Bild: imago/Westend61 Montage: bento

"Es geht um deine Großmutter", sagt meine Mutter am Telefon, und ich weiß, welche sie meint, denn ich habe nur eine. "Ich denke, sie stirbt." 

Ärzte haben einen Tumor entdeckt, sagt meine Mutter weiter, noch diese Woche solle operiert werden, doch die Chancen stünden eher schlecht. Meine Großmutter ist fast 90. Selbst wenn die OP gut geht, sei man nicht sicher, ob sie sich von dem Eingriff erhole. Der Rest meiner Familie wird deshalb zu ihr fahren, sich vielleicht schon verabschieden. Ob ich mitkommen wolle, fragt meine Mutter. Aber ich weiß nicht, ob ich das will.

Als ich klein war, fand ich meine Oma toll. Oder vielleicht eher: Ich fand es toll, eine Oma zu haben. Omas backen Kekse, Omas stecken dir Geld zu, Omas finden jedes Bild schön, das du malst. Alle anderen Kinder mochten ihre Omas, also mochte ich meine Oma auch.

Zumindest so lange, bis ich merkte, dass eine Oma nicht einfach nur eine Oma ist, sondern auch eine eigenständige Person. Und je mehr ich selbst zu einer eigenständigen Person wurde, merkte ich, dass ich mit der Person meiner Großmutter nicht viel anfangen konnte.

Das begann etwa in der Pubertät. Ich wurde eigenwilliger, wollte E-Gitarre spielen statt Klavier, und zum Fußball statt zum Turnen. Meine Noten wurden schlechter, mein Kleidungsstil auffälliger.

Meiner Großmutter gefiel das nicht

Sie wünschte sich ihr kleines "Engelchen" zurück, das mit dem 1er-Zeugnis und dem weißblonden Haar. Statt lobender Worte und Kekse gab es bei meinen Besuchen jetzt abfällige Bemerkungen und hochgezogene Augenbrauen.

Irgendwann sprach ich mit meiner Mutter über diese Entwicklung. Und begriff zum ersten Mal, wie sehr auch sie unter meiner Großmutter litt. Sie erzählte von einer Kindheit unter einer narzisstischen und kontrollsüchtigen Frau, deren Erziehungsmethoden vor allem aus Strafe und Liebesentzug bestanden. Vom mühsamen Erwachsenwerden, das erst richtig gelang, als sie in eine andere Stadt und weit weg von ihrer Mutter zog.

Was nicht genau den Vorstellungen meiner Großmutter entsprach, lehnt und wertet sie ab

Das betrifft nicht nur ihre Familie, sondern auch den Rest der Welt. Die Nachbarn mit rumänischen Wurzeln zum Beispiel, die sie nicht müde wird, als "Zigeuner" zu bezeichnen und für alles verantwortlich zu machen, was in der Gegend schieflief.

Anfangs habe ich meiner Großmutter noch widersprochen. Sie darauf hingewiesen, dass Zigeuner ein verletzendes Wort ist, dass die Nachbarn Deutsche sind so wie sie auch, und gefragt, woher sie überhaupt wissen will, dass der Müll im Treppenhaus von ihnen kommt.

Das habe sie ja alles nicht so gemeint, kam dann meistens, aber naja, etwas sei ja schon dran, ihre Freundin X habe ihr neulich erzählt, und außerdem lese man das ja immer in der Zeitung. Der Rest der Familie verstummte derweil um den Kaffeetisch, ging zum Rauchen auf die Terrasse.

Jedes Mal reisten wir mit einem schlechten Gefühl ab, und wenn wir einen Monat später wiederkamen, derselbe Ablauf: Kaffee und Kuchen, bis irgendetwas – eine Anekdote, eine Bemerkung, ein Wort – eine Diskussion lostrat. Dann Streit, kein Aufeinanderzugehen auf irgendeiner Seite, schließlich Schmollen.

Irgendwann verstand ich: Ich kann meine Großmutter nicht ändern. 

Dazu ist sie schon zu lange so, wie sie eben ist. Aber in meinem Leben haben möchte ich sie so auch nicht.

Mit 18 sagte ich meinen Eltern deshalb, dass ich nicht mehr mitkomme zu meiner Großmutter. Zu ihr sagte ich nichts. Außer einer SMS, in der ich ihr mitteilte, dass die Überweisungen von 25 Euro zu meinem Geburtstag und zu Weihnachten nicht mehr nötig sind. Sie antwortete nicht, fragte nicht wieso. Vielleicht konnte sie es sich denken. Die Zahlungen jedenfalls hörten auf. Seitdem haben wir uns zweimal gesehen, auf Hochzeiten von Verwandten. Sie gab mir dann die Hand, ansonsten redeten wir nicht.

Mit dem Rest der Familie stand sie noch in Kontakt, meine Mutter und sie telefonieren regelmäßig, etwa alle zwei Monate sehen sie sich. Für meinen Kontaktabbruch haben die meisten trotzdem Verständnis. Selbst wollen sie diesen Schritt aber nicht gehen. Auch das verstehe ich: Man hat schließlich nur die eine Mutter. Und eigentlich bewundere ich auch die Geduld meiner Mutter, mit der sie sich Jahr um Jahr mit meiner Großmutter auseinandersetzt. Nur ich, ich habe diese Geduld eben nicht.

Und jetzt ist da also der Tumor. Und mit ihm die Frage: 

Sollte ich in ihren letzten Tagen noch einmal Kontakt mit meiner Großmutter aufnehmen?

Die Funkstille aufzulösen, hätte in den letzten Jahren immer nur einen Anruf gekostet. Doch die nächste Funkstille wäre für immer.

Das Telefonat mit meiner Mutter beende ich erst einmal, ich müsse noch überlegen, sage ich, sie versteht das.

Danach laufe ich durch die Wohnung, denke zurück, denke nach vorn. Ein Foto im Album, meine Großmutter, meine Cousinen und ich, alle lächelnd. Die Erkenntnis, dass ein Teil meiner Familie bald nicht mehr da sein könnte. Ein Teil meiner Geschichte.

Vor einigen Jahren zeugten ein Mann, den ich niemals getroffen habe, und dieser Mensch einen weiteren Menschen, der auf mir unerklärlichen Wegen meine großartige Mutter wurde. Irgendwann bin daraus auch ich entstanden.

Diese Verbindung macht es wahrscheinlicher, dass ich mich im Laufe meines Lebens mit meiner Großmutter auseinandersetzen werde. Aber es heißt nicht, dass ich mich mit ihr auseinandersetzen muss.

Ich stelle mir vor, dass ich zu einem letzten Besuch fahre. Wie sie geschwächt im Krankenbett liegt. Was würden wir uns sagen? Würden wir uns wieder die Hand schütteln? Würde ich sie um Vergebung bitten? Oder sie gar mich? Und wenn ja: Würde all das überhaupt etwas bedeuten?

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Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, ich glaube an keinen Gott und auch nicht an Karma. Ich glaube nur daran, dass man im Leben versuchen sollte, gut zu anderen Menschen zu sein. Meine Großmutter war das nicht. Sie hat anderen Menschen wehgetan, grundlos gehasst, gelogen und intrigiert.

Nach jahrelanger Überlegung hatte ich deshalb beschlossen, dass ich mit ihr nichts zu tun haben will. 

Warum sollte ich diese Entscheidung nun auf einmal widerrufen?

Ein paar Stunden später rufe ich meine Mutter zurück, sie geht sofort ran. "Und?", will sie wissen. Ich antworte: "Ich bleibe hier."


Gerechtigkeit

Trump gibt ausgerechnet Erdogan die Aufgabe, Gegner in Syrien weiter "auszurotten"
Was jetzt in Syrien passiert – und was daran gefährlich wird.

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