Bild: Unsplash/Eric Mclean
"Als mir die Tränen kamen, schrie er mich an."

Einen Roadtrip planen, spontan ans Meer fahren oder einfach nur schnell abends ins Kino – endlich den Führerschein in der Hand zu halten, bedeutet für junge Menschen ein Stück Freiheit, einen Schritt in die Unabhängigkeit, kurzum: etwas sehr Positives. Für viele Fahrschülerinnen ist die Zeit in der Fahrschule allerdings das Gegenteil: eine Qual. Einige von ihnen, häufig erst 16, 17 oder 18, werden in dieser Zeit sexuell belästigt

bento hat mit drei dieser jungen Frauen über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung im Fahrunterricht gesprochen.

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Wir haben in der Redaktion festgestellt, dass viele Frauen in unserem Freundes- und Bekanntenkreis während ihrer Fahrstunden sexuelle Belästigung erlebt haben. Deshalb haben wir bei Instagram einen Aufruf gestartet, um zu schauen, ob mehr Männer und Frauen diese negative Erfahrung teilen. Nach dem Aufruf meldeten sich sehr viele Menschen bei uns – ausschließlich Frauen.

Mit drei Frauen haben wir daraufhin persönlich gesprochen, eine von ihnen wollte in diesem Text lieber anonym bleiben – ihren Namen haben wir geändert. Der echte Name ist der Redaktion bekannt.


Carlotta, 24, machte mit 17 den Führerschein.

Mein Fahrlehrer gab während des Theorieunterrichts bereits immer mal wieder sexistische Kommentare und abfällige Bemerkungen von sich. So richtig eklig wurde es in der ersten Fahrstunde. Während ich schaltete, legte er permanent seine Hand auf meine, um mir die "richtige Bewegung zu zeigen". Irgendwann legte er sogar seine Hand auf meine Schulter. Obwohl mir die Berührung sehr unangenehm war, wurde mir erst später bewusst, dass sie unangemessen war. 

Es blieb aber nicht bei den Berührungen. Er gab ständig sexistische Kommentare von sich. Frisuren seien ihm egal, weil er bei Frauen eh nur "Titten und Arsch" bemerke. Meiner besten Freundin prophezeite er eine Karriere in der Sex-Branche, weil sie ja "so wunderschön stöhnen" könne. Seine Frau, mit der er regelmäßig telefonierte, nannte er abfällig "Puppe". Mir fiel es extrem schwer, diese Kommentare einfach so hinzunehmen, also kam es oft zu Auseinandersetzungen. Er fragte mich dann, ob ich dumm sei. 

„Wenn mir dann die Tränen kamen, schrie er mich weiter an.“

Die Fahrstunden waren für mich eine Qual. Regelmäßig plagten mich Bauchschmerzen, alles in mir weigerte sich, mit ihm in ein Auto zu steigen. Heute bin ich einfach schockiert, wenn ich daran denke, wie dieser Mann, der trotz allem noch immer eine Fahrschule leitet, mit einem 17-jährigen Mädchen umgegangen ist. Von mindestens vier weiteren Mädchen weiß ich, dass sie bei ihm Ähnliches erlebt haben. 

Anisa*, 26, machte mit 17 den Führerschein.

Mein Fahrlehrer war damals um die 50, verheiratet und zweifacher Vater. Das erfuhr ich, während wir an seinem Haus vorbeifuhren und er dabei meinen Oberschenkel streichelte. Die erste Fahrt führte in den nächstgelegenden Wald, um auf einem Parkplatz das Lenken zu üben. Musste er eingreifen, griff er zwischen meinen Oberschenkeln entlang zum Lenkrad. 

Die Fahrstunden durfte ich nur im Top absolvieren, damit er "den Schulterblick besser sehen" konnte. Regelmäßig berührte er meine Träger und Schulter. Zog ich einen Pullover an, stellte er die Sitzheizung auf die höchste Stufe. Die Autobahnfahrten führten in den Harz. Die Beine vetraten wir uns mit einem kurzen Spaziergang um den See, bei dem er den Arm um mich legte. Die Nachtfahrt ging zum nächstgelegenden Schwimmbad. Ich erklärte ihm die Strahler und deren Funktion, daraufhin "belohnte" er mich mit einem Kuss in den Nacken. 

Ich dachte eigentlich immer, dass ich, wenn mir so etwas passieren sollte, diejenige sein würde, die auf jeden Fall etwas sagt. Ich habe kein Problem damit, auf andere Menschen zuzugehen und meine Meinung zu sagen. Doch in dieser Situation fühlte ich mich hilflos. Ich habe das vorher so noch nicht erlebt. Wenn ich heute jemandem davon erzähle, treffe ich auf Unverständnis und auf die Frage, warum ich damals nichts gesagt habe. Ich nehme es niemandem übel, schließlich verstehe ich es ja selbst nicht. 

Der Fahrlehrer zog die Masche auch bei anderen Fahrschülerinnen ab, das erfuhr ich aus Unterhaltungen mit ihnen. Irgendwann setzte er mich unter Druck, um zu verhindern, dass ich meinen Eltern von seinem Verhalten erzähle. Ich sprach mit ihnen erst Jahre später darüber. 

Irgendwann dachte ich darüber nach, ihn anzuzeigen – tat es aber nie. Wenn ich ihn mit anderen Mädchen im Fahrschulauto sah, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Fünf Jahre später wurde er angezeigt. Das sprach sich im Dorf herum. Auch andere Mädchen trauten sich endlich, etwas zu sagen. Er stritt alle Vorwürfe ab und warf ihnen vor, sich alles ausgedacht zu haben. Mittlerweile darf er nicht mehr als Fahrlehrer arbeiten, eine richtige Strafe bekam er aber nie.

Sarah, 25, machte mit 17 den Führerschein.

Zu Anfang wirkte mein Fahrlehrer wirklich sehr nett. Als er mir während der Fahrstunde allerdings zeigen wollte, wie man mit der Gangschaltung umgeht, legte er jedes Mal seine Hand auf meine. Da ich meine Fahrstunden im Sommer absolvierte, trug ich häufig Tops. Er machte dazu regelmäßig anzügliche Bemerkungen. Als er schließlich einige Fahrstunden später fragte, wie denn eigentlich mein Sexleben laufe, begriff ich erst, dass etwas nicht stimmte. 

„Bis dahin dachte ich immer, sein Verhalten sei normal.“

Die Bemerkungen über meinen Ausschnitt ignorierte ich. Ich wollte ja den Führerschein, also dachte ich, ich müsste einfach über die "Macken" des Fahrlehrers hinwegsehen. Das sagten mir auch meine Eltern, als ich ihnen davon erzählte. Als mir Freundinnen sagten, dass ihnen so etwas nicht passierte, wollte ich die Fahrschule wechseln. Das Ganze machte mich aber so fertig, dass ich den Unterricht komplett abbrach und erst jetzt – mit 25 – einen zweiten Versuch in einer anderen Fahrschule wagte. Mein jetziger Fahrschullehrer ist sehr geduldig und ruhig, das hilft mir. Trotzdem ist die Angst nicht weg. 

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