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"Eine großartige Erfahrung, die ich dringend weiterempfehlen würde."

Väter nehmen deutlich seltener und kürzer Elterngeld und Elternzeit in Anspruch als Mütter. Dass es so wenige sind, hat viele Gründe – darüber haben wir hier mit einem Experten gesprochen.  

Aber was ist mit denen, die es doch tun? Wir haben nach Vätern gesucht, die sich in ihrer Familie mehrheitlich um die Kinder kümmern. 

Warum haben sie sich dafür entschieden? Wie haben ihre Chefs und Chefinnen die Entscheidung aufgenommen? Und ist es so, wie sie es sich vorgestellt haben?  

Das sind ihre Antworten: 

Dave, 30, gelernter Heilerzieher aus Zumhof bei Regensburg

(Bild: Heinzig / privat)

"Meine Frau und ich haben den gleichen Job gelernt, sie wurde aber deutlich besser bezahlt. Daher habe ich mich dann vor drei Jahren entschieden, nicht nur in Elternzeit zu gehen, sondern voll Hausmann zu werden. Gewundert hat das niemanden: Ich war mit 16 Jahren schon Betreuer bei den Pfadfindern, mit 18 für zwei Jahre als einer der wenigen männlichen Au Pair in den USA. 

Ich konnte also schon immer gut mit Kindern umgehen. Daher gab es auch keine blöden Sprüche.

Heute leben wir zu siebt in einem Drei-Generationen-Haushalt auf dem Hof meiner Schwiegereltern. Meine Frau und ich haben die Milchwirtschaft um einen Erlebnisbauernhof erweitert – mit allem von Pferd bis Pfau. Sich nun um die Tiere und den Kleinen zu kümmern, ist nicht immer leicht. Im Kuhstall oder auf dem Trecker muss man schon gut auf ihn aufpassen. 

Am schwierigsten ist es für mich zur Erntezeit, da hilft es dann sehr, die Oma nur zwei Türen weiter zu haben. Dafür liebe ich die Wochenenden, wenn wir mit der ganzen Familie Ausflüge machen können. Gerade erst waren wir mit dem Schlitten unterwegs, auf der Wiese hinter dem Haus lernt der Kleine schon Ski fahren. Ich könnte mir wegen dieser Freiheiten auch nicht vorstellen, mit meiner Familie in der Stadt zu leben."

Marc, 38, Personalreferent aus Koblenz

"Ich arbeite in der Personalabteilung für ein großes Industrieunternehmen mit knapp 150.000 Beschäftigten. Da bearbeite ich auch die Anträge für Elternzeit. Und so fiel mir auf, dass die meisten Männer – egal, ob Ingenieure oder Fließbandarbeiter – meist maximal zwei Monate Elternzeit (sog. Vätermonate) beantragen und ansonsten direkt weiterarbeiten. Viele wissen wohl auch gar nicht, dass ihnen bis zu drei Jahre zustehen. Die wenigsten Väter nehmen sechs Monate, und dann auch meist in Teilzeit.

Mit meiner Entscheidung bin ich daher ein echter Exot: Schon bei meinem Sohn habe ich 13 Monate Elternzeit genommen. Es war eine großartige Erfahrung, die ich dringend weiterempfehlen würde. Darum habe ich nun bei meiner Tochter auch wieder zwölf Monate Elternzeit beantragt. Dass Kindererziehung so anstrengend sein würde, hatte ich damals nicht gedacht. An meine letzte durchgeschlafene Nacht kann ich mich zumindest nicht erinnern. Flasche geben, wickeln, trösten, spielen, diskutieren und 'nebenbei' den Haushalt zu regeln kostet viel Energie. Trotzdem ist es das Schönste auf der Welt.

Ich hätte nie gedacht, dass man Kinder so lieben kann.

Natürlich wäre das nicht für alle Männer etwas. Das ist auch in Ordnung. Aber Paare sollten sich einig sein und darüber reden. Anstatt automatisch und ohne nachzudenken das klassische Modell nachzuleben. Abgesehen vom Stillen gibt es nichts, was Väter nicht können. Auch Papas wollen schmusen und ihren Kindern zeigen, dass sie sie lieb haben.

Ich bin mir außerdem sicher: Wenn mehr Männer Elternzeit einfordern würden, wäre die Arbeitswelt gerechter. Denn wenn sowohl männliche als auch weibliche Mitarbeitende das Risiko bergen, für Kinder zeitweise den Job zu verlassen, könnten Arbeitgeber Frauen nicht mehr bei der Einstellung benachteiligen. Auch, wenn es jetzt schon nicht rechtens ist, jemanden nach seinem Geschlecht einzustellen, glaube ich, dass einige das nämlich immer noch tun."

Timo, 30, Industriemechaniker und Erzieher aus Hamburg

(Bild: Maas / bento)

"Für mich gehört es zum 'männlich sein' einfach dazu, dass ich mich Zuhause einbringe und Verantwortung übernehme. Dass ich mich dem nicht entziehe. Ich glaube aber auch, dass in vielen Berufen schnell dumme Sprüche kommen. Ich arbeite als Erzieher, da war es zum Glück anders. Vielleicht lebe ich da aber auch in einer Filterblase.

Auf jeden Fall würde ich mich hart ärgern, wenn ich mich gegen die Elternzeit entschieden hätte. Am Anfang war ich zwar etwas unsicher und habe gehadert, wenn mein Sohn nicht aufhören wollte zu schreien. Dann habe ich meine Freundin auch mal angerufen. Aber das ist doch vollkommen normal. 

Auch Mütter sind unsicher, auch Mütter haben Probleme.

Im Alltag bleiben oft alte Frauen stehen und geben mir Komplimente, wie toll ich das geregelt bekomme. Das tun sie aber nur bei mir, nicht bei meiner Freundin. Für die scheint es so zu sein: Als Mutter muss sie das können. Da ist das selbstverständlich. 

Ich hätte gedacht, dass heutzutage schon mehr Väter bei ihren Kindern bleiben. Als Männer sind wir aber immer in der Minderheit bei Krabbelgruppen und Babyschwimmen. Da hatte ich anfangs schon Angst, überfordert zu sein und von den Müttern angeschaut werden. 

Drei Väter, ein Podcast bei SPIEGEL ONLINE

"Was ist ein guter Vater": Jonas Leppin, Axel Rahmlow und Markus Dichmann versuchen, diese Frage in ihrem Podcast bei SPIEGEL ONLINE zu beantworten. Die drei Journalisten und Väter sprechen über eigene Ansprüche, Erwartungen von Müttern sowie der Gesellschaft. Dazu gibt es Reportagen und Interviews.



Future

Axel Voss und Artikel 13: Wie die Ignoranz der Alten unsere Zukunft und Gegenwart gefährdet

Axel Voss ist Mitte 50, in der CDU, Mitglied des Europaparlaments – und seit Monaten Hassfigur für eine wachsende Anzahl junger Menschen, die für ein freies Internet kämpfen. Voss steht als Verhandlungsführer wie kein anderer für die umstrittenen Uploadfilter, die als Konsequenz von Artikel 13* der geplanten Reform des europäischen Urheberrechts auf vielen Portalen eingeführt werden müssten. 

(Worum es bei Artikel 13 geht, hat uns Piratin Julia Reda hier im Interview erklärt.)

Die Kritik der im Internet groß gewordenen Jugend ist einfach: Voss habe keine Ahnung, wovon er rede. Was Voss selbst, mit Interviews wie diesem bei Vice, noch untermauert. Der irgendwie irre Tenor des Gesprächs: Youtuber haben 30 Angestellte, er sei kein Techniker und bei Google gäbe es doch weiterhin Memes zum Draufklicken. (Bento)

Es entsteht das Bild eines Mannes, der zwar kein Youtube nutzt, aber über die Zukunft des Internets entscheidet und damit möglicherweise große Teile der Remix- und Meme-Kultur vernichtet. Na, schönen Dank auch. 

Als Reaktion wird, so verlangt es das ungeschriebene Netz-Gesetz, fix ein Meme aus seinem Gesicht gebastelt und sein "Es-gibt-eine-Meme-Sektion-bei-Google-zum-Anklicken"-Zitat bei Twitter verrissen. #Axelsurft trendet bei Twitter, während diese Zeilen getippt werden. Ist Galgenhumor ein Mittel gegen die Abschaffung des Internets, wie wir es kennen?

So einfach ist es leider nicht. 

Axel Voss hat viele Gründe, eine Reform des Urheberrechts umzusetzen. Zwar würde sie relativ wenig bis keinen Zugewinn für Kreative bedeuten. (SPIEGEL ONLINE) Die Reform wäre aber auch ein gewaltiges Geschenk an die großen Verlage, die seit Jahren den Gewinnen hinterhertrauern, die bei Facebook, Google und Co landen. Lobbyisten der Verlage stehen regelmäßig bei Voss auf der Türschwelle und machen Druck für diese Lösung. (Zeit

Das wirkliche Problem ist aber nicht, dass der Jurist Axel Voss keine Ahnung von Memes, Remixen oder auch nur Technik hat. Das Problem ist, dass es ihm egal zu sein scheint. 

Es gibt Alternativen, mit denen Voss und seine Partei die Einführung von Uploadfiltern verhindern könnten und mit denen Kunstschaffende dennoch fair  entlohnt würden. Er weiß das.

Die Kaltschnäuzigkeit, mit der er dennoch Kritik und Ängste von sich weist, ist furchterregend. Europaweit gehen seit Monaten in großen und kleinen Demos hunderttausende Menschen auf die Straßen, um für das freie Internet und gegen seinen Vorschlag zu demonstrieren. Fünf Millionen Menschen unterzeicheten eine Petition gegen Artikel 13. (change.org)

Doch statt auf die Bürgerinnen und Bürger einzugehen oder einen der vielen seit Jahren diskutierten Alternativen wie Pauschalen oder Fair Use in Erwägung zu ziehen, versuchen Voss und die anderen konservativen Parteien in der EVP-Fraktion des Europaparlaments, gegen den Willen der Bevölkerung die Filter-Lösung durchzuprügeln. Die überwältigende Anzahl der kritischen E-Mails erklären sich Voss und sein Parteikollege Sven Schulze mit Bot-Armeen. Und nachdem für den 23. März Massenproteste angekündigt wurden, probierte die Partei sogar, die Abstimmung über den Artikel einfach vorzuverlegen

Weiter kann man sich als Politiker nicht vom Wähler, für den man eigentlich eintreten sollte, entfernen.