"Nur Verlierer gehen zu Nutten"

Vor zwei Monaten habe ich zugesagt, eine Kolumne über meinen Nebenjob zu schreiben. Damals dachte ich: Ich weiß, wie sehr Sexarbeit in unserer Gesellschaft stigmatisiert ist. Damit lag ich falsch.

Bisher empörte ich mich, wenn ich von anderen Kolleginnen hörte, dass ihre Familie ihre Arbeit nicht akzeptiert. Und wenn ich sah, wie abschätzig manche Menschen Sexarbeiterinnen auf der Straße ansehen.

Das liest Eva über sich, wenn sie die Kommentare zu ihrer Kolumne studiert – zum Klicken:
"ausgeleierte Futt"
"zum Fremdschämen"
"Leute, die sich als 'polyamor' bezeichnen, sind tatsächlich einfach Nutten"
"selbstzerstörerisch"
"widerlich"
"Förderung und Glorifizierung von Prostitution"
"tiefe psychische Probleme"
"volksfeindlich"
"Nutte ist man immer hauptberuflich. Mit Betonung auf Ruf."
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Aber ich selbst hatte und habe das Privileg, mich in einem sehr offenen und toleranten Umfeld und Freundeskreis zu befinden. Ich lebe in polyamoren Beziehungen und meine Partner haben mich immer in meinen Vorhaben unterstützt. Das galt auch für meine Entscheidung, mir durch erotische und sexuelle Dienstleistungen etwas Geld dazuzuverdienen.

Natürlich ist mir klar, dass die Kommentatoren auf Facebook nicht unbedingt einen realistischen Querschnitt der Gesellschaft darstellen. Theoretisch weiß ich das. Praktisch machen mir die Kommentare Sorgen.

Mir machen die Kommentare Sorgen

Ich wurde in den vergangenen Wochen mit Schmähungen überhäuft – und mir wurde jede Urteilsfähigkeit über mein eigenes Leben abgesprochen. Persönliche Angriffe, nur weil ich zugab, als Sexarbeiterin tätig zu sein.

Ich weiß, es ist feige: Aber ich war noch nie so froh, ein Pseudonym verwendet zu haben.

Als Sexarbeiterin sei ich "emotional beschränkt", "eklig", "triebgesteuert". Ich würde mir "in die Tasche lügen", hätte "tiefe psychische Probleme", hätte "jede Selbstachtung verloren", wäre "selbstzerstörerisch", "krank“, "widerlich", "volksfeindlich" und hätte ein "Problem mit mir selbst". Ich würde "verstümmelt am Straßenrand enden" und schreibe "kranken Müll".

Warum ich überhaupt mit der Prostitution angefangen habe? "Purer Egoismus", "Gehirnwäsche", "Luxus-Probleme", "Selbstmissachtung", "Selbstzerstörung", "Zwang", "Ausbeutung", "Erniedrigung" und eine "massive psychologische Störung".

Was meine Gäste angeht: "Nur Verlierer haben es nötig, zu Nutten zu gehen." Männer sähe ich auch in meiner Freizeit "nur als lebende Geldautomaten".

Da ich zu allem Überfluss auch noch polyamore Beziehungen führe, wäre ich außerdem "zum Fremdschämen", "wie ein Tier", hätte eine "ausgeleierte Futt", wäre eine Vertreterin der "Konsumgesellschaft", triebe es vermutlich auch mit Hunden und Ziegen, wäre "gestört" und würde "allein und einsam sterben". Ein Fazit war: "Leute, die sich als 'polyamor' bezeichnen, sind tatsächlich einfach Nutten."

"Nur Verlierer gehen zu Nutten"
Kommentar

Manche Kommentatoren meinten, in meiner Kolumne "abgeschmackte Nuttengeschichten" zu finden oder gleich eine Verschwörung der Medien zur "Förderung und Glorifizierung von Prostitution", dem "Weißwaschen von Prostitution" und dem hinterlistigen Plan, junge Mädchen in die Sexarbeit zu drängen.

Mitte nächsten Jahres wird das neue Prostituiertenschutzgesetz in Kraft treten. Es wird mich dazu zwingen, meine persönlichen Daten bei einer noch nicht näher spezifizierten Behörde eintragen zu lassen. Ich fürchte, dass mir das persönlich und beruflich schaden wird. Ob wohl auch meine Krankenkasse und Versicherung auf die Daten zugreifen können?

Gehöre ich als Prostituierte dann schon zur Risikogruppe?

So genau kann das noch nicht mal Amnesty International in ihrer Kritik des Gesetzes sagen.

Hinzu kommt: Ich muss als angemeldete Sexarbeiterin einen sogenannten Hurenausweis bei mir tragen. Vermutlich mit Foto. Ich möchte gar nicht daran denken, dass mir mein Portemonnaie gestohlen wird – oder ich es bei der Arbeit verliere. Vielleicht ist der nächste Polizist, der mich kontrolliert, einer der Kommentatoren von oben. Der Gedanke macht mir Angst.

Mir macht der Job Spaß!
Sobald das Gesetz im Juli 2017 wirksam ist, werde ich gezwungenermaßen mit der Sexarbeit aufhören.

Das finde ich schade, denn es macht mir Spaß – und ich habe das Gefühl, meinen Gästen etwas Besonderes zu schenken.

Aber meine Angst überwiegt, in einer Gesellschaft mit Hurenausweis rumzulaufen, die diese Arbeit dermaßen verurteilt.

Wie sagte eine Kommentatorin so schön? "Nutte ist man immer hauptberuflich. Mit Betonung auf Ruf." Ich fürchte fast, sie hat recht.

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