Frau", ist ein Paar verheiratet. 

Wie Sprache Wirklichkeit erschafft

Verspricht man jemandem, beim Umzug zu helfen oder bittet eine Person darum, ein Fenster zu schließen, greift man durch den Akt des Sprechens selbst in die Wirklichkeit ein. Bei der Eheschließung oder Schiffstaufe ist der Akt des Sprechens selbst die Handlung, die vollzogen wird. Für die von John L. Austin beschriebenen performativen Sprechakte gilt aber immer auch ein bestimmter gesellschaftlicher Kontext. Gäbe es beispielsweise keine Institution wie die Ehe oder würde in Deutschland eine Person einen Gegenstand heiraten wollen, würde der Satz "Ich erkläre sie hiermit als verheiratet" als Handlung, der in die Wirklichkeit eingreift, nicht funktionieren. Genauso wenig wie der Standesbeamte in der Schlange an der Supermarktkasse einfach so zwei Menschen verheiraten kann. 

"'Mädchen' per se ist keine Beleidigung. Aber wenn es als Beleidigung gebraucht wird, zum Beispiel für Personen, die einer Aufgabe körperlich nicht gewachsen sind, dann werden mit dieser Frauenbezeichnung primär defizitäre Eigenschaften wie Schwäche verbunden", sagt Christine. Dass man etwas wie ein Junge täte, habe ich noch nicht so oft gehört – dafür aber, dass man Dinge tut "wie ein Mann". Nämlich richtig, gut, stark und selbstsicher. "Mit dem erwachsenen Mann wird stereotyp Stärke oder Durchsetzungskraft assoziiert – diese Zuschreibungen sind mehrheitlich positiv belegt", erklärt Christine. 

Die Philosophin Judith Butler argumentierte in den 1990ern, dass auch der Ausruf "Es ist ein Mädchen" einer Hebamme das Kind damit erst zu einem Mädchen mache. Ihre These, dass allein ein Sprechakt die Geschlechtsidentität bestimmt, wurde seitdem aber vielfach kritisiert. Auch Christine geht diese Annahme zu weit. Nicht abzustreiten sei aber, dass Sprache Realitäten nicht bloß widerspiegele, sondern die Sicht auf Wirklichkeit auch mitgestalte.

Wie wir sprechen, formt langfristig auch unser Denken und womöglich auch unser Handeln mit.
Dr. Christine Ott

"Wenn mit der Bezeichnung von erwachsenen Frauen als 'Mädchen' auch einhergeht, ihnen weniger zuzutrauen, weniger Verantwortung zu übertragen oder sie unmündig zu behandeln, dann wirkt ein solcher Sprachgebrauch von 'Mädchen' auch an einer strukturellen Benachteiligung junger erwachsener Frauen mit", stellt Christine fest. Gleiches würde auch für eine entsprechende Gebrauchsweise von "Jungen" gelten. 

Ihre Einschätzung deckt sich mit meinem Gefühl. Doch was können wir als Gesellschaft unternehmen? Können wir "Mädchen" nicht einfach zukünftig für stark, unabhängig und eigenverantwortlich stehen lassen?

"Einen Ausdruck aktiv umzucodieren ist schwierig", meint die Philologin. Letztlich wirkt die Sprache und wie wir Begriffe verwenden zu einem gewissen Teil auf die Welt ein – aber eben auch unsere Gesellschaft und die Welt auf die Sprache. Wenn wir also beginnen, "Mädchen" nicht mehr mit Zuschreibungen wie Unbedarftheit oder geringere Verantwortlichkeit zu assoziieren, liegt es bei uns, den Begriff umzucodieren und den bezeichneten Personen damit positive Merkmale zuzuschreiben, die nicht nur auf weibliche Stereotype reduziert sind.

Junge Frauen auch als solche zu bezeichnen ist für mich mittlerweile selbstverständlich. Auch, wenn ich manchmal immer noch zögere. Ich glaube, am besten beginnt man immer bei sich selbst. Meine Freundinnen und ich, wir sind keine "Mädels". Wir sind Frauen.


Gerechtigkeit

Sind junge Männer gewaltbereiter als ältere?

In den Facebook-Kommentaren zu Berichten über Gewalttaten dominiert häufig vor allem eine Frage: Die nach der Herkunft des Täters. Das Alter spielt nur selten eine Rolle, und das Geschlecht nur dann, wenn es ausnahmsweise mal kein Mann war, der zugeschlagen hat. Tatsächlich spielen Frauen in den Kriminalstatistiken bei Gewalttaten auf der Seite der Täterinnen und Täter nur eine sehr kleine Rolle. Dass es offenbar vor allem junge Männer sind, die zur Gewalt neigen, das nehmen wir scheinbar einfach so hin.

Aber ist das denn wirklich so? Sind junge Männer gewalttätiger als ältere Männer? 

Und wenn ja – weshalb?