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Was passiert, wenn man eine Gruppe Menschen in einem Raum sperrt – und dann über einen Bildschirm beobachtet, wie sie versucht, sich zu befreien?

Was als wissenschaftliches Experiment vermutlich durch keine Ethik-Kommission kommen würde, habe ich als Studentin zwei Jahre lang in meinem Nebenjob in einem Escape-Room beaufsichtigt. 

Und dabei vielleicht mehr über Menschen – und den Umgang mit ihnen – gelernt als in meinem vierjährigen Soziologie-Studium. Zum Beispiel, dass sie alle immer die gleichen Witze machen. Und die gleichen Fragen stellen. Ganz vorne mit dabei: "Und was ist, wenn wir nicht mehr rauskommen?" 

In den vergangenen zehn Jahren haben Escape Rooms einen Boom erlebt – mehr als 1000 Räume gibt es in Deutschland inzwischen nach Schätzungen eines Fachverbandes (NOZ). Sie alle funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip: Eine Gruppe von Menschen wird in einen Raum eingeschlossen und muss mithilfe von Rätseln und Gegenständen innerhalb einer bestimmten Zeit entkommen. 

Als Spielleiterin begleitete ich die Besuchergruppen durch das gesamte Spiel. Vor Beginn jedes Slots, so nennt sich das einstündige Spiel und das anschließende 15-minütige Aufräumen, gab ich eine umfangreiche Erklärung, wie man sich am besten in den Räumen verhält und was man beachten sollte, um schnellstmöglich die Rätsel zu lösen. Dazu gehörte: Keine Gewalt, kein Umstellen der Möbel, nein, die Steckdosen sind kein Versteck und natürlich sind die Türen nicht wirklich verschlossen – Sicherheit geht vor.

Ich erklärte den Spielerinnen und Spielern auch jedes Mal, dass ich sie die ganze Zeit über eine Kamera sehen und hören konnte. Die meisten schienen das aber vergessen zu haben, sobald die Tür hinter ihnen zu fiel. Weil sie das Rätsel unbedingt alleine lösen wollten, kamen sie auf die verrücktesten Ideen: Sie rissen Schränke aus ihren Verankerungen, nutzten mitgebrachte Feuerzeuge, um Licht zu machen oder versuchten eine Box mit einem Zahlenschloss aufzubrechen. 

Mein Höhepunkt war, als eine Gruppe plötzlich einen Akkuschrauber auspackte und alle möglichen Schrauben löste. Da musste ich dann doch einschreiten. Für den Schaden mussten die Gäste allerdings nicht aufkommen, auch das gehörte bei uns zum Kundenservice.

Freundlichkeit und Geduld sind die wichtigsten Eigenschaften einer Spielleitung – in beidem musste ich mich in dieser Zeit immer wieder üben. Denn es gab einige Gäste, die ich lieber aus dem Raum geworfen hätte, anstatt sie nach der Tour noch freundlich um eine Online-Bewertung zu bitten.

Nach einer Zeit konnte ich die Gäste aber zumindest ziemlich schnell scannen und einschätzen, was mich in den nächsten Minuten erwartet. Dabei gab es vor allem drei Arten von Besuchergruppen.

Die einen kamen nur wegen der Feier eines Geburtstages, einem Teambuilding-Event, einer Hochzeit oder einem Junggesellenabschied. Vor allem letztere waren einfach zu identifizieren: bunte Partyoutfits, ein gewisser Alkoholpegel und keine Ahnung, worum es bei einem Escape Room eigentlich geht. Wirklich Lust hatten sie nie, und aus dem Raum schafften sie es in der vorgegebenen Zeit nur mit zahlreichen Hinweisen. 

"Verlieren" durfte bei uns nämlich niemand. Jede Gruppe sollte alle Rätsel schaffen, auch wenn das bedeutete, dass sie mehr als eine Stunde brauchte. So kam es sogar vor, dass sich Junggesellen im Raum übergaben – aber trotzdem weiterspielten, bis sie von selbst rausfanden. 

Natürlich gab es auch nette Gäste. Meistens waren das Neulinge, oft Familien oder Freunde, die sich seit Wochen auf den Tag gefreut hatten. Sie waren bei der Einweisung aufmerksam, hörten genau zu. Wenn sie ein Rätsel lösten, freuten sie sich wie kleine Kinder über jeden Erfolg. Ihre Freude half mir, die Rätsel, deren Lösung ich auswendig kannte, wieder wertzuschätzen – und mich zu erinnern, warum Menschen sich überhaupt in so einen Raum einsperren lassen.

Und dann gab es die Cracks. Das waren meistens eine Truppe von Männern, die in ihrer Freizeit Brettspiele oder Knobelaufgaben lösen und sogar Blogs darüber schreiben. Diese Gruppe outete sich spätestens, wenn ich sie mit Hilfsangeboten belästigte: Die wurden sofort abgewehrt, Hinweise brauchten diese Profis natürlich keine. Solche Gruppen lösten einen 60-Minuten-Raum dann auch mal in weniger als 40 Minuten – als Spielleiterin hatte ich in dieser Zeit nichts zu tun. Was ich schade fand: Solche Spieler verloren oft den Blick für die aufwendige Gestaltung und das hübsche Bühnenbild, weil sie nur eine Rekordzeit hinlegen wollten.

Doch auch wenn ich nach der 200. Gruppe meinte, die Besucherinnen und Besucher durchschaut zu haben: Das Spannendste war eigentlich, wenn ich feststellte, dass ich mich in einer Gruppe getäuscht hatte. 

Denn egal, zu welchem Typ eine Besuchergruppe gehörte: Die Escape Rooms sind nicht als Egonummer konzipiert – um rauszukommen, muss man zusammenarbeiten. Und so konnte ich im Laufe der 60 Minuten fast immer eine Veränderung in der Gruppendynamik beobachten. Wenn die Spieler feststellten, dass sie nicht weiterkamen, und sich aufeinander einstellen mussten, sich gegenseitig halfen, sich Stärken und Schwächen der Einzelnen abzeichneten – und die Gruppe schließlich durch die Zusammenarbeit viel besser wurde.

In solchen Momenten fand ich meinen Job richtig schön – und interessanter als jede soziologische Feldstudie.


Fühlen

Wir sind keine Mädchen – wir sind Frauen
Warum ich Frauen nicht mehr als Mädchen bezeichne

Ich stehe mit einer Freundin in einer Bar und nicke in Richtung Tresen, wo eine Gruppe Menschen steht. "Das ist Lenas Schwester", sage ich. "Welche?"

"Das Mädchen mit der Jeansjacke", will ich sagen, aber ich sage es nicht. Ich sage: "Die junge Frau mit der Jeansjacke" und finde, dass es seltsam klingt. Aber es ist mir egal. 

Ich habe vor ein paar Jahren beschlossen, erwachsene Frauen nicht mehr mit dem gleichen Wort zu bezeichnen wie achtjährige Kinder. 

In meinem Alltag ist das nicht so selbstverständlich. Dass Frauen "Mädchen" genannt werden, ist nicht ungewöhnlich. Junge Frauen verkaufen beim "Mädchenflohmarkt" ihre gebrauchten Klamotten, Frauen Mitte 50 freuen sich auf ihre Mädelsabende und statt "Radler" sagt ein Bekannter spöttisch "Mädchenbier". Für Heidi Klum sind ihre Kandidatinnen sowieso einfach nur die "Määädchen" – egal ob 16 oder 26.

Die Entscheidung, wann ich eine weibliche Person als "Mädchen" und wann als "Frau" bezeichne, fällt auch mir nicht immer leicht. Einen festgelegten Zeitpunkt, ab dem wir zu Mädchen plötzlich "Frauen" sagen, gibt es nicht. Die Volljährigkeit oder die erste Menstruation sieht man Menschen schließlich nicht an. Ich weiß auch noch, wie seltsam es sich anfühlte, als Teeanger das erste Mal gesiezt und als Frau bezeichnet zu werden. 

Doch spätestens, wenn eine Frau auf mich erwachsen wirkt, ist sie für mich auch einfach das: eine Frau.