Vier Menschen haben einen Blick in ihre Erinnerungskiste geworfen.

Wir alle knüpfen in unserem Leben Verbindungen zu anderen Menschen: Wir gehen Beziehungen ein, wir entwickeln tiefe Freundschaften und verlassen uns auf unsere Familie. Einige dieser Verbindungen reißen einfach ab. Was bleibt, wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht? Was bleibt, wenn zwei Partner sich trennen? Oder wenn ein wichtiger Mensch gestorben ist?

Zuallererst ein Gefühl von Leere – und in den meisten Fällen ein paar Gegenstände.

#WerBinIch?

Im Lebenslauf, auf Partys, beim WG-Casting: Ständig müssen wir uns vorstellen, uns erklären. Doch wer sind wir eigentlich – und wie konnte das passieren?

Journalistik-Studierende der Universität Hamburg haben sich auf die Suche nach dem Phantom namens Ich gemacht. Die Ergebnisse erscheinen in den kommenden Wochen auf bento.

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Sophie, 24, Studentin aus Kiel
(Bild: Max Ebert)
Ich habe zu Hause ganze Kisten voller Erinnerungen. Kleine Notizzettel von Freunden, Fotos oder Eintrittskarten – ich hebe fast alles auf. Auch diese getrocknete Nelke, ein Überbleibsel aus der Beziehung mit Fabian. Die Erinnerung dahinter hat mich lange Zeit traurig gemacht. Heute kann ich darüber lachen.

Ich mag Geschenke. Fabian aber hat darauf nie besonders großen Wert gelegt. Keine Geschenke zu Weihnachten, keine Geschenke zum Geburtstag. "Kein zwanghaftes Schenken zu festen Anlässen", hat er das gerne genannt. Stattdessen hat er immer wieder gesagt, er wolle mir lieber zu selbst gewählten Anlässen Geschenke machen, die mir wirklich gerecht werden können.

Für mich war das damals okay. Ich mochte Fabians starke Art, auch wenn er aus heutiger Sicht ständig versucht hat, mich auf Distanz zu halten. Ich habe mich damals einfach nicht getraut, irgendwelche Forderungen zu stellen. Aus Angst, Fabian zu verlieren. Ich war eben wahnsinnig in ihn verliebt.
Die Nelke ist das einzige Geschenk, das ich während der Beziehung von ihm bekommen habe.
Wie alle Paare hatten wir Höhen und Tiefen. Aus heutiger Sicht betrachtet vielleicht mehr Tiefen. Ich habe damals mehrfach versucht, mich von Fabian zu trennen. Aber ich war nicht stark genug, konnte die Trennung nie konsequent durchziehen. Erst als er einen Schlussstrich gezogen hat, war es wirklich vorbei. Für immer. Und das war auch gut so.

Vier Jahre lang waren Fabian und ich ein Paar. Die Nelke ist das einzige Geschenk, das ich während der Beziehung von ihm bekommen habe. Oder mit seinen Worten formuliert: Es ist der einzige Gegenstand, der meiner Person in den vier gemeinsamen Jahren "gerecht werden konnte". Deshalb erinnere mich noch ziemlich genau an den Abend, an dem er mir die Blume mitgebracht hat.

Wie so oft kam Fabian später als verabredet, denn er war vorher noch auf einer irgendeiner Veranstaltung gewesen. Als er vor meiner Tür stand, hatte er die Nelke in der Hand und hielt sie mir mit einem schiefen Lächeln entgegen. Ob ich mich darüber gefreut habe? Klar! Noch am selben Abend hat er mir verraten, dass er die Nelke noch nicht einmal für mich gekauft hat – er hatte sie auf der Veranstaltung "von der Tischdeko für mich geklaut".
Im Slider: Das "Museum of Broken Relationships" zeigt Gegenstände, die an gescheiterte Beziehungen und zerbrochene Träume erinnern
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Finja, 27, Studentin aus Hamburg
(Bild: Max Ebert)
Der Bergkristall ist einer der einzigen Gegenstände, die mich in den vergangenen Jahren von Stadt zu Stadt immer begleitet haben. Außer ihm habe ich nicht vieles aus meiner Vergangenheit aufgehoben. Die Erinnerungen waren oftmals zu schmerzlich. Der Bergkristall erinnert mich daran, dass ich eine schlimme Zeit meines Lebens mit Hilfe eines Menschen, der mir sehr viel bedeutet, überwinden konnte.

Als Jugendliche war ich häufig unglücklich, was vor allem daher kam, dass ich mit vielen Dingen an mir selbst unzufrieden war. Diese Unzufriedenheit hat sich dann nach und nach in meinen Essgewohnheiten widergespiegelt. Ich habe immer weniger gegessen und bin innerhalb kürzester Zeit sehr dünn geworden.

Angefangen hat das ungefähr mit 16 Jahren. Für meine Eltern war schnell klar: Anzeichen von Magersucht. Ich selbst habe erst spät realisiert, was da gerade mit mir und meinem Körper passiert. Zu Hause gab es deswegen fast nur noch Streit. Freunde haben sich von mir abgewandt. Von da an ging es stetig bergab.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich als 17-Jährige in den Sommerferien ein paar Wochen bei meiner Oma verbracht habe. Die Zeit bei ihr auf dem Land war immer die beste, die man sich nur vorstellen kann. Im Anschluss daran war ein Schweden-Urlaub mit meinen Eltern geplant. Zurück am Bahnhof meiner Heimatstadt angekommen, warteten meine Eltern bereits auf mich, um mich abzuholen. Ich stieg ins Auto ein, war in Gedanken schon auf dem Weg nach Schweden. Plötzlich wurden von innen die Türen verriegelt. Statt in den Urlaub fuhren meine Eltern mit mir in die nächste Klinik.
Es gibt ein paar Menschen, ohne die ich wahrscheinlich gestorben wäre.
Danach hat mein Leben eine 180-Grad-Wendung genommen, denn ich habe lange Zeit in der Klinik verbracht. Ich glaube, dass kann sich niemand wirklich vorstellen, der es nicht selbst durchlebt hat. Ich bin mein Leben lang aktiv gewesen: Ich liebe Kino, mache Sport, habe mehrere Instrumente gespielt. Ich war gut in der Schule, hatte Freunde, war fast immer unterwegs. Und plötzlich war nichts mehr davon übrig.

Nach meinem Klinikaufenthalt ging es mir zwar besser, gesund war ich aber noch lange nicht. Deswegen habe ich einige Zeit in einer betreuten Wohngemeinschaft gelebt. Als ich meinen damaligen Betreuer Tom kennengelernt habe, war mein erster Eindruck: "garstiger, alter Mann". Doch wie so oft: Der erste Eindruck täuscht. Er war der erste Mensch, dem ich nach langer Zeit wirklich sagen konnte, was ich denke und fühle. Bei ihm bestand ich aus mehr als nur Essen und Nicht-Essen. Das hat mir geholfen, wieder an mich zu glauben und nach einer harten Zeit wieder gesund zu werden.

Als ich für meinen Bachelor in eine andere Stadt gezogen bin, hat Tom mir zum Abschied diesen Bergkristall geschenkt und gesagt: "Du darfst niemals die Klarheit verlieren, denk' immer daran." Wenn ich heute zurückschaue und den Stein in meinen Händen halte, dann weiß ich: Es gibt ein paar Menschen, ohne die ich wahrscheinlich gestorben wäre. Einer von ihnen ist Tom.
Max, 26, Fotograf aus Hamburg
(Bild: Max Ebert)
Jeder Mensch pflegt kleine Rituale. An eines meiner Mutter erinnere ich mich besonders gern zurück. Wir haben Verwandte in Berlin, die wir während meiner Kindheit ein paar Mal im Jahr besucht haben. Meine Mutter liebte es, bei der Gelegenheit in die Friedrichstraße zu fahren und sich im Starbucks einen Kaffee zu bestellen. Dort saß sie dann an einem Tisch direkt am Fenster, oft stundenlang, und beobachtete das Treiben auf der Straße. Im Anschluss kaufte sie einem älteren Mann direkt vorm Laden immer eine Straßenzeitung ab.

Das war ihr Berlin: die Friedrichstraße, Starbucks und die Straßenzeitung. Einige Freunde meiner Mutter haben ihr deswegen aus den verschiedensten Städten Starbucks-Tassen mitgebracht. Aus Istanbul, Paris, Barcelona. Irgendwann hatten wir zu Hause eine ganze Sammlung davon.

Vor drei Jahren ist meine Mutter an Brustkrebs gestorben. Ihr Tod kam nicht überraschend. Mein Vater und ich hatten die Möglichkeit, uns in Ruhe von ihr zu verabschieden und die verbleibende Zeit so gut es eben ging zu genießen. Für meine Mutter hieß die Diagnose vor allem eines: Sie wollte sich vor ihrem Tod noch einige Wünsche erfüllen.

Auf ihrer Wunschliste stand:
- eine Hundeschlittentour in Kanada,
- ein Töpferkurs in Barcelona,
- eine Reise nach New York, um sich dort in den schönsten Starbucks-Laden zu setzen, eine Tasse für die Sammlung zu kaufen und das Treiben in der pulsierenden Stadt zu beobachten.
New York hat sich für mich so angefühlt, als hätte ich meine Mutter noch einmal in den Arm nehmen können.
Zwei dieser Träume konnte sich meine Mutter erfüllen. Für New York hat die Zeit leider nicht mehr gereicht.

Was meine Mutter nicht mehr geschafft hat, haben mein Vater und ich im vergangenen Jahr symbolisch für sie – und für uns – nachgeholt. Gemeinsam sind wir nach New York geflogen.

Irgendwo zwischen der 52. und 53. Straße in der Nähe des Central Parks haben wir einen schönen Starbucks-Laden gefunden. Als Andenken an den Traum meiner Mutter habe ich dort diese Tasse gekauft. Als ich danach an einem Tisch direkt am Fenster saß, meinen Kaffee getrunken und das Treiben auf der Straße beobachtet habe, war ich nicht traurig, nein. Ich war unendlich dankbar. New York hat sich für mich so angefühlt, als hätte ich meine Mutter noch einmal in den Arm nehmen können.
Anna, 23, Studentin aus Bremen
(Bild: Max Ebert)
Zugegeben – auf den ersten Blick wirken die Kosmetikproben etwas skurril. Dahinter steckt aber eine traurige Erinnerung: Sie haben Annette gehört, der Mutter meines damaligen Freundes. Sie ist vor fünf Jahren innerhalb weniger Wochen plötzlich erkrankt und verstorben.

Ich hatte Annette sehr gern. Mein Freund und ich saßen zusammen mit seinem Vater an ihrem Bett, als sie gestorben ist. Ein paar Tage nach Annettes Tod hat sein Vater angefangen, alles aus dem Haus wegzuräumen, was ihr gehört hatte oder ihn an sie erinnerte. Das war wohl seine Art, mit dem Schmerz umzugehen.
Dachte er wirklich, ich könnte das ganze Zeug nach ihrem Tod einfach benutzen, als wäre nichts passiert?
Kurz darauf hat er mir einen ganzen Haufen mit Kosmetikproben in die Hand gedrückt, die er im Badezimmer gefunden und säuberlich in kleine Plastiktüten verpackt hatte. Dachte er wirklich, ich könnte das ganze Zeug nach ihrem Tod einfach benutzen, als wäre nichts passiert? Nein, das konnte und wollte ich nicht. Deswegen liegen da jetzt abgelaufene Cremes von Annette ganz unten in meiner Erinnerungskiste.

Wenn ich in meiner Kiste krame, um mich an bestimmte Dinge oder Erlebnisse zu erinnern, meide ich es manchmal, die Proben anzusehen – sie wühlen noch zu viel in mir auf. Wegschmeißen kann ich sie aber nicht. Denn auch wenn sie mit viel Schmerz aus der Zeit verbunden sind, sind sie so ziemlich das einzige, was mir von Annette geblieben ist.

*Name von der Redaktion geändert


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