Bild: Annika Krause

4:30 Uhr. Klara wacht auf. Sie friert, hat Schmerzen. Barfuß läuft sie ins Badezimmer. Geht auf die Toilette, dann noch einmal. Sie spuckt ihren Speichel ins Waschbecken. Dreimal. Alles zieht sie aus, auch das Haargummi muss weg. Sie atmet lange aus – die ganze Luft soll raus. Wenn nötig, schneidet sie sich Finger- und Fußnägel. Dann ist es so weit: Rechts neben der Tür, gegenüber vom Trockner steht sie, die Waage. 36 Kilo.

Klara, die eigentlich anders heißt, ist 20 Jahre und 1,73 Meter groß. Ihr Gewicht entspricht einem BMI von 12, ab 18,5 gilt man als untergewichtig.

Sie hat große, braune Augen mit langen Wimpern. Ihr dunkelbraunes Haar reicht ihr bis zu den Schultern. Sie trägt hauptsächlich weite, schwarze Kleidung. Fast jedes Paar ihrer Schuhe, hat einen kleinen Absatz.

Schon in der Grundschule ist Klara die Größte der Klasse. Sie sticht heraus, das mochte sie gar nicht. Ihr absolutes Hassfach: Sport. Immer wird sie als Letzte in ein Team gewählt und ihre Lieblingshose darf sie auch nicht anbehalten. Eine schwarze Bundfaltenhose von C&A, Größe 42/44, viel zu groß, aber nur darin sah sie ihre "Problemzonen" kaschiert. Hintern, Hüfte, Schenkel.

Wenn Klara von der Schule zurückkehrt, spielt sie mit Nora, dem Nachbarsmädchen, sie ziehen zusammen um die Häuser, telefonieren stundenlang. Sie ist ihre beste Freundin. Plötzlich bricht Nora den Kontakt ab, bis heute weiß Klara nicht warum. "Vermutlich war ich ihr auf einmal auch zu uncool."

Da ist Klara zwölf. Sie interessiert sich für Suizid, fängt an, ausschließlich schwarz zu tragen. Sie geht in die Stadtbibliothek, liest Bücher zum Thema. Was wäre, wenn ich tot wäre? Würden die Kinder aus meiner Klasse zur Beerdigung kommen?

Klara geht in die Apotheke. Weiter zur nächsten Apotheke. Dort bekommt sie Schlaftabletten, sie will auf den richtigen Zeitpunkt warten.

Hilfe

Kreisen deine Gedanken darum, dir das Leben zu nehmen? Sprich mit anderen Menschen darüber. Hier findest du – auch anonyme – Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Als Klara ihre Tage bekommt, ist sie in der vierten Klasse. Zwei Wochen geht sie nicht zur Schule. In ihrem Aufklärungsbüchlein stand, dass man seine Tage erst dann bekommen könne, wenn man ein gewisses Gewicht erreicht hat, so erinnert sie sich. Da ist er, der Beweis, die Mitschüler haben Recht. "Rollmops." "Klara Stein-Schwein."

Einen Monat liegen die Schlaftabletten in der Schublade des Kleiderschrankes. Sie liest die Packungsbeilage. Atemnot... Angstzustände... Zittern. Soll ich wirklich?

Sie versucht es. Ärzte retten ihr Leben.

Klara kommt aufs Gymnasium. Sie ist eine herausragende Schülerin: fast nur Einsen. In der Siebten meldet sie sich bei ICQ an. Als sie morgens in die Klasse kommt, sind die Wände mit ausgedruckten Exemplaren ihres Profilbildes beklebt. "Fettes Schwein." Lautes Gelächter. Getuschel. Der Lehrer kommt – und unternimmt nichts.

Klara ist 1,73 Meter und wiegt 65,5 Kilo, völlig normal also. Zu viel, denkt Klara. Die 62 muss her. Sind doch nur drei Kilo. Sie lässt Süßes weg, lebt "fdH", friss die Hälfte, sucht Ausreden. Ich bin Vegetarier. 62! Überglücklich, aber da geht doch noch was. 60. 60 ist gut. Schön gerade. Dann hör ich auf. 59,7! Ich werd’ verrückt! Aber ich brauche einen Puffer. Sonst habe ich gleich wieder die sechs davor. 55. Das will ich schaffen. Dann hör ich auch auf.

"Happy Hippo", "Nasenbär", "Rollmops", "Germanys next Top Moppel".

So unterschiedlich können Essstörungen sein
Nicht hinter jeder Form von auffälligem Essverhalten steckt auch eine Essstörung. Denn bei Essstörungen geht es immer um mehr als nur Probleme mit dem Essen. Denn...
...Essstörungen haben eine psychischen Hintergrund. Essen und Hunger sind der "Problemlöser". Doch die Übergänge sind fließend.
Meist werden drei Formen von Essstörung unterschieden:
1. Bei MAGERSUCHT liegt das Körpergewicht mindestens 15 % unter dem minimalen Normalgewicht. Betroffene nehmen ihr Gewicht und ihren Körper verzerrt wahr. Und...
...sie haben panische Angst davor, dick zu werden – trotz Untergewicht.
2. BULIMIE tritt häufig in Kombination mit Magersucht auf. Die Betroffenen leiden unter Heißhunger-Anfällen.
In kurzer Zeit essen sie sehr große Mengen. Um nicht zuzunehmen, erbrechen sie sich meist nach diesen Ess-Attacken.
3. Bei der BINGE-EATING-STÖRUNG leiden die Erkrankten ebenfalls unter Heißhunger-Anfällen. Diese Störung ist meist mit Übergewicht oder Fettleibigkeit verbunden.
Wichtig ist außerdem:
1. Die drei Formen können ineinander übergehen.
2. Nicht alle Essstörungen lassen sich diesen drei Hauptformen zuordnen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass untypische "sonstige Essstörungen" sogar häufiger auftreten als die drei klassischen.
Informationen: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
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Wie lernt man sich zu übergeben? Ana weiß es. Ana gibt Tipps, die Hunger stillen. Klara hat eine Freundin gefunden.

Magerquark: 150 Gramm, Apfel: 105 Gramm, TK Gemüse: 200 Gramm, Klara notiert in ein Büchlein, was sie isst. Sie fängt an, in den Supermarkt zu gehen. Aus einer Stunde werden drei, teilweise auch acht Stunden. Sie überlegt immer wieder, was man mit einzelnen Lebensmitteln wohl so kochen könne. Vergleicht die einzelnen Produkte auf deren Zucker-, Kohlenhydrat- und Fett-Anteil.

Sie sucht den perfekten Apfel. 100 Gramm muss er haben. Vollkommen muss er sein, sie legt einen nach dem anderen auf die Waage. Sie läuft durch die Süßwaren-Abteilung zur Kasse. Sie hat es wieder geschafft. Nicht mehr als ein Apfel und Kaugummi landen auf dem Band. Glücksgefühl.

(Bild: Annika Krause)

Sie ist in Fabian verknallt. Im Schullandheim soll jeder bei jedem auf dem Erinnerungs-T-Shirt unterschreiben, er weigert sich. "Bei Rollmops unterschreib ich nicht." Klara bekommt Hunger. Schrecklichen Hunger. Ana sagte, Watte helfe. Klara versucht es mit einem Tampon.

Ana ist ein Synonym für Anorexia Nervosa, der Fachbegriff für Magersucht. "Pro Ana" ist eine Bewegung von Essgestörten, die sich gegenseitig im Internet unterstützen und motivieren, weiter abzunehmen. Sie posten Bilder von sich und ihrem abgemagerten Körper und ernten dafür Bewunderung und Ansporn. Die Philosophie von Pro Ana ist es, lieber zu sterben, als zuzunehmen.

Ihr Abi-Schnitt ist 1,4.

Dreimal die Woche macht sie Sport. Manchmal viermal. Sie MUSS abnehmen. 5 Uhr morgens. Nach dem Wiegen geht sie laufen, ein bis zwei Stunden, danach Kraftübungen. Drei Stunden. 500 Sit-Ups.

Essstörungen: Hilfe für Betroffene

Essstörungen können jeden treffen. Nicht immer sind die Anzeichen eindeutig. Hausärzte und Psychotherapeuten bieten professionelle und vertrauliche Hilfe an. Auch Spezialambulanzen oder Beratungsstellen können helfen.

Unter der Rufnummer 0221/89 20 31 bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine anonyme Beratung an. Weitere Informationen und Hilfsangebote finden sich unter www.bzga-essstoerungen.de.

Nach der Schule fängt sie an, Jura zu studieren. Sie hat sich fest vorgenommen, neue Freunde zu treffen, auszugehen, Spaß zu haben, frei zu sein. Mit dem Studium wird alles besser.

Klara blättert ihre Hausarbeit durch. Sie kann nicht aufhören, kann es nicht glauben. 16. 16. 16! Nein. Nein!!! Tränen schießen in die Augen. Sie blättert nochmal. Nein! Sie zerreißt die Blätter, heult laut auf. Das kann nicht sein!

Nervenzusammenbruch. Ende der Semesterferien. Klara Mutter kürzte ihre Hausarbeit von 16 auf die vorgegebenen 15 Seiten. Klara schläft zwei Tage durch. Die kommenden vier Semester setzt sie aus.

(Bild: Annika Krause)
Soll ich in die Klinik? Nein. Dafür bin ich noch zu fett.

Weil sie Angst hat, ausgeprägte Waden vom Laufen zu bekommen, geht sie schwimmen. Vier Stunden. Hallenbad Böblingen, Eintritt: 2,40 Euro. Noch mal zwei Kilo weniger.

Das Frieren wird unerträglich, nur mit Wärmflasche kann sie schlafen. Auf ihrem Bauch: eine große Brandnarbe, oval wie die Wärmflasche. In der Nacht hat sie wieder Magenschmerzen und Muskelkrämpfe, hinzu kommen Alpträume von Süßem und Pizza.

Plötzlich bemerkt sie eine dicke, salzige Träne, hungrig schnappt sie danach. Bist du doof?!! Sit-Ups. Wie viel Kalorien so eine Träne wohl hat?

Klinik. Klara will das nicht mehr.

Mehr als jeder zehnte Betroffene stirbt, doch sie will leben. ("Ärztezeitung")

Sie will auch anderen helfen, will aufklären über die Krankheit. Deswegen erzählt sie ihre Geschichte, so wie sie die Krankheit erlebt hat, jetzt, drei Jahre später.

Zweimal war sie in einer Klinik, zweimal für ungefähr drei Monate. Dort fand sie Freundinnen, die sie bis heute noch hat, fühlte sich verstanden und aufgehoben. Gespräche, Therapien und vor allem ihre Familie haben sie immer unterstützt und ihr so geholfen, wieder gesund zu werden. Eimmal die Woche geht sie auch heute noch zu ihrer Therapeutin.

Sie fühlt sich gut, hat die Krankheit überwunden – auf ihre Ernährung achtet sie immer noch. Sie isst nur selbst Gekochtes und nur bestimmte Lebensmittel, aber sie isst.

Klara ist heute 23 Jahre und wiegt 56 Kilo. Das schätzt sie zumindest, denn auf eine Waage, das hat sie sich geschworen, stellt sie sich nie wieder.

Essstörungen: Hilfe für Familien und Freunde

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt: "Versuchen Sie nicht, die Betroffenen zu therapieren, sondern bieten Sie Ihre Unterstützung an. Wer helfen will, muss zuerst Vertrauen aufbauen."

Anstatt Druck aufzubauen, sollten Freunde und Bekannte versuchen, die Betroffenen zu motivieren, selbst aktiv zu werden. Professionelle Unterstützung bieten Kinder- und Jugendärzte, Hausärzte und Psychotherapeuten. Auch Spezialambulanzen oder Beratungsstellen können helfen.

Unter der Rufnummer 0221/89 20 31 bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine anonyme Beratung an. Weitere Informationen und Hilfsangebote finden sich unter www.bzga-essstoerungen.de.


Gerechtigkeit

Eine rechte Seite stellt in den USA jetzt kritische Professoren an den Pranger
Doch die Akademiker wehren sich.

Das gibt es jetzt in einem Land zu Trumps Zeit: eine Internet-Seite, die Uni-Professoren an einen öffentlichen Pranger stellt.

"The Professor Watchlist" listet US-Professoren auf, die angeblich "konservative Studenten diskriminieren und linke Propaganda im Hörsaal fördern". Die Seite wurde vor vier Tagen gelauncht, mehr als 150 Akademiker wurden bereits gelistet. Studenten können anonym Vorschläge einreichen, dann werden ihre Dozenten mit Namen, Anschrift und Foto veröffentlicht.