Bild: Memphis CVB, CC-BY-Lizenz, http://bit.ly/1LiHEom
Glutenfreies Duschgel und glutenfreies Hundefutter: Es ist gerade ziemlich angesagt, auf den Klebereiweiß zu verzichten. Timo, 22, nervt das. Denn er darf ihn wirklich nicht essen. Hier erzählt er, warum der Hype für ihn gefährlich werden könnte.
Ich vertrage kein Gluten. Nicht mal einen Krümel, sonst muss ich mich übergeben, kriege Durchfall und Bauchschmerzen. Gluten steckt in Weizen, Dinkel oder Roggen. Normales Brot, normale Nudeln, Bier – all das ist für mich tabu. Zöliakie heißt die Krankheit.
Euer Hype nervt mich
‚Hast du das wirklich oder machst du es aus Überzeugung?’, wurde ich vor ein paar Monaten beim Frühstück mit Freunden gefragt. Wie immer hatte ich meine eigenen Brötchen mitgebracht, ohne die ist so ein Frühstück für mich eher mau. Ich habe einen Moment gebraucht, um zu verstehen, was gemeint war: Ob ich freiwillig auf Gluten verzichte – obwohl ich das nicht müsste. Solche Menschen gibt es zuhauf: Kein Gluten zu essen, ist gerade angesagt.
Auf Tumblr gibt es das Gluten free museum
http://glutenimage.tumblr.com/post/110250319471/daprès-walt-disney
Du willst auch eine Gluten-Intoleranz haben? Klar, kein Problem
#Glutenfreevegan ist zu einem Lifestyle geworden. Unter dem Instagram-Trend finden sich 100.000 Beiträge
Ach ja, Miley Cirus hat jetzt auch eine “Gluten-Allergie”

Auch in Deutschland gibt es zum Beispiel glutenfreies Hundefutter. Oder glutenfreies Duschgel.

Ehrlich gesagt: Ich verstehe die Menschen nicht, die freiwillig kein Gluten essen. Mich schränkt meine Krankheit ein. Ich muss immer genau aufpassen; unbekannte Gerichte, Läden und Restaurants meide ich.

Was passiert, wenn ich aus Versehen Gluten esse

Normalerweise weiß ich, was ich essen darf und was nicht. Leben mit Zöliakie ist kein unlösbares Problem. Aber hin und wieder geht es doch schief. Das letzte Mal im Urlaub auf Malta:

Mit dem Koch des Hotels hatte ich vorab geklärt, dass ich glutenfreies Essen bekomme. Zum Abendessen gab es Nudeln mit Hähnchen. Die Nudeln gingen natürlich gar nicht. Zum Hähnchen gab es eine Soße, und die war mit einem Soßenbinder angerührt. In der Regel enthält der Soßenbinder Weizenmehl – auch das ging also nicht.

Böse Soße, böse Nudeln. Gluten everywhere(Bild: Steven Depolo, CC-BY-Lizenz, http://bit.ly/1MX4iTk)
Der Koch machte mir deshalb ein neues Hähnchen ohne Soße. Dazu gab es für mich Couscous. Das Problem: Offenbar gibt es zwei Arten von Couscous – eine aus Weizengrieß und eine aus Hirse. Couscous aus Weizengrieß ist aber nicht glutenfrei. Weder der Koch noch ich wussten das.
Erbrechen bis fast zur Bewusstlosigkeit
Eine Stunde nach dem Essen fühlte sich mein Magen plötzlich flau an. Noch im Taxi in Richtung Innenstadt musste ich mich übergeben. Zwei, drei Mal am Straßenrand. Ich versuche den Brechreiz immer so hart wie möglich zu unterdrücken, weil es extrem unangenehm ist, viel schlimmer als ein normales Übergeben. Im Hotel ging es immer weiter, fast bis zur Bewusstlosigkeit. Geschlafen habe ich dann neben der Toilette. Insgesamt passiert mir das etwa alle zwei Jahre.
Der Unterschied zwischen Zöliakie und einer leichten Glutenunverträglichkeit
Die Diagnose von Zöliakie ist nicht immer einfach. Manche entwickeln die Krankheit erst als Erwachsene. Die Deutsche Zöliakie Gesellschaft geht davon aus, dass rund 400.000 Menschen in Deutschland die Krankheit haben.

Andere leiden nur unter einer leichten Glutenunverträglichkeit. Viele fühlen sich mit einer glutenfreien Diät auch einfach besser – obwohl sie gar nichts haben.

Der Grund ist einfach: In westlichen Gesellschaften essen wir alle ziemlich viele Kohlenhydrate. Wer die weglässt und sich von Fleisch und Gemüse ernährt, isst zwar weitestgehend glutenfrei und vor allem magenschonend. Mit einer solchen Diät lässt sich relativ leicht abnehmen. Deswegen leben Stars wie zum Beispiel Russel Crowe glutenfrei. Hinter dem Hype steckt also vor allem eine Diätmode.

Für einige sind Glutenreste im Essen kein Problem. Für mich schon
Mit diesen Leuten in einen Topf geworfen zu werden, ist nervig. Vor allem weil sie keine Konsequenzen zu befürchten haben. Mal aus Versehen ein bisschen Gluten im Essen gehabt? Für sie ist das kein Problem.

Ich will natürlich nicht alle Menschen verurteilen, die auch ohne Zöliakie auf Gluten verzichten. Jeder kann entscheiden, ob er Gluten isst oder nicht. Darum geht es mir aber gar nicht.
Das Problem mit dem Hype
Noch muss ich in Deutschland keine Angst haben, dass der Typ in der Pommesbude unvorsichtig ist – und mir aus Versehen Gluten-Reste ins Essen mischt. Spätestens aber wenn der Hype auch hier so richtig ankommt, wird er zu einem Problem: Menschen, die nach glutenfreier Nahrung fragen, könnten für Anti-Gluten-Spinner gehalten werden.

Vielleicht achten die Köche dann irgendwann nicht mehr so genau darauf, ob die Arbeitsplatte wirklich frei von Gluten ist. In dem Fall könnte ich Köchen und Verkäufern noch weniger vertrauen – und müsste mich noch mehr einschränken.