Bild: Jalal Hosseini

Die Generation Y, Z oder wie auch immer ist bindungsunfähig. Schon oft gehört und gelesen, in Zeitschriften und Ratgebern. Es fängt damit an, dass die erste große Liebe für einen Auslandsaufenthalt beendet wird und hört damit auf, den Großeltern zu berichten, dass man sich weder vorstellen kann zu heiraten, noch im Eigenheim zwei Kinder großzuziehen. Und zwar auch nicht, wenn der Mann in Elternzeit geht.

In meinem Freundeskreis sprechen wir über Sapiosexualität, Langzeitaffären, Tinder und immer häufiger auch über offene Beziehungen. Dabei gab es letzteres schon immer, mal hieß es Vielliebe, mal Harem, mal freie Liebe. Rainer Langhans liebte viele, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir erlaubten sich "Zufallslieben“.

Jetzt scheint die Vielliebe wieder en vogue:

Friedemann Karig hat gerade darüber schon geschrieben ("Wie wir lieben: Vom Ende der Monogamie") und auch Michael Nast ("Generation Beziehungsunfähig"). Wir empfinden eine Beziehung zu uns selbst schon als ausreichend anstrengend und erfüllend, heißt es.

Die Theorie besagt, Menschen in Beziehungen dürfen mit anderen Partnern schlafen. Aber was ist mit der dritten Person in dieser Beziehung? Sie spielt eine Nebenrolle und trotzdem hat sie Gefühle – so wie ich!

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Im Spätsommer stehe ich Johannes gegenüber – nackt.

Ich fand Johannes schon immer heiß. Er hat seit Jahren eine Freundin, mit der es nicht gut lief, seitdem wir uns kennen. Er flirtet mit vielen Frauen, aber für mich steht fest: Solange er in einer Beziehung ist, wird da nichts laufen.

Bis zu dem Tag, an dem er mir spätabends noch bei einem Uni-Projekt hilft. Ich gebe ihm zum Dank ein Bier aus – es folgen weitere. Als er nach Hause fahren will, fragt er mich, ob er nicht lieber noch mit zu mir kommen kann. Ich frage nach seiner Freundin. Sie führten inzwischen eine offene Beziehung, sagt er.

Der Sex mit Johannes ist schön, Liebe empfinde ich trotzdem nicht, ich kann das trennen. Wir bleiben nackt im Bett liegen, und während ich ihm den Rücken streichle, fängt er an zu weinen. Er erzählt, wie lange er nicht mit seiner Freundin geschlafen hat und wie sehr ihn das mitnimmt. Die offene Beziehung sei ein Versuch, diese sexuelle Auszeit zu überwinden.

Zum Abschied küsst er mich und sagt, wie wundervoll er diesen Abend fand und wie sehr er mich mag – nicht nur platonisch und nicht nur als One Night Stand. Langsam habe ich Schmetterlinge im Bauch.

Nach diesem Abend meidet Johannes mich. Als ich drei Wochen später Uniutensilien von ihm brauche, sagt er, ich solle sie bei ihm abholen. Sina öffnet mit die Tür – Johannes Freundin. Ich kannte sie nicht.

Weiß sie von unserer Nacht? Ist es okay für sie? Bin ich eine Verräterin?

Johannes komme gleich, sagt sie und bittet mich in die Küche. Wir trinken Kaffee und ich fühle mich schlecht, obwohl ich keinen Grund habe. Sina ist mir sympathisch – auch wenn sie seit fünf Monaten nicht mit Johannes geschlafen hat. In dem Moment wünschte ich mir, er hätte mir nicht von ihren sexuellen Problemen erzählt.

Dann kommt Johannes. Er verhält sich, als wäre nichts. Arschloch. Ich will ihn anschreien, ob er mich nicht hätte vorwarnen können, aber das geht jetzt nicht. Er grinst, wir trinken Kaffee. Dann gehe ich.

Die dritte Person zu sein ist scheiße! Ich werde nicht mehr mit jemandem schlafen, der in einer offenen Beziehung lebt, beschließe ich an diesem Tag.

Zum Klicken: In ihrer Kolumne beschreibt Anna Klausner, warum sie eine offene Ehe führt – und wie es klappt
"Ich will auch mit anderem Sex haben!" Im ersten Teil erzählt sie, wie ihr Verlobter auf diese Ansage reagiert hat. Die ganze Kolumne lest ihr hier.
In der zweiten Kolumne gehts ums erste Mal auf einem Swinger-Datingportal – und die große Frage: zusehen oder zusehen lassen? Den ganzen Text findet ihr hier.
Auf das Swinger-Datingportal folgt natürlich die erste Sex-Party. Wie Anna Klausner sie erlebt hat, lest ihr hier.
Bis jetzt wusste eigentlich niemand aus dem Familien- und Freundeskreis von ihrer offenen Beziehung. Dann entschieden sich Anna und ihr Verlobter, ihre besten Freunde einzuweihen. Wie das ankam, hat Anna in dieser Kolumne aufgeschrieben.
Auf die beste Freundin folgt die Schwester – nur war dieses Outing nicht geplant. Wie's gelaufen ist, könnt ihr hier nachlesen.
Vier Monate studierte Anna Klausner in New York – und lernte Ed kennen. Plötzlich fragte sie sich: Liebe ich Leo überhaupt noch? Hier geht's zu dieser Kolumne.
Zurück in Deutschland, zurück bei Leo kämpfte Anna mit sich: Habe ich Leo betrogen? Würde er mir verzeihen? Wie Leo reagiert hat, lest ihr hier.
Was hat Anna Klausner in fünf Jahren offener Beziehung gelernt? Hier geht's zu ihrem letzten Text.
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Ich bin nicht die einzige, die schlechte Erfahrung gemacht hat. Aus Erzählungen von Freunden, deren Namen hier geändert sind, erkenne ich drei Gründe für eine offene Beziehung.
  1. Die Beziehung ist kaputt, aber man will den Partner nicht verlieren – daher wird eine offene Beziehung vorgeschlagen.

    So habe ich es erlebt. Hat nicht funktioniert.
  2. Die Beziehung ist intakt. Die Partner sind sich einig, mit anderen Personen schlafen zu wollen.

    Tim lernte Anna über Freunde auf einem Geburtstag in Köln kennen. Anna hatte eine offene Beziehung zu ihrem Freund Sven in Hamburg. Tim und Anna mochten sich, nach drei Dates schliefen sie miteinander. Doch es wurde kompliziert: Anna musste an Tim denken, wenn sie mit Sven in Hamburg zusammen war.

    Letztlich entschied sie sich für Sven. Tim sagte sie, sie könnten sich weiter treffen – aber nicht miteinander schlafen. Tims Herz brach.
  3. Einer der Partner möchte sich sexuell verwirklichen und schlägt eine offene Beziehung vor. Der andere Partner macht mit, um überhaupt noch eine Beziehung zu haben.

    Aline liebte David sehr – obwohl ihre Beziehung von Anfang an nicht gut lief. Irgendwann schlug er einen Dreier vor, mit Aline und seiner Ex-Freundin. Aline wusste nicht, was sie davon halten soll. Stattdessen schlug sie lieber einen Dreier mit einer Unbekannten vor. Vor dem Date nahm sie Drogen.

    Sie sind immer noch zusammen. Glücklich, sagt sie. Einmal gestand sie jedoch, sie sei unsicher, ob sie ihn überhaupt noch liebt.

Egal, was der Grund ist für eine offene Beziehung: Es kann dabei nicht nur ein Herz brechen, sondern viele. Es ist eben nicht ausschließlich hip und einfach, es ist – wie so oft in der Liebe – kompliziert. Nur wenn alle Beteiligten immer offen miteinander über Wünsche, Bedürfnisse und Ängste sprechen, kommt zumindest niemand absichtlich zu Schaden. Dann werden vielleicht sogar alle glücklich. Eventuell. Möglicherweise.

Ich bin mir inzwischen sicher: Für mich kommt diese Beziehungsform nicht in Frage. Nicht aus Sturheit oder Prüderie. Sondern weil ich meine Liebe nicht teilen möchte. Hip ist für mich nur derjenige, der offen ist – aber dennoch seine eigenen Bedürfnisse reflektiert auslebt und sich weder von Trend noch von Tradition verbiegen lässt.

Übrigens: Mein Johannes und seine Sina beendeten ihre offene Beziehung ein Jahr später, nachdem eine Liebschaft von Johannes schwanger geworden ist. Es können eben auch ungewollt schöne Dinge aus offenen Beziehungen entstehen.

Teste im Quiz: Wie durchschnittlich ist deine Beziehung?

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