Bild: Burst/Unsplash (bento-Montage)

Als ich am Ende meiner Schulzeit ernsthaft darüber nachdenken musste, was ich nach meinem Abitur eigentlich machen wollte, war ich planlos. Nach zahlreichen Studienratgebern, einem Uni-Besuch in Würzburg und mehreren Erfahrungsberichten älterer Freunde entschied ich mich irgendwann für ein Pädagogikstudium. Und nicht für die Laufbahn als Lehrerin, Musikmanagerin oder Tontechnikerin. 

Doch damit hörten die Entscheidungen nicht auf: Sollte ich doch den Studiengang wechseln? Meinen Master machen? Promovieren? Nach dem Abschluss eine Reise planen oder sofort den ersten Arbeitgeber suchen? Und in welcher Stadt?

Ich fühlte mich völlig überfordert. Wie sollte ich diese Entscheidungen treffen, wenn ich nicht mal wusste, was ich heute abend essen wollte?

Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr allgemeine Fragen zu meinem Leben und meiner Vorstellung davon kamen in mir auf:

Wie kann ich mit dem, was ich gerne tue, Geld verdienen? Wie kann ich anderen Menschen helfen? Möchte ich Kinder haben? Und wenn ja – wann?

Und vor allem: Woher soll ich denn bitteschön wissen, was mich glücklich macht, wenn mich so vieles interessiert?

Du hast das Gefühl, du hast dein Leben nicht im Griff? Das ist erstens ganz normal und zweitens bist du nicht allein

Manchmal fühlt man sich von allem überfordert: dem "normalen" Leben, den Möglichkeiten, die einem offenstehen, den Entscheidungen, die man treffen muss. Du verstehst dich und die Welt nicht mehr? An dieser Stelle erklären wir mit Hilfe von Experten, Ratgebern und unseren eigenen Erfahrungen Probleme, die uns im Alltag beschäftigen. Und wir suchen Lösungen, damit nach dem Tief wieder ein Hoch kommt. 

Die Karriereberaterin und Autorin Barbar Sher hat mehrere Bücher geschrieben, in denen es darum geht, seine Träume zu verwirklichen – auch, wenn man sich gar nicht sicher ist, welche Träume man überhaupt hat. 

In ihrem Buch "Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will" hat Sher fünf Punkte zusammengefasst, die dabei helfen sollen, herauszufinden, was man will.

1/12

Entgegen vieler Vorurteile ist die Generation der Millennials durchaus leistungsorientiert. Junge Menschen wollen heute zwar erfolgreich sein, aber nicht auf Kosten ihrer Freunde, Familie oder persönlichen Interessen. Sie sehnen sich nach einem Job, in dem sie sich selbst verwirklichen können. (Spiegel Online

Wenn man sich nicht sicher ist, wie das am besten funktioniert, kann man sich an verschiedene Berufsberatungsstellen in Deutschland wenden. 

Enno Heyken ist Diplom-Psychologe, Coach und Berufsberater. Seit über 30 Jahren hilft er Menschen dabei, herauszufinden, was sie wirklich wollen. 

Auch er findet es wichtig, selbst Erfahrungen zu sammeln, über Ideen zu sprechen und nicht immer nur darüber nachzudenken. Das kann zum Beispiel bei einem Praktikum sein, aber auch bei einer kurzen Hospitanz. "Manchmal reichen ein Besuch an einem Arbeitsplatz und ein paar Fragen an Mitarbeiter schon aus, um zu merken, ob das etwas für einen ist", erklärt er. "Aber auch, wenn man einfach mit offenen Augen durch die Welt geht und sich ansieht, wo und wie Menschen arbeiten, kann einem das helfen zu entscheiden, was man möchte." 

Außerdem empfiehlt Heyken Berufsfindungstests, wie zum Beispiel den von ihm mitentwickelten "Hamburger Berufsfindungstest", um Berufe gegeneinander abzuwägen. 

Wer bin ich? Und was will ich eigentlich?

"Eine gute Möglichkeit herauszufinden, was einen wirklich interessiert, ist es, die Zeitung aufzuschlagen oder den Fernseher einzuschalten", empfiehlt der Psychologe. Dann merke man schnell, ob einen Themen wie Wirtschaft, Jura oder Technik interessieren. 

Es ist wichtig ein Gefühl dafür zu entwickeln, wo es einen wie magnetisch hinzieht.
Enno Heyken

Auch Hobbys hält Heyken für einen möglichen Wegweiser. "Wer zum Beispiel gerne am Computer sitzt, kann sich vielleicht auch einen Informatikstudium vorstellen. Wer gerne reitet, hat vielleicht Freude daran, später als Tierarzt oder Pferdewirt zu arbeiten." Trotzdem müsse nicht jedes Hobby zum Beruf werden. 

(Bild: Anna Salmi)

Manchmal müssen wir uns aber entscheiden.

Abschluss – und dann? Auch, wenn einen vieles interessiert, muss man sich – insbesondere, wenn es um eine berufliche Ausbildung geht – erst mal entscheiden. Um sich selbst zu finden und Möglichkeiten abzuwägen, empfiehlt Heyken, falls es möglich ist, einen Abstand zur eigenen Kultur und dem eigenen Elternhaus zu finden.

Wer weiß, wer er ist und was er will, kann dann in vielen Bereichen bessere Entscheidungen fällen.
Enno Heyken

Auch bei anderen Lebensentscheidungen, wie bei der Wahl eines neuen Wohnortes, helfe es ebenfalls, auf persönliche Erfahrungen zu setzen und die in Frage kommenden Städte zum Beispiel erst einmal zu besuchen. 

Praktische Bezüge sind immer hilfreicher, als wenn man immer nur darüber nachdenkt. Im Kämmerlein vor sich hingrübeln, sich eine Woche einsperren und dann eine Entscheidung treffen wollen – das ist Quatsch.
Enno Heyken

Wer sich nicht gut entscheiden kann, ist damit nicht alleine. "Das ist menschlich", sagt Heyken. Manchmal müsse man aber auch lernen, sich von Dingen zu verabschieden. "Es gehört zum Leben dazu zu erkennen, dass da zwar zwei Optionen sind, man aber nur eine verwirklichen kann."

Und was, wenn ich mich falsch entscheide? 

Viel wichtiger ist es, aktiv zu werden und nicht zu warten bis irgendetwas passiert. "Wenn man sich einfach nicht entscheiden kann und passiv bleibt, entscheidet das Leben irgendwann für einen.", sagt Heyken. Dabei sollte man auch die Angst vor Fehlentscheidungen nicht zu hoch halten. Außerdem bedeutet eine schwierige Entscheidung auch, dass man mehrere Optionen hat, die einem zusagen. Eigentlich eine gute Nachricht!

Manchmal muss man mutig sein, und es riskieren einen Fehler zu machen.
Enno Heyken

Wer sich vorher informiert hat und zum Beispiel mit Freunden schon über mögliche Optionen gesprochen hat, könne eigentlich gar keine groben Fehlentscheidungen treffen, meint Heyken. Ein Fehler bedeutet also in der Regel nicht, dass man etwas komplett falsch gemacht hat. Und auch, wenn sich am Ende für das zweit- oder drittbeste entschieden hätte, sei das nicht unbedingt schlecht.

Trotzdem hat man immer wieder die Möglichkeit, mit anderen über mögliche Lebenswege und Entscheidungen zu reden. "Eltern sind als Gesprächspartner in solchen Situationen nicht immer hilfreich, weil sie zu nah dran sind,", meint Heyken.

Für jeden, der sucht, gibt es eine gut passende Option. Davon bin ich felsenfest überzeugt.
Enno Heyken

Mich interessiert so viel!

Die Karriereberaterin Sher aus den USA bezeichnet Menschen, die sich vor lauter Hobbys und Interessen nicht entscheiden können, als "Scanner"-Persönlichkeiten. Weil sie alles wissen und ausprobieren wollen, fällt es ihnen besonders schwer, sich festzulegen. Perfekt für diese "Scanner" sei es deshalb, eine Arbeit zu finden, bei der sie ihr Talent für das schnelle Erfassen neuer Informationen und ihre verschiedenen Interessen miteinbringen können. Natürlich könne es eine Weile dauen, bis man seine individuelle Nische gefunden hat und einer Arbeit nachgehen kann, die allen Interessen gerecht wird. Aber warum sollte man nicht danach suchen?Ich war erleichtert, nachdem mir klar wurde, dass ich eine "Scannerin" bin und mich gar nicht unbedingt festlegen muss. Heute versuche ich, meine verschiedenen Interessen miteinander zu verbinden, indem ich über sie schreibe oder mit anderen Menschen zusammen an Projekten arbeite.

Entscheidungen kann man üben

"Entscheidungen übt man im Leben", ist sich Heyken sicher. Wer bemerkt, dass es ihm schwer falle, sich zu entscheiden, sollte sich Momente der Entscheidung immer wieder bewusst machen. Heyken empfiehlt bei Schwierigkeiten dann in drei Schritten vorzugehen:

1/12

Im Kleinen könne man diesen Weg gut üben und dadurch leichter große Entscheidungen treffen. 

Die eigenen Werte können ein Wegweiser sein.

Die Berufswelt ändert sich genauso wie die Gesellschaft oder persönliche Ziele. Immer wieder muss man sich neu orientieren. Zum Beispiel, wenn man eine Familie gründet, ein Haus bauen oder in ein anderes Land ziehen möchte. „Deshalb ist es sehr gut, Werte für alle Lebensbereiche zu haben, auf die man sich berufen kann.“, sagt Heyken. Man könne sich dabei langsam aber sicher fragen: Was ist mir eigentlich wichtig? Möchte ich Karriere machen, möchte ich viel Zeit für meine Kinder haben? Möchte ich einen spannenden Beruf haben? Muss mein Beruf einen größeren Nutzen für die Menschheit haben? Oder möchte ich mich selbst wohl und glücklich fühlen?

Wer diese Fragen für sich selbst beantworten kann, kommt sich damit ein großes Stück näher. Und weiß man erst einmal, wer man ist, fällt es einem auch leichter zu wissen, was man vom Leben erwartet. Dann muss man nur noch losgehen und den ersten Schritt wagen. Auch, wenn er noch so klein ist. 


Future

Fallstudie, Rollenspiel, Interview: So gelingt das Assessment Center
Wir haben Menschen gefragt, die es wissen müssen

Eine Einladung ins Assessment Center ist eigentlich eine gute Nachricht: Die Bewerbungsunterlagen haben überzeugt, dein Lebenslauf gefällt. Aber jetzt geht der Stress erst richtig los: Manchmal dauert ein Assessment Center mehrere Tage. Man sitzt mit Unternehmensvertretern und den anderen Bewerbern in einem Raum und wird bewertet. Wie bereitet man sich am besten darauf vor? Was für Aufgaben erwarten einen? Und gibt es Tricks, um die Nerven zu bewahren?

Dazu haben wir uns sechs Beispielaufgaben, die oft in Assessment Centern vorkommen, näher angeguckt. Außerdem berichten uns zwei junge Menschen, wie sie den Tag erlebt haben, welche Aufgaben dran kamen und wie sie sich vorbereitet haben.

Hier sind sechs beispielhafte Aufgaben, die sehr oft in Assessment Centern vorkommen: