Eltern bleiben immer Eltern – und Kinder immer Kinder.

Hannas Mutter kaut zu laut. Marcel ist genervt, weil sein Vater ständig pfeift. Franziskas Mutter erwähnt bei jedem Gespräch betont beiläufig, dass "der Florian" immer wieder nach ihr frage, woraus die immer gleiche Diskussion um ihren Beziehungsstatus entsteht. Clara beobachtet, dass ihre Oma ihren Vater innerhalb von Sekunden auf die Palme bringen könne – obwohl er sonst ein völlig ausgeglichener Mensch ist.

Auch meine Eltern, die ich alle paar Wochen sehe, schaffen es mühelos, mich mit Kleinigkeiten aus der Fassung zu bringen, die mir bei anderen Menschen wahrscheinlich nicht einmal auffallen würden. Egal, ob mich meine Mutter beim Reden unterbricht oder mein Vater aus meinem Glas trinkt.

Warum stören uns Verhaltensweisen unserer Eltern so sehr?

Das habe ich Dr. Claus Koch gefragt. Er ist Autor und Leiter des pädagogischen Instituts Berlin. In seinen Büchern beschäftigt er sich unter anderem mit der Beziehung zwischen Eltern und Kindern und mit der Frage, was passiert, wenn Kinder erwachsen werden

Dr. Claus Koch ist Diplompsychologe und hat über das Erwachsenwerden von Kindern ein Buch "Pubertät war erst der Vorwaschgang" veröffentlicht.

(Bild: Stefan Gelberg)

bento: Warum streiten wir uns so leicht mit unseren Eltern?

Claus: Das hat viel mit dem notwendigen Ablösungsprozess zu tun, der bei allen Kindern mit Beginn der Pubertät einsetzt. Bis dahin sind wir ziemlich abhängig von ihnen. Eltern sind, bis wir etwa zwölf Jahre alt sind, Vorbilder, auch wenn man das zu dem Zeitpunkt gar nicht so registriert. Als Erwachsene bemerken wir dann oft, dass wir Angewohnheiten von ihnen übernommen haben. Und es stört uns, wenn uns jemand nicht nur sagt, wir würden äußerlich dem einen oder anderen Elternteil ähneln, sondern noch mehr, wenn jemand sagt, wir seien in den Gewohnheiten der Mutter oder des Vaters ganz ähnlich. 

bento: Wir befürchten, uns nicht genug von ihnen abgegrenzt zu haben?

Claus: Ja, denn es gibt uns das Gefühl, nicht "selbstständig" genug geworden zu sein. Dafür schämen wir uns fast ein bisschen. Wenn wir einen Satz wie "Ganz wie Deine Mutter" hören, widersprechen die meisten von uns heftig. Wir haben dann das Gefühl, nicht "anders" genug geworden zu sein. Dabei ist das ja das eigentliche Ziel des Erwachsenwerdens: Autonomie und Unabhängigkeit.

bento: Ein einziger Blick am Küchentisch – und wir gehen in die Luft. Was passiert da?

Claus: Wenn man sehr empfindlich und sensibel in solchen Situationen reagiert, kann man schon von Triggern sprechen, die in uns heftige Reaktionen auslösen. Sehr deutlich ist das zum Beispiel, wenn man von den Eltern wieder wie ein kleines Kind behandelt wird und Sätze fallen wie: "Iss doch mal anständig". Manchmal reicht auch ein Blick, den wir aus unserer Kindheit oder Pubertät kennen. Das triggert die Erfahrung, unselbstständig und nicht Herr oder Frau seines eigenen Geschehens zu sein. 

bento: Es geht also nicht nur um den einen Blick.

Claus: Je höher die Sensitivität für solche Gesten der Eltern ist, desto wahrscheinlicher gibt es ungelöste Konflikte aus der Kindheit, die der eigentliche Grund für die innere Angespanntheit und Aggression demgegenüber sind. Das passiert in den meisten Fällen aus eigener Schwäche heraus. Das heißt, man fühlt sich in solchen Momenten immer noch als Kind, immer noch bevormundet – und das regt einen dann furchtbar auf. 

bento: Ist das in jeder Eltern-Kind-Beziehung so?

Claus: Wir bleiben immer die Kinder unserer Eltern. Und Eltern immer Eltern. Eine gewisse Form von empfundener Abhängigkeit wird deshalb immer bestehen.

Wir fallen bei Besuchen ganz automatisch immer wieder in diese Rollen zurück. Egal, ob wir 20 oder 40 Jahre alt sind. Das merkt man vielleicht, wenn man seine Eltern besucht, abends spät nach Hause kommt und sich Gedanken darüber macht, ob sie sich vielleicht Sorgen oder einem sogar Vorhaltungen machen. Obwohl man erwachsen ist und nach Hause kommen kann, wann man will.

bento: Wenn meine Brüder und ich meine Eltern besuchen, kommt es immer wieder zur gleichen Situation. Mein Vater trinkt aus jedem Glas, das irgendwo herumsteht – egal, wem es gehört. Wir regen uns darüber auf. Bei Freunden oder wenn man mich vorher fragt, ist mir das aber eigentlich egal. Ist das ein typisches Beispiel für einen ganz anderen Konflikt zwischen meinen Brüdern und mir und meinem Vater?

Claus: Absolut, denn hier geht es eigentlich um eine Grenzüberschreitung. Gewissermaßen ist das – und das ist gar nicht böse gemeint – eine Form von Übergriffigkeit gegen die sich "Kinder" wehren. Es geht eigentlich darum, dass ihr Euch wünscht, dass Eure Grenzen respektiert werden. Und damit auch ihr als selbstständige und erwachsene Menschen. Als solche möchtet ihr zumindest vorher gefragt werden.

bento: Über die Gläser können meine Brüder und ich inzwischen lachen. Es gibt aber auch Konflikte, die Menschen schwerwiegender belasten. Wann werden solche Reibereien zum Problem?

Claus: Eine Beratung oder sogar Therapie ist nur in ganz wenigen Fällen nötig. In Deinem Beispiel sollte man das erst erwägen, wenn es nicht mehr um das Gefühl der Grenzüberschreitung geht, sondern man auch ein Gefühl von Ekel wahrnimmt. 

Das Wichtigste ist also, dass wir lernen, die eigentlichen Konflikte hinter den eigenen Gefühlen zu erkennen. Das funktioniert durch Selbstreflexion, also wenn wir ins uns hineinhorchen und fragen, was genau uns denn eigentlich stört.

bento: Und dann?

Claus: Dann ist es am besten, zu versuchen, langsam von den Eltern Distanz zu bekommen. Lernen zu akzeptieren, dass sie sind, wie nun mal sind, und die eigentliche Aufgabe des Erwachsenwerdens doch darin besteht, für sich selbst und andere, zum Beispiel die eigenen Kinder, Verantwortung zu übernehmen. Dann müssen sich die Eltern auch nicht mehr ändern, weil man zu einer eigenen Identität gefunden hat. 



Streaming

Helfen Serien wie "Unbelievable" Opfern sexualisierter Gewalt wirklich?
Empowerment oder Ernüchterung?

Die 18-jährige Marie Adler wird im Jahr 2008 vergewaltigt. Nach ihrer Anzeige bei der Polizei wird sie vernommen, untersucht, fotografiert. Die Beamten finden keine brauchbaren Spuren. Zwar gibt Marie an, gefesselt worden zu sein, hat auch sichtbare Verletzungen und Blutergüsse. Die Geschichte der traumatisierten Frau klingt den Ermittlern aber zu wirr, zu wenig glaubhaft. Aus der Ermittlung gegen einen Unbekannten wird eine Ermittlung gegen Marie. 

2015 wird durch diesen mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Artikel bekannt: Marie Adler hat die Wahrheit gesagt – und sie ist nicht das einzige Opfer des Vergewaltigers.

Auf diesem realen Fall aus den USA beruht die Netflix-Serie "Unbelievable".