"Was machen wir, wenn ich bald tot bin und das Kind da ist?"

Florian* sitzt im Biergarten einer Brauerei in einer süddeutschen Großstadt. Hier studierte er früher Maschinenbau. Er trägt ein T-Shirt von Ramones, im Gesicht einen Vollbart. Er hat sich bei der bento-Redaktion gemeldet, weil er von seiner Hodenkrebserkrankung erzählen will. Weil sie ihm gezeigt hat: 

Wer denkt, mit Krebs sei alles vorbei, liegt falsch. 

Wer den Tumor besiegt, versteht, was wirklich wichtig ist im Leben – und das kann alles ändern. 

Er bestellt sich ein Bier, steckt eine Zigarette an, beginnt zu erzählen.

An dem Tag, an dem meine Frau von ihrer zweiten Schwangerschaft erfuhr, bekam ich meine Diagnose: Hodenkrebs.

Schon Wochen zuvor hatte ich mir gedacht: Dein linkes Ei fühlt sich komisch an. Es wurde immer größer. Als die Schmerzen anfingen, sagte ich mir: Ok, jetzt musst du zum Arzt.

Ich war noch nie zuvor beim Urologen. Eine Ärztin hielt mir das Ultraschallgerät zuerst an den einen, dann an den anderen Hoden. Den Unterschied auf dem Ultraschallbild konnte ich deutlich erkennen: Ein gesunder Hoden ist schwarz-weiß verpixelt, ganz fein. Mein linker Hoden war auf dem Bild rabenschwarz. Die Ärztin sagte zu mir:

"Gehen Sie davon aus, dass Sie Hodenkrebs haben. Wir müssen Sie dann morgen operieren."

Mindestens eine Minute lang wusste ich nicht, wo oben und unten war. Es war, als hätte mir jemand mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen. 

Kaum saß ich im Auto, rief meine Frau an. Sie kam gerade vom Frauenarzt. "Hey Schatz, herzlichen Glückwunsch! Du wirst zum zweiten Mal Vater!"

Wir hatten damals schon eine Tochter. Ich antwortete: "Ja, das ist schön. Ich muss dir was sagen."

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Mindestens eine Minute lang wusste ich nicht, wo oben und unten war.

Hodenkrebs betrifft vor allem jüngere Männer, unter den 25- bis 45-Jährigen ist es die häufigste Krebserkrankung. Auch Florian war zum Zeitpunkt seiner Erkrankung erst 31 Jahre alt. Insgesamt gehört Hodenkrebs aber zu den selteneren Tumorarten. Er macht nur 1,6 Prozent aller Krebserkrankungen bei Männern aus. (Krebsdaten)

Hodenkrebs hat mit 96 Prozent eine der höchsten Überlebensraten. Nur etwa 150 der etwa 4000 Männer, die durchschnittlich im Jahr an Hodenkrebs erkranken, sterben daran. (Spiegel Online

Nach der Diagnose war der nächste Schritt die Operation. Davor legte uns die Ärztin eine Schatulle mit Plastikeiern hin, da hätte ich mir in allen Größen eins aussuchen können. Falls man psychisch nicht damit klarkommt, im Spiegel nur ein Ei zu sehen. Wir entschieden uns dagegen, ich brauchte das nicht. Mir fehlt auch heute nichts, ich bemerke das meist gar nicht.

Die Operation selbst ging schnell: Ein Schnitt an der Leiste, dann wurde der Hoden rausgezogen, das war‘s. 

Als ich nach der Vollnarkose wieder aufwachte, merkte ich: Scheiße, ein Ei ist tatsächlich weg. Auf der einen Seite war das eine Erleichterung. Auf der anderen Seite war mir auch klar, dass das nicht das Ende der Geschichte sein würde.

Bei Hodenkrebs wird zwischen zwei Formen unterschieden: seminome und Nichtseminome. Seminome sind weniger bösartig, Nichtseminome streuen häufiger Metastasen. 

Es gibt außerdem unterschiedliche Stadien, je nachdem, wie weit der Krebs fortgeschritten ist: Stadium 1, wenn sich der Tumor nur im Hoden ausgebreitet hat. Stadium 2, wenn die Lymphknoten im hinteren Bauchraum befallen sind. Stadium 3, wenn der Tumor über die Blutbahn auch auf andere Organe gestreut hat. (Krebsgesellschaft

Eine Woche nach seiner ersten Operation erfuhr Florian, dass er Metastasen im hinteren Bauchraum hatte. Nichtseminom, Stadium 2b.

Ich fragte mich damals, ob ich sterben muss. Wer sich mit dem Thema vorher nicht beschäftigt hat, der hat im Kopf: Krebs bedeutet Tod. 

Meine Frau und ich hatten sogar darüber nachgedacht: Was machen wir eigentlich, wenn ich bald tot bin und dann das Kind da ist? 

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Ich fragte mich damals, ob ich sterben muss.

Für etwa fünf Minuten spielten wir mit dem Gedanken, ob wir es überhaupt kriegen sollten. Wenn ich da heute drüber nachdenke, frage ich mich: Wie konnten wir sowas jemals denken? Wenn ich unseren Sohne heute sehe – was ein Wahnsinn, wenn wir das wirklich gemacht hätten. 

Die Metastasen bedeuteten Chemotherapie. Drei Zyklen mit je drei Wochen musste Florian über sich ergehen lassen, am 18. Tag nach dem ersten Zyklus begannen seine Haare auszufallen. Weil Florian seinen typischen Vollbart verlor, sah ihm jeder an, dass er krank war. Nach dem dritten Zyklus sei es an seine Substanz gegangen, erzählt er. Von jeder Kleinigkeit sei er einfach "fix und alle" gewesen.

Nach der Therapie, an Silvester, machte Florian seiner Frau, die damals noch seine Freundin war, einen Heiratsantrag. Er hatte die Krankheit aber noch nicht hinter sich. Eine Operation musste er noch durchstehen, eine sogenannte retroperitoneale Lymphadenektomie. In einem anstrengenden und hochriskanten Acht-Stunden-Eingriff wurden die Lymphknoten im hinteren Bauchraum entfernt, auf die der Tumor gestreut hatte.

Das zog sich alles über ein halbes Jahr. Die ganze Zeit über hatte ich im Kopf: Mein Sohn kommt bald auf die Welt. Durch meine Krankheit rückte die Schwangerschaft meiner Frau leider viel zu sehr in den Hintergrund – weil es ja "wichtigere Angelegenheiten" gab. Meine Frau litt darunter. Das zerriss mich, ich wollte für sie da sein, aber konnte es nicht. Gleichzeitig schweißte es uns zusammen, diese Zeit durchzustehen. Aber die Romantik blieb auf der Strecke. 

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Das zerriss mich, ich wollte für sie da sein, aber konnte es nicht.

Ich fand danach recht schnell wieder zurück ins normale Leben. Meine Frau sagte häufig, dass sie es bewundere, wie positiv ich an diese Krankheit herangegangen sei. Mich prägt diese Erfahrung bis heute. Ich schätze alles, was ich habe, viel mehr. Wenn andere über Kleinigkeiten meckern, sage ich: "Regt euch doch nicht über so etwas auf, das euch in zwei Wochen nicht mehr interessiert." 

Ich gehe regelmäßig zur Nachsorge, bei der kontrolliert wird, ob sich neue Tumorzellen bilden. Am Anfang noch alle paar Wochen, mittlerweile nur noch einmal pro Jahr. Wer das erste Jahr geschafft hat, für den sieht es relativ gut aus. Nach dem zweiten Jahr ist es sehr unwahrscheinlich, dass der Tumor wiederkommt.

Meine letzte OP ist nun vier Jahre her. Zwei Monate danach wurde mein Sohn geboren. Seitdem sind wir zu viert.

*Florian heißt eigentlich anders, er möchte in diesem Text aber lieber anonym bleiben.  


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