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Es ist oft sehr, sehr anstrengend, nicht zu sein wie der Durchschnitt. Die meiste Zeit ist es vor allem so schwer zu ertragen, weil viele Menschen oft allem, was nicht ihren Normcore-Ansichten entspricht, mit Argwohn, Hass oder Unverständnis begegnen. 

Und das fängt bei vielen schon im Elternhaus an.

Neulich schrieb ein Bekannter, wie seine Mutter abweisend auf seine Homosexualität reagierte. Und als Paul diese Geschichte postete, überkam mich unglaubliche Wut und die Erinnerung daran, wie es für mich war, als ich jung war.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Ich war größer, lauter, anstrengender als der Durchschnitt. Ich war, was man eine "Rotzgöre"  nannte. Meine Eltern waren überfordert, und meine Umgebung war angewidert. Nicht selten sprachen Nachbarn und Lehrer meine Eltern darauf an, wie schwierig und aufmüpfig ich sei.

Meine Eltern und ich, wir entfernten uns mehr und mehr dadurch. Als ich 13 war, sprachen wir so gut wie gar nicht mehr miteinander. Ich war wütend und wurde immer wütender – sie wurden immer stiller. Unser Verhältnis – es existierte viele, viele Jahre nicht.

Und ich gab ihnen dafür die Schuld. Verbohrt und spießig, dachte ich, wie sie sind, da kann es ja nicht anders sein. Ich erinnerte mich an all die Kämpfe und an all die Streitigkeiten zwischen uns, an knallende Türen, an lautes Geschrei, an die Stille danach.

Ich fühlte mich unverstanden und alleine gelassen. Wenn mich jemand nach meinen Eltern fragte, sagte ich: Ja, ich habe Eltern. Das war´s. Ich fuhr höchstens mal zu Pflichtbesuchen an Weihnachten "nach Hause". Wir stritten über die gleichen Sachen wie immer, ich fuhr meistens früher als geplant wieder zurück.

Das hätte das Ende sein können. Klappe zu, Familie tot.

Irgendwann aber hatte ich die Schnauze voll vom Schweigen. Ich hatte alles versucht: Diskussionen, Kontaktabbrüche, Tränen. Ich war müde. Und ich startete einen letzten Versuch. Und der war: radikal alles auf den Tisch packen.

Es begann damit, dass ich von meinem Leben erzählte, die Stimme im Kopf ignorierend, die sagte, dass sie das eh nicht verstehen können, dass sie eh keine Ahnung haben, dass sie nie kapieren würden, wie es ist, ich zu sein. Ich erzählte von Verletzungen und von dem Gefühl, das ich meine ganze Jugend über bis heute mit mir herumtrage: dass meine Eltern nicht stolz auf mich sind, dass sie mich nervig finden, dass sie sich schämen für mich. Ich erzählte nach und nach, was das mit mir machte.

Ich sagte ihnen, dass es mich kränkte und verunsicherte, wenn sie mich auf mein stark schwankendes Gewicht ansprachen. Dass es mich verletzte, wenn sie mir nicht zuhörten, wenn mich etwas ängstigte. Ich sagte ihnen, wie weh es mir tat, wenn sie mich ignorierten.

Und es passierte Erstaunliches. Sie sprachen über ihre eigenen Gefühle. Sie erzählten mir, wie abwehrend und heftig ich reagiert hatte, wie sprachlos sie oft waren. Langsam, Gespräch um Gespräch, fanden sie Worte. 

Manchmal welche, die ich nicht verstand, manchmal welche, die mich wütend machten. Und ganz oft jene, die dazu beitrugen, dass wir heute doch eine Familie sind, die lebt und sich entwickelt. 

Familienprobleme

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Es ist bestimmt kein allgemeingültiger Rat, zu sagen: Sprecht mit euren Eltern, egal, wie scheiße sie waren. Es gibt sicher Eltern, die sollte man am besten nie wieder sehen. 

Aber ich glaube, dass man mit vielen anderen Eltern sprechen kann – auch, wenn die Lebenswelten so unterschiedlich sind. Am Ende nützt es vor allem uns selber, wenn wir zumindest versuchen, all diese Sätze, Dogmen und Mantras, die wir wegen unserer Eltern in uns tragen, zu hinterfragen und zu zerstören.

Ich habe durch unsere Gespräche so viel verstanden: Meine Eltern fanden mich anstrengend – aber niemals so, wie ich dachte. Sie waren immer stolz – sie haben sich nur schreckliche Sorgen gemacht. Sorgen, von denen ich gar nichts wusste. Sie lieben mich wahnsinnig. Und sie verstehen mich heute anders. Sie wissen zum Beispiel, dass ich eher zu viel arbeite, zu viele Dinge gleichzeitig mache, zu viel gebe – gerade, weil ich immer dachte, sie wären nicht stolz auf mich und hielten mich für faul. 

Deshalb sind sie es, die heute sagen: Mach mal langsamer. Ruh dich mal aus. Kündige den scheiß Job.

Und weil sie mir dieses Gefühl geben, vertraue ich ihnen mehr und mehr. Ich erzähle ihnen deshalb auch persönlichere Dinge, die wiederum dafür sorgen, dass sie mir mehr vertrauen.

Ich glaube, das verbitterte Streiten lohnt sich nicht. Denn es ist kein Krieg, den wir gewinnen müssen gegen unsere Eltern. Es ist viel mehr Frieden, den wir wagen können. Das wird oft schiefgehen. Aber gerade bei mir hätte wirklich niemand gedacht, dass ich mich je mit meinen Eltern verstehen würde.

Verstehen im höchsteigentlichen Sinn des Wortes. Ich verstehe sie, und sie verstehen mich. Nicht immer, aber oft genug. So oft, dass ich heute auf die Frage "Und, wie sind deine Eltern so?" nicht mehr antworte "Nun ja, sie existieren", sondern: "Sie sind da für mich. Das ist eigentlich das Wichtigste." Denn weder will ich leben wie sie, noch wollten sie mein Leben haben. Aber wir können uns heute Liebe und Respekt schenken. Und dafür hat sich alles gelohnt.


Today

Trump gegen die freie Presse, Teil 234: Jetzt erwischt es einen CNN-Reporter
Das Video von der Pressekonferenz macht fassungslos.

Bei einer Pressekonferenz von US-Präsident Donald Trump ist es zu einem Schlagabtausch zwischen dem CNN-Reporter Jim Acosta und Trump gekommen. "Sie sind eine furchtbare, unverschämte Person", fuhr der Präsident den bekannten Reporter an – diesem wurde anschließend "bis auf Weiteres" die Akkreditierung entzogen.

Was ist auf der Pressekonferenz passiert?

Nach den Midterms gab der US-Präsident eine Pressekonferenz im Weißen Haus. Acosta sprach ihn dabei auf ein umstrittenes Kampagnenvideo an, in dem lateinamerikanische Migranten zu sehen sind, die als Invasoren dargestellt und mit Schwerverbrechern verglichen werden. "Die sind hunderte Meilen entfernt", so der CNN-Reporter und stellt klar: "Das ist keine Invasion." 

Trump entgegnet ihm daraufhin, dass er – Trump – das Land führe, und Acosta nur CNN – er unterstellt ihm also, keine Ahnung zu haben. Als Acosta eine weitere Frage stellen will, unterbricht ihn Trump: "Das ist genug!" Der CNN-Reporter lässt sich aber nicht beirren und spricht weiter. Als ihm eine Mitarbeiterin des Weißen Hauses das Mikrofon wegnehmen will, hält er es fest.

Schließlich lässt Trump ihn doch noch ausreden. Acosta fragt ihn, ob er nun wegen der Russlanduntersuchungen besorgt sei – das verneint Trump mit dem Hinweis, dass diese ohnehin falsch seien. Schließlich gibt Acosta das Mikrofon ab, nachdem ihm der Präsident nochmals sagt, dass dies genug sei. 

Als ein Reporter des Senders NBC das Mikrofon erhält, wendet sich Trump nochmals an Acosta: "Ich sage Ihnen, CNN sollte sich dafür schämen, dass Sie für sie arbeiten. Sie sind eine furchtbare, unverschämte Person."

Als der NBC-Kollege Acosta in Schutz nehmen will, fährt Trump auch ihn an: "Ich bin auch kein großer Fan von Ihnen."

Hier kannst du die Szene im Video sehen: