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Missverstandener Feminismus, wo soll ich nur anfangen? Vielleicht hier: In letzter Zeit beobachte ich, dass es anscheinend "neue Feminismus-Regeln" gibt.  

Wie "Elite Daily" neulich in einem Artikel schrieb, torpedieren "alte" Dating-Regeln wie "kein Sex beim ersten Date" angeblich sogar unsere Beziehungen. Begründung: Wenn wir uns beim ersten Treffen zurückhalten, liefen wir Gefahr, in der Freundschaftszone zu landen. Außerdem würden sich die Dinge nicht natürlich entwickeln, wenn man sich bewusst Zeit ließe. 

Und viele Frauen scheinen das zu beherzigen, zumindest wenn man sich die Ergebnisse der repräsentativen Studie zum Sexualverhalten in Deutschland anschaut, die Christoph Kröger von der Uni Hildesheim im August 2017 präsentierte. Im Interview mit wdr.de erzählt er, dass vor allem jüngere Frauen mehr sexuelle Kontakte haben: "Da zeigt sich schon auch ein Stück weit die Gleichberechtigung." 

Was in der Studie nicht berücksichtigt wurde: Wie glücklich das die Frauen macht. 

Und da liegt für mich auch das große Problem: In dem Bemühen, sich von alten Strukturen und Vorstellungen zu lösen, wenden sich Frauen manchmal ins andere Extrem. Und das vielleicht gar nicht mal, weil sie das unbedingt wollen.

Ein Beispiel: 

Immer häufiger hält sich in solchen Diskussionen die These: Ohne viel Sex weiß man doch gar nicht richtig, wie man lebt. Und als moderne Feministin holen wir uns alles, was die Männer scheinbar haben. 

Und ich beobachte das auch bei mir im Freundeskreis. Eine Freundin von mir, nennen wir sie Laura, schläft sich seit einer Weile durch Berlin, macht es oral, anal, zu dritt und mit Frauen. Es gibt nichts, womit man sie noch überraschen kann.

Doch regelmäßig nach ihren Abenteuern sitzt Laura bei mir in der Küche, grämt sich, leert eine Flasche Weißwein, wundert sich.

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Darüber, dass zwar viele Männer mit ihr schlafen, aber niemand mit ihr eine Beziehung eingehen will. Dabei geht sie offen und voller Zuversicht an ihre Verabredungen, mit der Hoffnung, sich auch mal zu verlieben – und dass sich jemand in sie zurückverliebt. 

Warum sollte schneller Sex dem im Wege stehen?

Doch obwohl es mit dem Sex jedes Mal gut klappt, bleiben Lauras Wünsche in allen anderen Liebesdingen offen. Nicht mal ein richtiges Date mit Ausführen und Umwerben ist drin, sondern meistens nur Verabredungen mit dem offensichtlichen Ziel, am Ende des Abends mit ihr zu schlafen. 

Sie findet es unfair, stempelt Männer als bindungsunfähige Arschlöcher ab, schläft aus Frust mit noch mehr Leuten und fühlt sich jedes Mal aufs Neue abgewertet, wenn eine Tinder- oder Club-Bekanntschaft ihr um zwei Uhr nachts eine Nachricht mit dem Inhalt "Hey, Lust auf Sex?" schickt und sich noch nicht mal die Mühe macht, ein "Wie geht’s dir überhaupt?" voranzustellen. 

Laura hat viele wechselnde Partner – will aber selbst nicht nur einer von vielen wechselnden Partnern sein. 

Als ich ihr gegenüber andeutete, dass ihre gedateten Männer ihr Interesse an einer Beziehung vielleicht nicht erkennen, wenn sie von Bett zu Bett hüpft, wurde sie sauer. Was für eine antiquierte und antifeministische Sexisten-Meinung, dass eine Frau nicht jederzeit mit jedem schlafen könne, mit wem sie will. Die Männer machen das doch auch. Und sie könne alles machen, was ein Mann macht. 

Und genau dort liegt für mich der große Denkfehler:

Feminismus bedeutet nicht, sich gegenseitig wie Arschlöcher zu behandeln.
(Bild: Mitchel Lensink/Unsplash)

Davon abgesehen, dass nicht jeder Mann nur rumvögelt: Ich will mich nicht irgendwie verhalten MÜSSEN, nur weil das unter Umständen bedeutet, eine selbstbestimmte und freie Frau zu sein. 

Seit wann bedeutet Feminismus so vieles, womit er eigentlich überhaupt nichts zu tun hat? Es bedeutet, sich als Mensch zu sehen, unabhängig davon, ob man einen Penis oder eine Vagina hat. Eine Frau kann genauso viel verdienen wie ein Mann – die Geschlechtsorgane haben nichts damit zu tun. Eine Frau kann schlafen mit wem sie will – die Geschlechtsorgane haben mit der Entscheidung dafür oder dagegen auch nichts zu tun. 

"Was ein Mann tut" – das ist doch genauso Klischee so zu denken wie: "Was eine Frau tut." Das wäre genauso missverstanden, wie Männer zu hassen und BHs zu verbrennen.

Laura fühlt sich herabgewürdigt, wenn ihr Date ihr das Gefühl vermittelt, nur an Sex interessiert zu sein – und nicht an ihr als Mensch, ihrem Charakter, ihrem Humor und daran, ob sie ihren Kaffee lieber mit Hafer- oder Mandelmilch trinkt.

Und natürlich kann ich ihr keine Anweisungen oder Ratschläge erteilen, ob sie sich bei ihren Dates mit dem Sex zurückhalten sollte oder nicht – zumal ich der Meinung bin, dass jeder tun und lassen sollte, was ihn glücklich macht.

Aber das ist der Punkt: Es macht sie nicht glücklich, es frustriert sie, dass Männer in ihr zuerst den Sex-Aspekt sehen. Und dann wäre es vielleicht schon eine Überlegung wert, erst mal andere Dinge in den Vordergrund zu stellen.

Es geht nicht darum, irgendwelche Regeln zu beachten, sondern sich gut zu fühlen, mit sich im Reinen zu sein. Für die einen mag das viele Sexualpartner bedeuten. Für die anderen, dass man nur einen hat, vielleicht sogar ein ganzes Leben. Man sollte sich von diesem Gefühl lösen, irgendeinem Vorbild hinterherzuhechten – das einen nicht glücklich macht.

Sich an Sex so lange vollzufressen, bis einem schlecht wird, ist nicht Feminismus. Es ist ein Krampf. 

Unabhängig davon, ob man einen Penis oder eine Vagina hat.

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Die wenigsten Männer aus meiner Umgebung haben so viele Dates und so viel Sex wie Laura. Und keiner von ihnen erzählt so umfassend von seinen Eroberungen wie sie. 

Laura will nicht eine von vielen sein. Aber wer will das schon? 

Kann man den Männern, die Laura kennenlernt, verübeln, dass sie das auch nicht wollen, sich aber exakt so fühlen, wenn sie eine Frau kennenlernen, die mit vielen anderen Menschen schläft?

Wir sollten anfangen, Feminismus eher als Humanismus zu verstehen. Und uns alle gegenseitig mit mehr Respekt zu behandeln und nicht wie Sex-Objekte, die man benutzt und an deren Namen man sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnert. 


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