Bild: Daniel Schaffer/Unsplash
Was das mit mir gemacht hat

Ich fühle mich, als ginge ich zu einem Date. Und so sehe ich auch aus. Kurz hatte ich überlegt, etwas Nostalgisches anzuziehen. Wie würde mein 15-jähriges Ich zu diesem Konzert gehen? Aber ich habe nichts mehr von den Klamotten von damals. Zum Glück. Damals, 2003, habe ich als Schmuck Schweiß- und Nietenarmbänder getragen und durch mein Ohrläppchen hatte ich mir einen schwarzen Faden genäht. Damals war ich gar nicht wenig verknallt in diesen Sänger aus den USA. 

Mein größter Traum war, zu seinem Konzert zu gehen oder noch besser: ihn zu heiraten. 

Doch als ich 15 war, war er 22 Jahre alt – aus meiner Sicht viel älter und dadurch unerreichbar für mich. Ja, genau: nur dadurch. Außerdem wohnte ich auf dem Land und das nächste Konzert war in Köln, 300 Kilometer weit weg. Eine Weltreise, weniger für mich als für die Person, die entscheiden durfte, dass daraus nichts wird. 

Im vergangenen Jahr, ich war gerade 31 geworden und inzwischen Großstädterin, sah ich zufällig, dass er in meine Stadt kommt. Ich hatte ihn fast vergessen. Als Jugendliche in der "Bravo" zu lesen, dass er geheiratet hatte, war damals ein Stich ins Herz gewesen. Heute bin ich selbst glücklich verheiratet. 

Ich kaufte Karten. Fünf Monate lang freute ich mich diffus auf das Konzert. Nicht mehr als auf andere auch. 

Doch jetzt, wo ich mich zurechtmache und alles sehr konkret wird, fühlt sich das ganz anders an. Ich entscheide mich für mein engstes Kleid mit sehr tiefem Ausschnitt. Meinen Ehering trage ich auch. Ich stehe im Bad und spüre mein Herz in Körperteilen schlagen, in denen rein anatomisch keines sein sollte. 

Mir fällt wieder ein, wie mir eine Freundin damals von einem Schülerausflug nach Köln ein Platanenblatt mitbrachte. Warum? Weil er kurz zuvor dort war – und er dort ja auch ausgeatmet hat – und Bäume CO2 aufnehmen und ... ja, ich war wirklich ein großer Fan.

Ich schminke mich genau wie immer und frage mich, ob das wohl reicht. Ich überlege, ob ich vielleicht Mundgeruch habe und frage mich dann, wieso das überhaupt wichtig sein sollte. Plötzlich merke ich, wie ich Angst bekomme: vor den anderen Zuschauerinnen. Werden das alles 14-jährige Mädchen sein? Ich zwischen lauter Kids, die mit dem Smartphone TikTok-Storys machen? Oder werden es Frauen in meinem Alter sein? Allein, ganz ohne Aufpasserin fahre ich zum Club.

Als ich ankomme, stehen keine Jugendlichen vor der Tür, aber vor 15 Jahren waren fast alle der Frauen, die hier warten, Teenager. Ein einzelner Mann ist auch dabei. Die anderen glaube ich, sofort zu kennen. Ihr wart doch genauso verknallt wie ich, denke ich. Ihr habt jede neue "Bravo" nach Artikeln über ihn durchforstet. Ihr seid unter seinen Bildern eingeschlafen, genau wie ich. Ich liebe und hasse sie zugleich. Schön, dass ich mit meinen Gefühlen nicht alleine bin – aber wieso kann ich mit meinen Gefühlen nicht einfach allein sein?! 

So stehe ich draußen in der Schlange. Und um mich herum noch fünfhundertmal ich.

Der Raum ist winzig. Man ist nah an allem dran, ob man will oder nicht. Ich will. Ich gehe direkt zur Bühne, sehe seine Instrumente und habe diesen Kloß im Hals, der eben noch nicht da war. Ich bin sowas von 15. Selbst mit 15 war ich nicht so 15 wie jetzt gerade. 

Die Vorband spielt. Der Sänger kündigt das zweite Lied an mit den Worten: "This is a song called 'Eighteen' and I hope it'll bring you all back to that age!" Dann kommt allen Ernstes eine zweite Vorband. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn es bei einem echten Date auch Vorkandidaten gäbe, die man erst überstehen muss, bevor endlich die Person kommt, wegen der man so nervös ist.

Nach zwei Stunden stehen habe ich Rückenschmerzen. Doch nicht mehr ganz 15.

Direkt neben mir ist die Toilette. Jedes Mal, wenn die Tür sich öffnet, strömt Luft in den Raum, die besser ist als die Luft hier drinnen. Ich habe Angst, im Gesicht zu glänzen, wenn er mich sieht. Mir ist schlecht. Ich weiß nicht, ob das in meinem Magen der Schlagzeugbeat ist oder ebenfalls mein Herzschlag. Wenn ich mir jetzt noch kurz im Mini-Spiegel die Haare richte, wäre das peinlich?

Nach der dritten Vorband ist der Moment endlich gekommen. Ein Mitarbeiter legt eine Flasche Wasser und ein Handtuch direkt zu meinen Knien auf dem Boden der Bühne ab. Die Vorstellung, dass ER sich nachher dorthin beugt, weil er so verschwitzt ist, macht etwas mit mir. 

Er betritt die Bühne und ich sehe ihn zum ersten Mal in meinem Leben wirklich vor mir. 

Er war sehr krank. Das sieht man. Und das schmerzt. Was fällt ihm ein, älter geworden zu sein? Ich schaue ihn an, von oben bis unten und zurück. Ich kenne sein Gesicht so gut, noch immer. Seine perfekte Nase mit dem kleinen Grübchen an der Spitze. Die Narbe unter seinem linken Auge. Seine wunderschönen Lippen. Ich weiß ganz genau, welche Tattoos er wo hat und wieso. Jedes Mal, wenn ich wieder eines erspähe, ist das ein kleiner Triumph. Als bräuchte ich noch Beweise, dass er es wirklich ist. Und dass ich nichts über ihn vergessen habe.

Ich freue mich, dass wir alle erwachsen sind. Also zumindest theoretisch. Kreischende Teenies hätten mir auch als ich 15 Jahre alt war schon jedes Konzert ruiniert. Aber diese Frauen hier kreischen nicht.  Wir sollen bitte genug trinken, sagt er uns und dann: "Water for everyone – on me! No: Water on everyone – for me!" Ich lache ein bisschen zu laut. Er ist noch immer so lustig wie er schön ist. 

Und wenn er singt, er sei immer für mich da, dann kribbelt es. Auch wenn ich fürchte, er meint gar nicht mich.

Normalerweise bin ich nicht gerade der Typ Pokerface. Aber hier versuche ich, mich zusammenzureißen. Vor allem deshalb, weil die Frauen um mich herum pausenlos filmen und ich nicht im Hintergrund fremder Instastorys heulen will. Überhaupt will ich eigentlich nicht, dass das hier gerade noch jemand sieht außer mir. Es fühlt sich sehr intim an. 

Ich bin allein mit meinem Teenie-Ich.

Ich fühle mich der 15-Jährigen in mir wieder sehr nah. Ich will ihr gut zureden, ihr Sicherheit geben. Ein sehr therapeutischer Moment. Ob meine Krankenkasse die Kosten für das Ticket übernimmt?

Irgendwann verlässt er die Bühne und mich. Ich widerstehe der Versuchung, den Boden abzulecken und finde mich damit ab, dass es vorbei ist. Es ist okay. Wirklich. 

Aus irgendeinem Grund weine ich trotzdem im Taxi nach Hause. Vielleicht, weil ich mein unglücklich verliebtes, 15-jähriges Ich so gern in den Arm nehmen würde. Natürlich habe ich mir ein überteuertes Sweatshirt als Andenken gekauft. Als ob ich ein Andenken bräuchte. Ich bin müde, aber ich glühe noch immer, als ich nach Hause komme. Was mein Mann wohl zu Bravo-Postern im Schlafzimmer sagen würde? Och, bitte. Nur ein paar, Schatz. 


Fühlen

Über 30 und ungeküsst: Wie sich ein Leben ohne Beziehung und Sex anfühlt
Manche Millennials sind absolute Beginner in Sachen Liebe. Was macht das mit ihnen?

Es ist der letzte Tag seines alten Lebens. Benjamin ist gerade für einen Job nach Bielefeld gezogen, 27 ist er zu diesem Zeitpunkt. Er fängt bald als Buchhalter bei einer großen Firma an, "Zahlenschieber" nennt er es. Und, wer weiß, vielleicht wird ihm hier in Bielefeld auch endlich seine große Liebe begegnen. Vielleicht wird er seine erste Freundin finden, zum ersten Mal mit einer Frau schlafen. Denn Benjamin hatte noch nie eine Beziehung, noch nie Sex

Dann stirbt Benjamin.

Zumindest nennt er es heute so, sieben Jahre später. Auf dem Weg zur Arbeit fährt er damals mit dem Fahrrad bei Rot über eine Ampel. Aus dem Augenwinkel ist da noch die Straßenbahn, dann wird alles schwarz. Fünf Wochen später erwacht er aus dem Koma, "in mein zweites Leben", formuliert Benjamin es heute. "Von da an wurde alles anders, ich habe erstmals verstanden, das Leben und meine Gesundheit wirklich wertzuschätzen."

Eine Sache ändert sich allerdings auch in seinem neuen Leben nicht. Benjamin, der sich gerne Ben nennt, weiß immer noch nicht, wie er mit Frauen reden soll. 

Auch mit mittlerweile 34 Jahren hatte er noch noch nie Sex und keine Freundin. Warum nicht? Es ist nicht so, dass ihn das alles nicht interessieren würde. "Ich weiß einfach nicht, wie ich mit Frauen ins Gespräch kommen soll", sagt er. 

Es gibt zwar kaum verlässliche Zahlen über Langzeit-Beziehungslosigkeit, aber eine Reihe von Umfragen und Studien, die das Phänomen umkreisen. Das Datingportal ElitePartner befragt jährlich Deutsche zu ihrem Liebesleben. Demnach gaben 2019 sechs Prozent der mehr als 9000 Befragten an, noch nie eine Beziehung gehabt zu haben (ElitePartner). 

Auch wenn Beziehungslosigkeit nicht damit einhergehen muss, keine sexuellen Erfahrungen gemacht zu haben, deckt sich das Ergebnis des Datingportals in etwa mit einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus 2015. Diese stellte fest, dass drei Prozent aller 25-Jährigen Frauen noch nie Sex hatten, bei den Männern waren es sechs Prozent (BZgA). Die Ursachen waren unterschiedlich: fehlendes Interesse, zu schüchtern, religiöse Gründe.