Freunde sind dazu da, um gebraucht zu werden, oder?

Seit Lisa im Café angekommen ist, meckert sie. In der Geschichtsklausur habe sie nur eine 2,0, obwohl sie so viel gelernt habe. Ihre Mutter nerve sie mit täglichen Anrufen. Ihr Hund sei in letzter Zeit einfach träge, so könne sie nicht mit ihm joggen gehen. 

Dass der Hund alt und ihre Mutter einsam ist, verdrängt sie. Genauso wie die Tatsache, dass sie nur zwei Wochen intensiv für die Klausur gelernt hat. Ich halte ihr diese Fakten vor, aber Lisa winkt ab. Das Tier sei vor zwei Wochen noch schneller gewesen, ihre Mama solle sich zusammenreißen und zwei Wochen lernen reichten ja wohl aus. Es ist egal, mit welchen Argumenten man Lisa begegnet, sie hat immer eine Rechtfertigung parat. 

Lisa will keine Ratschläge. Lisa will, dass ich zuhöre und absorbiere. 

Ich bin Lisas emotionaler Mülleimer, was mich sorgt oder beschäftigt, interessiert sie nicht. 

Während sie so vor sich hin palavert, frage ich mich, was ich hier eigentlich gerade mache.

Lisas Namen habe ich erfunden, ihren Charakter und ihre Sorgen nicht. Lisa steht stellvertretend für einige meiner Ex-Freundinnen. Ex, weil ich irgendwann mit ihnen Schluss gemacht, die Freundschaft beendet habe. Und zwar als ich merkte, dass sie ihre negative Energie auf mich übertrugen. Und unsere Freundschaft nur noch daraus bestand. 

Nach den Treffen war ich oft bedrückt. Lange erkannte ich den Zusammenhang zwischen manchen Freunden und meiner eigenen negativen Stimmung nicht. 

Gute Freunde finden 85,4 Prozent der Deutschen laut einer Umfrage besonders wichtig und erstrebenswert (Statista). Die Basis solcher Freundschaften sind Vertrauen und Ehrlichkeit – das sind auch die Eigenschaften, die für die Deutschen in einer Freundschaft Priorität haben (YouGov). 

Die Gründe dafür, warum man sich mit bestimmten Menschen anfreundet, sind vielfältig. Die Erwartungen an eine Freundschaft hingegen weniger: Man wird verstanden, mit all seinen Macken akzeptiert und spendet sich in schweren Zeiten Trost. 

Dazu bin auch ich gerne bereit, da liegt nicht das Problem. Die Misere beginnt woanders: Wenn ich merke, dass ich nur noch der Mülleimer bin. 

Wenn es der Freundin oder dem Freund nicht mehr um den Austausch mit mir geht, sondern nur noch darum, regelmäßig alles Negative bei mir abzuladen. 

Viele Menschen geraten an ihre eigenen Grenzen, wenn ein Freund dauernd nur schlechte Nachrichten und Laune mitbringt. 

"Eine schlechte Phase hat jeder mal, allerdings kann nicht von einem Freund erwartet werden, dass er die gesamte Last auf sich nimmt", sagt Wolfgang Krüger. Er ist Psychologe und Buchautor und auf zwischenmenschliche Beziehungen spezialisiert. Natürlich könne man Sorgen mit Freunden teilen, allerdings sei damit zu rechnen, dass sich Freunde zurückziehen, wenn man nur noch klagt. Krüger sagt: 

„Selbstschutz ist auch in einer Freundschaft sehr wichtig.“

Bei guten Freunden passiere so etwas allerdings nicht so einfach. Gute Freunde prüfe man vorher, erklärt der Psychologe. 

Was kühl klingt, ist logisch: Freunde, die man über Jahre hat, kennt man in fast jedem Zustand. Eine schlechte Phase kann eine gute Freundschaft nicht sofort zerstören, weil man weiß, wie man miteinander umgeht – und dass die schlechte Phase eben auch ein Ende hat, das Interesse aneinander eigentlich ausgewogen ist. 

Aber auch in guten Freundschaften dürfe man sich zurückziehen, wenn der andere Part zu viel negative Energie verströme, sagt Krüger. Natürlich nicht, ohne vorher mit dem Freund oder der Freundin darüber zu reden. Der Experte sagt weiter: 

„Wenn man ankündigt, sich zurückzuziehen, weil man die schlechte Stimmung nicht mehr erträgt, wird der Freund oder die Freundin versuchen, etwas zu ändern, um die Freundschaft zu retten.“

Und dieses System funktioniert dem Psychologen zufolge fast immer.  

Bei "durchschnittlichen Freunden" ist es häufig anders – man wendet sich geräuschlos ab. Eine Freundin nannte das mal "Menschen ausschleichen", in der romantischen Beziehung existiert dafür der Begriff Ghosting: Man meldet sich einfach nicht mehr. Wofür ich mich bislang schlecht fühlte, findet Krüger hingegen in oberflächlichen Freundschaften völlig in Ordnung. Meistens mache es dem anderen Part nämlich nicht wirklich was aus. 

Mir wurde klar, dass Freundschaften nicht nur in eine Richtung funktionieren, als ich das erste Mal eine Lisa aus meinem Freundeskreis verbannte. 

Ich hatte bemerkt, dass ihre negative Idee sich auf mich übertrug. Manche Menschen können diese Energie abblocken, indem sie sie ignorieren. 

Das macht für mich aber nicht den Kern einer Freundschaft aus. Ebenso wenig, sich selbst immer weiter zurückzustellen, um für den Anderen da zu sein – obwohl er oder sie keine Hilfe will. 

Wenn man sich von Freunden ausgenutzt fühlt, sollte man das frühzeitig zur Sprache bringen, um dem Freund oder der Freundin die Möglichkeit zu geben, etwas an der Situation zu ändern. Wenn sie sich jedoch uneinsichtig zeigen, hilft nur noch Abstand nehmen – auch dann, wenn es das Ende der Freundschaft bedeutet.

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Streaming

Du hast "Sex Education" gesehen – aber was weißt du wirklich über Sex?

Die Serie "Sex Education" auf Netflix ist zurzeit extrem beliebt. Kein Wunder: Es geht um Sex und Erwachsenwerden, eine heikle Kombination. Die Serie behandelt das aber auf eine erfrischende, unverkrampfte Art.

Am Freitag hat Netflix eine zweite Staffel mit acht weiteren Folgen "Sex Education" bestätigt.

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Worum geht es in "Sex Education"?

Es geht um den 16-jährigen Otis, der als Sohn einer Sexualtherapeutin aufwächst, die ziemlich sexpositiv unterwegs ist. Dabei hat Otis selbst aber noch gar keine Erfahrungen im Bett gemacht hat. Nicht einmal mit sich selbst. 

Seine Mitschüler finden heraus, dass Otis trotzdem ziemlich gute Ratschläge in Sachen Sex und Liebe geben kann. Also beginnt er, gemeinsam mit seiner Mitschülerin Maeve Therapiestunden zu geben – mit Erfolg.