femtasy-Gründerin Nina Julie Lepique über Feminismus und Pornografie

Die meisten Klicks im Netz auf Pornos stammen von Männern. Dass sie häufiger reinschauen als Frauen, hat unterschiedliche Gründe. Männer reagieren viel stärker auf visuelle Reize, sie lassen sich durch entsprechendes Bildmaterial leichter sexuell stimulieren (Studie). Und: Die meisten Pornos werden für ein männliches Publikum produziert, auch wenn es Ausnahmen gibt (bento), und seit einiger Zeit auf großen Plattformen mehr Inhalte für Frauen gesucht werden. Trotzdem sind noch immer viele der Filme klischeebeladen, teils frauenverachtend. Ihre Attraktivtät für Zuschauerinnen hält sich also in Grenzen. 

Daran wollte Nina Julie Lepique, 25, etwas ändern und gründete gemeinsam mit ihrem Partner Michael Holzner eine Streaming-Plattform für erotische Hörspiele, femtasy. Die Zielgruppe: weiblich. Statt visueller Stimulation: auditive. 

Das Ganze funktioniert so: Autorinnen und Autoren senden Geschichten ein, diese werden anschließend von der Plattform geprüft und ausgewählt. Die meisten Texte stammen von Frauen. Sprecherinnen und Sprecher vertonen die Texte dann im Anschluss. Um die Geschichten in voller Länge zu hören, muss man einen Zugang erwerben, etwa 13 Euro kostet ein Abo pro Monat. 

Das Konzept ist erfolgreich: Nach einem Jahr zählt femtasy inzwischen über eine Million Plays pro Monat. Und auch die Zielgruppe wird erreicht. Den Großteil der Abonnements schließen Frauen ab, nur etwa zehn Prozent der Käufer sind männlich.

Die Pressemappe des Unternehmens ist mit Sternchen gegendert, auf der Webseite werden Studentinnen und Studenten angesprochen. Den Gründern war wichtig, dass die Geschlechter auf der Webseite gleichberechtigt sind. Das klingt zunächst einmal alles so, wie man es sich nach Metoo und im Jahr 2019 wünschen würde.

Aber kann Gleichberechtigung und Pornografie funktionieren? Wir haben mit femtasy-Gründerin Nina Julie Lepique, 25, darüber gesprochen.

Nina Julie Lepique gründete femtasy

Nina Julie kündigte 2017 ihren Vollzeitjob, um sich dem Projekt voll und ganz zu widmen. Bei femtasy ist sie für die Strategie, Content/Produkt, PR und Marketing und verantwortlich.

Zuvor absolvierte sie ein duales Studium im Bereich Buisness Administration mit dem Schwerpunkt digitale Geschäftsmodelle. Parallel dazu begann sie, bei XING zu arbeiten. Während eines Strategie-Projekts in Boston entwickelte sie die ersten Ideen zu femtasy.

bento: Pornos gibt es im Internet jede Menge. Wozu brauchte es femtasy?

Nina Julie Lepique: Pornoseiten wirken in der Regel schmuddelig, sind voller Werbung und nicht besonders auf weibliche Bedürfnisse eingestellt. In einer Befragung haben wir herausgefunden, dass Frauen gar nicht so stark visuell getriggert werden wie Männer, für sie sind Kopfkino und die eigene Vorstellungskraft wichtiger. Es muss also etwas geben, was stärker auf diese Bedürfnisse ausgerichtet ist. 

Frauen brauchen also mehr Räume für Fantasie als Männer?

Uns haben viele Frauen berichtet, dass sie sich, sobald eine andere Frau zu sehen ist oder konkrete optische Merkmale beschrieben werden – beispielsweise "schöne, blonde, lange Haare" – gedanklich und emotional ausklinken. Damit kann sich einfach nicht jede Frau identifizieren. Das ist ein Grund, warum wir in vielen unserer Aufnahmen detaillierte Körperbeschreibungen bewusst außen vorlassen.

Außerdem schaffen wir einen Raum für deine Fantasie: Hörst du dir eine Aufnahme an, wirst du dir etwas anderes vorstellen als deine Kollegin, deine beste Freundin und deine Schwester.

In Mainstream-Pornos überwiegt der sogenannte "male gaze": Die Frau wird nur durch die Augen eines Mannes gesehen – er tut mit ihr, was ihn erregt.

In der visuellen Porno-Industrie wird viel von Männern für Männer produziert. Das ist bei uns anders: Bei uns wird von Frauen für Frauen produziert. In der visuellen Pornografie wird häufig aus der männlichen Perspektive gehandelt und auch gefilmt. Auch das ist bei uns bei einem signifikanten Anteil der Aufnahmen genau andersherum: Eine Frauenstimme beschreibt, was sie gerade macht, oder fühlt.

Wir wollen außerdem kein Rollenklischee stützen, in dem Frauen kontinuierlich benutzt und erniedrigt werden und keine eigene Meinung haben. Bei uns gibt es auch Klischee-Sexualität, weil das gern gehört wird. Aber wir steuern auch ganz bewusst dagegen.

„Wir haben zum Beispiel nicht nur die Aufnahme von der Sekretärin, sondern auch die vom Sekretär.“
Nina Julie Lepique, Gründerin femtasy

Eines der beliebtesten Motive auf femtasy ist Dominanz – hauptsächlich von Männern gegenüber Frauen. Wie passt das zum Anspruch, auf weibliche Bedürfnisse zugeschnittene Erotik zu produzieren?

Das ist kein Widerspruch, sondern zeigt einfach, dass wir das anbieten, was sich Frauen wünschen – aber eben auf eine Art und Weise, die nicht ethisch-moralisch verwerflich ist. 

Hörpornos kann man ja theoretisch überall konsumieren, ohne dass es jemand merkt. Wie findest du die Vorstellung, dass Frauen mit Euren Pornos auf den Ohren in der U-Bahn sitzen könnten?

Charmant! Dadurch findet ja auch eine Enttabuisierung statt: Hörerinnen und Hörer kommen in ganz unterschiedlichen Situationen mit ihrer Sexualität in Kontakt. Und solange niemand anderes davon gestört wird, sondern nur das Kopfkino angefeuert wird, finde ich es vollkommen in Ordnung, auch in der Bahn femtasy zu lauschen. 

Auf Pornhub werden mehr Inhalte für Frauen gesucht, auch ansonsten scheinen Frauen beim Konsum von Pornos aufzuholen. Ist das schon Feminismus?

Für mich ist es dann Feminismus, wenn Frauen frei entscheiden können, was sie erleben wollen, und das auch finden und konsumieren können. Es gibt Frauen, die finden visuelle Pornografie total toll. Ich persönlich glaube dennoch, dass es ein mangelndes Angebot an Erotik-Inhalten für Frauen gibt.

Was ist mit Frauen, die einfach auf die typischen Pornhub-Videos stehen?

Vorab: femtasy soll kein Konkurrenzprodukt zu einem visuellen Porno sein, sondern ein anderes Produkt, um das zu erreichen, was ich möchte. So, wie eine Hose auch kein Konkurrenzprodukt zu einem Rock oder einem Kleid ist, sondern ein anderes Produkt, um meine Beine zu bekleiden.

Meiner Meinung nach ist es tatsächlich zum Großteil Quatsch, dass nur die "female-friendly"-Pornos wirklich für Frauen und deswegen andere Pornos wiederum nicht für Frauen gemacht sind. In Manifesten großer Porno-Firmen zum Thema Pornos, die Frauen ansprechen, steht zum Beispiel drin, das es zuerst eine sehr lange "Vorab-Handlung" geben müsse.

Wir haben auf unserer Plattform auch Aufnahmen, die nur drei oder fünf Minuten lang sind. Frauen müssen nicht immer erst durch eine lange Geschichte angeheizt werden.

Pornodarstellerinnen und -darsteller arbeiten oft unter schwierigen Bedingungen. In Audiopornos lassen sich Fantasien ausleben, ohne dass jemand vor der Kamera Sex haben muss. Ist es eine Lösung, die Filme abzuschaffen?

„Ich glaube, das ist der falsche Ansatz. Wichtiger wäre, Pornos so zu produzieren, dass niemand darunter leidet. Und dazu kann jeder Konsument beitragen.“
Nina Julie Lepique, Gründerin femtasy

Das ist ähnlich wie im Supermarkt: Jedes Mal, wenn man Plastik kauft, ist das ein Wahlzettel dafür, dass weiterhin Lebensmittel in Plastik verpackt werden. Jedes Mal, wenn ich mir Pornografie anschaue, die womöglich unter schlechten Bedingungen produziert wird, ist das genauso ein Wahlzettel. Ich glaube nicht, dass visuelle Pornografie komplett abgeschafft wird. Und halte das auch nicht für die Lösung. 


Gerechtigkeit

"Mein Herz ist gestorben": Warum wir keine Babydelfine essen – Babykühe aber schon
Der kalkulierte Shitstorm des YouTubers Inscope

Ein deutscher YouTuber isst einen Babydelfin. Das behauptet er zumindest. Inscope21 zeigt am Montag in seiner Instagram-Story erst das tote Tier im Ganzen und tut dann so, als würde er es zubereiten und essen: "auf extremer Gönner-Basis". 

Kurz darauf bricht der Shitstorm los. In den Kommentaren unter Inscopes Instagram-Posts und auf Twitter wird er mit Nazibegriffen ("Untermensch", "abartig") bezeichnet, sowie als "kranker Vollidiot". User wünschen ihm eine Fischvergiftung oder sogar den Tod. 

Inscope kommt aus Stuttgart und heißt eigentlich Nicolas Lazaridis. Bekannt wurde er durch Videospiel-Streams und Videos zu Muskelaufbau. Er hat knapp 3 Millionen Abonnenten auf seinen beiden YouTube-Kanälen und 1,6 Millionen Follower bei Instagram. 

Nach dem Delfin-Video werden andere YouTuber von ihren Fans aufgefordert, sich zu Inscopes Aktion zu äußern. Das tut zum Beispiel der vegane YouTuber Simon Unge. Er ist zunächst auch geschockt, vermutet aber gleich einen Fake dahinter: "Inscope ist schon wirklich heftig hängengeblieben, aber das würde er niemals machen."

Unge hat recht. Einen Tag später löst Inscope die Aktion mit einem weiteren Video auf. 

Der Babydelfin war aus Silikon und kam aus dem 3D-Drucker. Im Video zeigt Inscope die Herstellung der Attrappe. 

Er sagt auch, dass das Ganze nicht einfach ein "Prank" gewesen sei. Er habe auf Beifang aufmerksam machen wollen, also Tiere, die in der kommerziellen Fischerei mitgefangen werden, obwohl sie gar nicht das Ziel sind. Laut "WWF" ertrinken jährlich 300.000 Wale, Delfine und Tümmler in Fischernetzen. Davon seien auch Babydelfine betroffen.

Inscopes Plan geht auf: Weniger als 24 Stunden nach Veröffentlichung steht das Auflösungs-Video ganz oben in den YouTube-Trends und wurde schon über 1,2 Millionen mal aufgerufen.