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Eine Enttäuschung ist nicht nur negativ. Im Interview erklärt Michael Bordt, warum.

Das falsche Outfit, der falsche Job, die falsche Partnerin? Wenn Kinder erwachsen werden, treffen sie mehr und mehr eigene Entscheidungen. Nicht immer sind es die, die ihre Eltern sich für sie gewünscht hätten.

Doch die Eltern manchmal zu enttäuschen, ist zwar unangenehm – aber auch wichtig, sagt Michael Bordt.

Michael Bordt gibt Workshops für junge Gründer, Start-ups und für Söhne und Töchter von Familienunternehmen.

Michael Bordt ist Professor, Autor und Vorstand des Instituts für Philosophie und Leadership der Hochschule für Philosophie in München. In seinem Buch "Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen" schreibt er vom Mut, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. 

bento: Was bedeutet das eigentlich, enttäuscht zu sein?

Michael Bordt: Eine Täuschung fällt weg. Man merkt, dass man einen Menschen falsch eingeschätzt hat, sich getäuscht hat darüber, wer er ist. Das ist erst einmal unangenehm. Aber man bekommt eine realistischere und geerdete Sicht auf andere Menschen, die Welt und sich selbst. Und das kann zu einer klareren Ausprägung der Identität führen. 

bento: Also ist eine Enttäuschung eigentlich etwas Positives?

Michael Bordt: Sie hat positive Aspekte. Trotzdem kann sie negativ bleiben. Sie zwingt mich zur Auseinandersetzung mit der Welt, wie sie wirklich ist und nicht, wie ich sie gerne hätte, und führt mich an den harten Kern der Realität meines Lebens, meiner Beziehungen und der Welt, die mich umgibt.

bento: Wenn wir an die Beziehung zu unseren Eltern denken, ist diese doch irgendwie etwas Besonderes. Warum? 

Michael Bordt: Meine Eltern haben einen Erkenntnisvorteil mir gegenüber, weil sie mich erlebt haben, als ich ein Kind war. Sie erinnern sich an diese Zeit besser als ich selbst. Das führt dazu, dass die Eltern auch mein späteres Verhalten bis ins hohe Alter auf dem Hintergrund der Erfahrung interpretieren, die sie mit mir gemacht haben, als ich ein Kind oder ein Jugendlicher war.

Dazu kommt, dass wir als Kinder die Eltern vergöttern. Sie sind unsere Beschützer, unsere Ernährer. Wir sind vollständig von ihnen abhängig. Sie schenken uns im besten Fall Geborgenheit, Anerkennung, Liebe – all das, was wir brauchen.

Da ist es verständlich, dass Kinder, auch wenn sie längst keine kleinen Kinder mehr sind, unter Umständen von den Eltern erwarten, immer noch vollständig verstanden und angenommen zu werden.

bento: Und das sind zu hohe Ansprüche?

„Erwachsenwerden heißt auch, sich einen kritischen Umgang mit den eigenen Ansprüchen den Eltern gegenüber anzueignen und zu verstehen, dass sie uns nicht immer die Anerkennung geben können, die wir uns von ihnen wünschen oder die wir sogar erwarten.“
Michael Bordt

bento: Gibt es typische Konflikte zwischen der Generation der Millennials und ihren Eltern?

Michael Bordt: Was ich heute feststelle, ist, dass sich junge Erwachsene öfter in ihren Fähigkeiten überschätzen, wenn sie zum Beispiel in einem Unternehmen Karriere machen oder eine Firma gründen wollen.

Oft kommen sie aus einem sehr behüteten Elternhaus, wo sie immer wieder vermittelt bekommen haben, wie besonders sie sind, dass sie alles schaffen und aus ihnen etwas Tolles werden wird. Im Realitätscheck merken sie aber irgendwann, dass das nicht immer stimmt. Die Eltern machen es ihren Kindern schwer, sich von ihnen zu lösen, weil die Kinder von ihnen die Sicherheit und Anerkennung bekommen, die sie in der Welt nicht mehr finden. Das ist, glaube ich, etwas Neues.

bento: Wie war das in Ihrer Generation?

Michael Bordt: Die Eltern meiner Generation sind im Krieg oder der Nachkriegszeit geboren worden. Die Erziehungsmethoden waren anders als heute. Damals standen auch andere Bedürfnisse im Vordergrund, die Kinder mussten oft selbst schauen, wie sie klarkommen. Deshalb haben sie sich als Erwachsene vorgenommen, es bei ihren eigenen Kindern anders zu machen. Sie sind sehr verständnis- und liebevoll.

bento: Aber das klingt doch erst einmal nach etwas Gutem.

Michael Bordt: Ja, aber es führt in manchen Fällen dazu, dass junge Menschen das Gefühl haben, die Familie sei der einzig sichere Ort. Und wenn so viel auf dem Spiel steht, fällt es besonders schwer, das zu enttäuschen und sich abzugrenzen.

bento: Germanistik- statt Jurastudium, immer noch keine Enkelkinder und sowieso rufen wir viel zu selten an: Warum und wovon sind unsere Eltern denn am häufigsten enttäuscht?

Michael Bordt: Wenn Eltern ihre Kinder erziehen, sind sie in einer absoluten Machtposition. Denn ein Kind zu erziehen heißt auch, es in die eigene Wertewelt einzuführen.

Solange die Kinder klein sind, übernehmen sie das einfach. Irgendwann erfolgt aber eine natürliche Abgrenzung, in der sie eigene Erfahrungen machen. Das ist eine erhebliche Ohnmachtserfahrung für Eltern. Dazu kommt, dass im Normalfall die Eltern das Beste für ihr Kind wollen. Und sie glauben, aus ihrer Erfahrung zu wissen, was das ist. 

bento: An Weihnachten fahren viele junge Menschen als Erwachsene zu ihren Eltern – und plötzlich gibt es ganz schön viele Reibereien. Warum kommen Konflikte in solchen Situationen eher an die Oberfläche?

Michael Bordt: Wir fahren nicht nur zu unseren Eltern, sondern auch in unsere festgefahrenen Rollen zurück. Eltern sind oder wollen an Weihnachten wieder Eltern sein und man selbst ist wieder Kind.

bento: Wie kommen wir da heraus?

Michael Bordt: Kinder sollten sich fragen, wie die Beziehung zu den Eltern ist und wem sie eigentlich gilt. Sehen sie mich wirklich? Nehmen sie zur Kenntnis, dass ich mich geändert habe, dass sich nach meiner Jugend Dinge entwickelt haben, die tatsächlich jetzt zu mir gehören? Gilt die Anerkennung und Liebe wirklich mir als Mensch oder der Vorstellung, die sie von mir haben?

Dann sollten sich die Kinder entscheiden, ob es ihnen möglich ist, zu fragen: 

„Könnt ihr mich so akzeptieren, wie ich eigentlich bin und euch vorstellen, eine ehrlichere Art der Beziehung zu mir zu haben?“
Michael Bordt

bento: Wie spricht man einen Konflikt mit den Eltern am besten an? 

Michael Bordt: Man sollte sich schon vorher Gedanken machen, wie man als Familie zusammenkommt und über einen Konflikt spricht. Anstatt zu den Eltern zu fahren, kann man sie zu sich einladen. Dadurch ändert sich die Dynamik des Treffens. Dann sollte man, wie ich es nenne, mit 'versöhntem Herzen kämpfen'. Das bedeutet, dass man Konflikte nicht eingehen sollte, weil man den Druck nicht mehr aushält und es dann irgendwann eskaliert, sondern dass man zunächst, soweit es möglich ist, mit sich selbst über die Dinge ins Reine kommt und sich dann überlegt, wie man es den Eltern gegenüber anspricht. Die Chance besteht, dass sie das gut aufnehmen. Wenn es eskaliert, dann eskaliert es halt. Dann kann man hoffen, dass man sich auch wieder versöhnt. Manchmal ist es auch ganz gut, so etwas als Familie zu durchleben.


Gerechtigkeit

Streaming ist eine der größten CO2-Schleudern – doch es gibt Lösungsansätze für das Problem
Wie Millennials mit "Green IT" unsere digitale Klimabilanz verbessern wollen.

Mama fotografiert die Plätzchenrezepte für den WhatsApp-Familienchat ab, der Kollege empfiehlt die neue Netflix-Politserie, am Abend googeln wir noch rasch Weihnachtsgeschenke – und wo sie online zu shoppen sind. Das Netz verändert unseren Konsum und unseren Alltag. Suchen, streamen und chatten wirkt schwerelos. 

Doch unsere Daten haben Gewicht – und Auswirkungen auf das Klima.

"Flugscham" war 2019 – 2020 kommt "Klickscham".

Denn zu jedem Foto, zu jeder Streamingminute, zu jeder Suchanfrage gehört ein Server. Dieser frisst Strom, viel Strom. Und damit er optimal läuft, werden Serverräume klimatisiert und bei möglichst konstanten und kühlen 22 Grad Celsius gehalten (Computerwoche). Auch das frisst Strom. In Deutschland häufen Rechenzentren so jährlich fast sechs Millionen Tonnen CO2 an (MDR).

  • Weltweit waren digitale Dienste noch 2015 für rund zwei Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich, ähnlich viel wie der CO2-Ausstoß aller weltweiten Urlaubsflieger. (GeSI)
  • Schon 2018 gilt das Verhältnis nicht mehr: Einer Studie des französischen Nachhaltigkeits-Thinktank "Shift Project" zufolge ist der globale Datentransfer mittlerweile für rund vier Porzent der CO2-Emissionen verantwortlich, die private Fliegerei nur für 2,4 Prozent. (New York Times, The Shift Project)

Zwar ist der Schaden durch Flugzeuge immer noch deutlich höher – sie pusten ihre Schadstoffe direkt in die Atmosphäre – doch der Strombedarf der Informations- und Kommunikationstechnologie wird weiter steigen. Nach aktuellen Berechnungen des zu Nachhaltigkeit forschenden Borderstep Instituts liegt er in Deutschland bei 12,4 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr – die Leistung von vier mittleren Kohlekraftwerken. 

Der elektrische Energiebedarf ist laut dem Wirtschaftsministerium in Deutschland zwar rückläufig, wir nutzen das Netz aber global: Die Server von Facebook, Google und Amazon stehen in den USA, in Norwegen oder Irland. Klicks aus Deutschland fressen Strom im Ausland. Wie man die Energie der Rechenzentren effizient nutzen kann, ist eine Frage, die die "Green IT" beantworten will.

Müssen wir nun alle offline sein, um das Klima zu retten? 

Nein, sagt Nele Kammlott. Viel wichtiger sei es, grüne Lösungen für die Server von morgen zu finden – und sich selbst seiner digitalen Last bewusst zu sein. Denn das Hauptproblem sei nicht, wie gut oder schlecht ein Server arbeitet, sondern wie sehr wir ihn mit unnötigen Daten belasten.