Bild: Gregor Wiebe
Ein political correctes Treffen in München.

Ein Typ Ende vierzig öffnet die Tür. Er trägt ein Shirt mit der Aufschrift "Sausage" und sieht ein bisschen aus wie Stefan von "Erkan und Stefan". Aber Trainingsanzug und Handtuch, die Markenzeichen von Stefan, fehlen beide. "Hi, wir ziehen uns noch um, dann sind wir bei dir", sagt der Typ und verschwindet in einem Nebenzimmer. Dort wirft sich ein anderer gerade eine "Erkan"-Kette über. 

Kurze Zeit später kommen beide raus. Zwei Männer Ende 40 haben sich in ihre alterslosen Kunstfiguren verwandelt, Handtuch, Trainingsanzug, Bling-Bling-Kette. 

Erkan und Stefan sind zurück. Krass? 

Ende der Neunziger und in den frühen 2000ern wurde das Blödelduo berühmt und gehörte zu den Lieblingen meiner Jugend. Erkan gab am liebsten mit "Bunnys" an, die er doch nie abschleppte. Stefan brauchte meist ein bisschen länger, um irgendwas zu kapieren. Zwei Halbstarke, die einfach nur dazugehören wollen. Meine Kumpels und ich – Halbstarke, die einfach nur dazugehören wollten – haben die Filme abends auf der Couch mit Shisha und Chips abgefeiert.

Erkan und Stefan in ihrem ersten Kinoflim aus dem Jahr 2000.

(Bild: Imago/KPA)

Jetzt, 20 Jahre später, bin ich ein anderer. Ich mag Humor, der weh tut – aber nicht auf Kosten von Minderheiten. Passen Erkan und Stefan da noch? Von Mitte September an gehen beide auf Tournee quer durch Deutschland. 

Als das Duo sein Comeback verkündete, urteilte "Vice": "Die Zeit, in der Gymnasiasten ihre Gossen-Karikaturen präsentierten, ist lange vorbei." Im Ghetto-Slang über Minderheiten rumblödeln, das ginge heute nicht mehr. Es wird ein Comeback in einer Zeit, in der junge Deutsche mit Migrationshintergrund – wie Ali Can – über ihre Diskriminierungserfahrungen sprechen. Und in der Comedians wie die Datteltäter definieren, wie Multikulti-Humor heute aussieht. 

Wieso also wollen Erkan und Stefan zwei Charaktere entstauben, die so sehr aus der Zeit gefallen wirken?

Ich frage sie das bei einem Treffen in München. Ihr Management hat eine Hotelsuite gebucht. Beim roten Trainingsanzug, den sich Stefan angezogen hat, guckt noch das Preisschild hervor. 

Ihr wart im Fernsehen und im Kino, nach 2006 war dann aber Schluss. Wieso kommt ihr gerade jetzt zurück?

Erkan: "Unser Style in dieser immer krasseren Welt hat gefehlt. Der größte Clown von allen sitzt mittlerweile im Weißen Haus."

Die Welt ist voll Unsinn. Also muss es zwei Typen geben, die wieder Sinn machen.
Erkan

Stefan: "Und wir haben total unterschätzt, wie brutal die Leute Erkan und Stefan vermisst haben."

Erkan: "Es gibt auch andere Typen, die Ethnocomedy machen. Aber es gab die ganze Zeit eben keinen Erkan und Stefan 2.0." 

Ethnocomedy ist doch, wenn Comedians mit Migrationshintergrund über Unterschiede witzeln. Macht ihr euch nicht einfach nur über eine Unterschicht lustig?

Erkan: "Leute, die Sprache lebendig machen, sind doch nicht Unterschicht. Oft sind es ja die deutschen Ärztekids, die am krassesten reden. Der Style ist global, der macht Spaß!" 

Stefan: "Und es heißt ja auch Erkan UND Stefan. Stefan ist das deutsche Kid, das sich im Ghetto behaupten will. Es geht nicht nur um den Türken."

Was man über die beiden wissen muss: Weder Erkan noch Stefan kommen von unten oder haben einen Migrationshintergrund. Im echten Leben heißen sie John Friedmann und Florian Simbeck. Sie sind 47 und 48 Jahre alt. John ist einer der Organisatoren von "Pulse of Europe", Florian SPD-Mitglied. 

Erkan und Stefan im Alltag: John Friedmann (links) auf einer "Pulse of Europe"-Demo und SPD-Politiker Florian Simbeck.

(Bild: Imago; Montage: bento)

Mir sitzen also zwei erwachsene Männer gegenüber, die im Zweifel eher links sind und sich für Vielfalt einsetzen – gleichzeitig aber unbedingt pubertäre Dumpfbacken spielen wollen. Darf ein Deutscher einen Klischee-Erkan entwerfen? 

Stefan: "Sollen denn nur Russen Witze über Russen machen? Oder Türken über Türken?" 

Erkan: "Jeder darf über jeden Witze machen, kommt nur darauf an, wie du es machst. Wir nehmen es ernst, dass wir nicht ernst sind. Als wir angefangen haben, hatten die Leute auch gesagt: 'Ey, du kannst hier nicht krass sagen, damit verarschst du die Türken!' Aber was labert er?"

Wir machen alles mit Respekt. Wir verarschen nicht die anderen, sondern nur uns selbst.
Erkan

Das Spiel mit Identitäten, so verstehe ich John und Florian, ist für sie auch eine Kampfansage an all die, die immer mit moralischer Überlegenheit daherkommen. Die besser wissen wollen, wann man unter welchen Vorzeichen mitlachen darf. 

Erkan und Stefan wollen Vorurteile überzeichnen, um sie zu entlarven. Ganz ähnlich arbeitet auch Sacha Baron Cohen. Der Schauspieler schlüpft als "Borat" oder "Ali G" in Außenseiterrollen, um dann Ressentiments zu provozieren. Seine Filme gefallen mir bis heute. Erkan und Stefan durch die "Borat"-Brille zu sehen – ja, könnte passen.

Fragt sich, ob das auch junge Türken so sehen.  

Erkan: "Nach einer Kinovorstellung kam mal ein türkischer Papa mit seinem Sohn auf mich zu. Schau mal, hat er zu seinem Sohn gesagt, das ist der Erkan und der zeigt, wie witzig wir sind. Dann hat er mich auf Türkisch angelabert. Und ich so: 'Boah, ich kann kein Türkisch. Ich kann noch nicht mal Deutsch.' Und dann haben wir zusammen gelacht. Und zusammen lachen – darauf kommt es ja an."

Stefan: 

Es geht darum, Barrieren einzureißen.
Stefan

"Wir wollen zeigen, dass Humor verbinden kann. Und die Sprache ist unser Mittel."

Erkan: "Sprache ist sehr lebendig. Aber am Ende ist nicht die Sprache wichtig, sondern deine Haltung." 

Woher wisst ihr, dass ihr den richtigen Ton trefft? 

Erkan: "Wir sind beide Ehrenmänner und wissen, was das bedeutet. Wir machen uns nicht über andere lustig." 

Also wo genau ist die Grenze?

Stefan: "Wenn ich mich über etwas lustig mache, was der Mensch nicht ändern kann – Hautfarbe zum Beispiel – das bringt nix. Das ist kein Humor."

Stefan greift zur Kaffeekanne. Er merkt, dass ich viel lieber mit Florian Simbeck reden will, dem SPD-Politiker und Erfinder von Stefan. Die beiden echten Menschen hinter den Figuren herauszukitzeln, sie zwingen, sich zu bekennen, das ist mein Ziel für dieses Gespräch. In der Rolle zu bleiben und ihren Humor nicht erklären zu müssen, ist wahrscheinlich ihres. 

Trotzdem wollen sie meine Fragen nicht vollkommen unbeantwortet lassen. Im Verlauf des Gesprächs werden die Antworten daher bald weniger "krass". Kettchen-Erkan wird dann zu Europa-John und Handtuch-Stefan klingt manchmal kurz nach SPD-Florian. Als er von diesem Vorfall in Dresden erzählt, zum Beispiel.

Stefan: Ich habe damals auf der Bühne einen Energiedrink geleert. Noch bevor ich absetzen konnte, rief jemand im Publikum "Ex oder Jude!".

Den antisemitischen Trinkspruch kenne ich selbst aus meiner Jugend in Thüringen. Im Saal sei es kurz ruhig gewesen, keiner habe den Zwischenrufer angegangen, erinnert sich Stefan. 

Stefan: Erkan hat dann gerufen 'Halt’s Maul' und unsere Ordner gebeten, den Kerl rauszuwerfen.

Es sei immer wichtig, Haltung zu zeigen. Humor funktioniere nur, wenn man sich über Macken lustig mache, nicht über Identitäten.

Dann reden wir mal über Identitäten. Frage an Erkan über seinen Erfinder, John:

Woher weiß der echte John Friedmann, welche Macken ein echter Erkan so hat? 

Erkan: "Ja, ich hab ja viele Jahre diesen John Friedman gespielt. Der wollte ein seriöser Schauspieler sein, der hat sich für Europa engagiert und wollte Bücher schreiben. Voll der Typ, ey! Aber der John nimmt das alles viel zu ernst. Wir haben mit Erkan und Stefan eins gelernt: Wenn du den Finger hebst wie John und sagst, so müsste es besser laufen – dann erreichst du gar nix. Aber wenn du wie Erkan einen Witz drüber machst, dann schon."

Alles beim Alten? Erkan und Stefan in Comeback-Pose

(Bild: Gregor Wiebe )

Stefan: "Wir machen Witze über Mobilität oder Trump. Nicht über Türken. Ich verarsche Erkan, weil er Erkan ist – nicht, weil er Türke ist. Und Erkan verarscht mich auch nicht, weil ich Alman bin."

Erkan: "Manchmal schon! Nee, wir mögen einfach keine Schubladen. Die Gesellschaft ist schon krass lange voll durchmischt: Ich heiße deshalb ja auch mit ganzem Namen Erkan Maria Moosleitner."

Dass ihr Identitätspiel aufgeht, wollen beide mit einer Anekdote beweisen. Einmal hatten sie den Berliner Schriftsteller Feridun Zaimoglu kennengelernt – und der sei begeistert gewesen. 

Zaimoglu, heute 54, wurde in den Neunzigern zur ersten wichtigen Stimme für Zugewanderte in Deutschland. Sein Buch "Kanak Sprak" sammelte ihre Erzählungen – und wurde auch die Grundlage für das, was Erkan und Stefan brabbeln. 

Am Telefon bricht Zaimoglu gleich in Jubel aus:

Wenn es zwei Knallchargen gibt, die sich an diesem öden, langweiligen Identitäten-Geschacher in Deutschland gekonnt abarbeiten, dann sind das Erkan und Stefan!
Feridun Zaimoglu

Er bewundere beide schon länger und schätze, wie sie für die Anerkennung von Migranten "Pionierarbeit" geleistet hätten. Wer Erkan und Stefan nicht verstehe, sei nicht mehr als ein "überkorrekter Spießerstudent aus Berlin-Mitte". 

Damit wären wir dann auch bei der Frage, um die sich ja am Ende alles dreht: Was darf Humor überhaupt? 

Stefan: "Die Leute lachen eigentlich über alles. Aber wenn es sie selbst trifft, dann wollen sie Witzverbote. Oder wenn sie denken, sie müssten für andere sprechen. Da verstecken sie dann ihre eigene Deutungshoheit hinter angeblicher Political Correctness."

Erkan: "Political Correctness ist voll die Lüge. Es gibt überall Typen, die sagen, die sind voll political correct – dabei leben sie nicht so."

Wir sind nicht für Political Correctness sondern für Correcte Respectness!
Erkan

Stefan: "Mit viel Macht kommt viel Verantwortung. Dieser Verantwortung sind wir uns bewusst." 

Wie viel Verantwortung hat Comedy?

Stefan: "Schau in die USA. Die Komiker gehören dort nun zu den schärfsten Kritikern der Regierung. Das sehen wir schon. Wir sind ein Ventil."

Erkan: "Humor ist nun mal unser Weg, die kritischen Themen zu entlarven. Zum Beispiel wenn es um diese Partei geht, diese Alt-Nativen für Deutschland." 

Irgendwie müsse man ja dem ganzen Populismus beikommen, sagt plötzlich Stefan. Er klingt nun wieder ganz nach SPD-Florian. "Wenn du über etwas lachen kannst, machst du dein Herz auf." Dann berühre es dich, auch über den Witz hinaus. "Ja, und wenn es ganz gut läuft, kommst du so halt ins Grübeln", schiebt Erkan nach. Oder war das jetzt wieder Europa-John?

Im Video: Wie Marc versucht hat, beide aus ihrer Rolle zu locken:


Gerechtigkeit

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Ein Interview über Zivilcourage, ein gar nicht so ödes Brandenburg und Ideen gegen Rechts.

Eine junge Frau schlendert in Latzhose durch eine Stadt in Brandenburg. Sie singt von einem bunten Leben, das hier möglich ist. Und vom AfD-Wahlprogramm, das dazu so gar nicht passe. Die Frau heißt Anja Neumann, ist 29 Jahre alt und kommt aus Eberswalde. Gemeinsam mit rund 200 Künstlerinnen, Musikern und Kreativen hat Anja an dem Lied gebastelt. 

Herausgekommen ist der Song "Wir nich!", der Menschen davon abhalten soll, bei der Landtagswahl in Brandenburg für die AfD zu stimmen.