"Ich bin eine erwachsene Frau. Ich kriege das hin."

Ich stand vor der Hotelzimmertür, hinter der mich mein erster Gast erwartete. Ich war aufgeregt wie vor einem wichtigen Bewerbungsgespräch und murmelte innerlich immer wieder das gleiche Mantra: "Ich bin eine erwachsene Frau. Ich kriege das hin."

Mehr als drei Wochen waren vergangen, seit ich auf den "Senden"-Button in meinem E-Mail-Programm geklickt und meine Bewerbung an die Escort-Agentur abgeschickt hatte.

Evas erste Sexkolumne

Zu meiner Erleichterung hatte die Agenturchefin bisher recht behalten: Niemand der Hotelangestellten, an denen ich zielstrebig in Richtung Aufzügen vorbeigeeilt war, hatte meine Personalien verlangt. Oder mich bis zum Eintreffen der Staatsicherheit auf dem Boden fixiert.

Als die Tür aufging, stand ich einem freundlich aussehenden Mann um die 50 gegenüber. Er lächelte mich entwaffnend an und bat mich hinein. Verdammt, war ich dankbar, dass er in diesem Moment den Smalltalk übernahm!

"Hast Du gut hergefunden?"
"Dein erstes Agentur-Date? Du bist sicher aufgeregt!"
"Möchtest Du eine bestimmte Musik hören?"
"Die haben hier ausgezeichnete Erdbeertorte!"

Über unsere neue Kolumnistin Eva

Bücherwurm, Sonnenanbeterin, Kind der 90er. Lebt und liebt in polyamoren Beziehungen. Neben ihrem Hauptberuf arbeitet sie in Teilzeit als selbstständige Sexarbeiterin. Wie sie sich dabei fühlt und was sie so erlebt, ist das Thema ihrer Sexkolumne.

Ich ließ mir von ihm das Hotelzimmer zeigen, das eher einer kleinen Wohnung mit Whirlpool ähnelte. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir nicht vorstellen, dass die allermeisten meiner Gäste mindestens genauso nervös sind wie ich. Gleich zu Beginn überreichte er mir höflich einen Umschlag mit meinem Honorar – 800 Euro für zwei Stunden.

Anders als bei einem "echten" Date dachte ich nicht darüber nach, ob ich mein Gegenüber körperlich attraktiv finde oder mir eine Beziehung vorstellen könnte. Von Anfang an achtete ich darauf, meine Körpersprache und meine Gesprächsthemen an ihn anzupassen.

Als er mir zum Beispiel erzählte, welcher Film ihm zuletzt besonders gefallen hatte, empfahl ich ihm ähnliche Filme, die mich begeistert hatten. So bestätigte ich ihn einerseits in einem seiner Themen – was die meisten Menschen glücklich stimmt – und spiegelte andererseits authentisch seine Freude.

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Nach und nach entstand so in der kurzen Zeit die für diesen Abend größtmögliche Verbindung zwischen uns. Fand ich höchst spannend, allerdings strengte es mich auch emotional sehr an.

Denn ich hyperfokussierte mich auf eine Person und stellte meine eigenen Befindlichkeiten und Gesprächsthemen zeitweise zurück. So wie es auch Therapeuten bei ihren Patienten tun oder Vertriebler in einem Verkaufsgespräch. Kurzfristig handelt es sich um ein sehr hilfreiches Tool, um eine Illusion von Vertrautheit mit fremden Menschen zu kreieren.

Er wünschte sich zärtlichen Sex.

Nach circa 20 Minuten Smalltalk lenkte ich unser Gespräch auf sexuelle Wünsche und Phantasien. Ich sagte ihm, dass er sich für nichts zu schämen bräuchte. Ich wollte hören, wie er sich einen perfekten Abend mit mir vorstellte. Was ihn anmachte. Was er gerne ausprobieren wollte. Ob er irgendwelche Bedenken oder Ängste hatte.

Was er mir nach und nach ein wenig schüchtern anvertraute, war schließlich weniger spektakulär als gedacht: Er wünschte sich zärtlichen Sex. Er würde mich gerne dabei küssen. Er wollte mir dabei zusehen, wie ich mit einem von ihm mitgebrachten Vibrator vor ihm auf dem Bett masturbierte. Er hätte wahnsinnig gerne einen geblasen bekommen.

Check. Check. Check. Check. All das lag innerhalb meines emotionalen und körperlichen Wohlfühlbereichs. Gegen Bezahlung wollte ich ihm die Freude gern machen.

Mir ging es gut. Sehr gut sogar. Ich war stolz auf mich.

Dazu muss ich sagen: Ich stehe sexuellen Vorlieben unter Erwachsenen grundsätzlich tiefenentspannt gegenüber – sofern alle Beteiligten einverstanden sind. Von mir aus können sich die Menschen auch im Hühnerkostüm durch die Wohnung jagen und anschließend gegenseitig in den Arsch ficken. Ich muss ja nicht bei allem mitmachen.

Beim Sex selbst kümmerte ich mich nicht um meine eigene Erregung, sondern um mein Gegenüber. Wir erinnern uns, es geht um eine Dienstleistung. Ihm schien das zu gefallen, er stöhnte wohlig und machte mir Komplimente: "Oh mein Gott, du bist eine unglaubliche Frau."

Hinterher bedankte er sich. Er strahlte und sagte, dass es ihm sehr gut gefallen habe. Er wirkte auf mich glücklich und entspannt.

Zehn Minuten später saß ich im Taxi nach Hause und machte einen kurzen Selbst-Check. Fazit: Mir ging es gut. Sehr gut sogar. Ich war stolz auf mich, dass ich meine erste Buchung souverän gemeistert hatte, es machte mich zufrieden, dass ich einen Menschen glücklicher hinterlassen als vorgefunden hatte. Und natürlich freute ich mich über das Geld in meiner Tasche.

Jetzt musste ich mir nur noch überlegen, wie ich meinem näheren Umfeld kommunizieren sollte, dass ich nun nicht mehr am Wochenende kellnere. Dafür aber ab und an mal über Nacht wegbleibe.

Das ist die eine Seite. Hier erzählt eine Frau, wie sie ins Milieu abgerutscht ist. Richtig gut, geht es ihr dabei nicht.


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