Bild: Jalal Hosseini

Als ich zwölf Jahre alt war, fand ich in der Kommode meines Vaters eine VHS-Kassette, "Pretty Woman" hatte er darauf notiert, mit blauer Tinte. Als ich den Film startete, liebten sich nicht Vivian und Edward, sondern mein Vater und seine Freundin. Im Off hörte ich Alex, den besten Freund meines Vaters: "Los Gabi, geh doch mal dazu", rief er. Daraufhin lief sie ins Bild, nackt. Bis dahin kannte ich Gabi nur als Nachbarin.

Ich wusste, ich muss den Porno ausschalten. Und doch tat ich es nicht. Dem Verhältnis zu meinem Vater hat das lange Zeit nicht gerade gutgetan.

Dabei hätte ich dieses Wochenende eigentlich nur mit meinem Vater verbringen sollen, wie jedes zweite Wochenende, seitdem meine Eltern sich haben scheiden lassen. Mein Vater hatte sich schnell neu verliebt und wohnte jetzt mit seiner Freundin Tina zusammen, die – wie alle im Text erwähnten Personen – eigentlich anders heißt.

An diesem Papa-Wochenende mussten mein Vater und seine Freundin Tina allerdings auf den Geburtstag ihrer Eltern. Vier Stunden, sagte mein Vater, länger sollte es nicht dauern. Kein Problem, sagte ich, und dachte an die Kommode meines Vaters im Wohnzimmer. In seiner großen Filmsammlung fand ich neben "Der Pate" und "Winnetou" eben auch meinen damaligen Lieblingsfilm "Pretty Woman". Darauf freute ich mich.

Bis ich in Szene eins den Lesesessel meines Vaters sah. Das Bild wackelte, das Licht gedimmt, keine Musik, keine Personen, keine Gespräche, nur ein leichtes Brummen. Ich stutzte. "Pretty Woman" war das nicht. Ich ließ den Film laufen.

Szene zwei: Die Kamera schwenkte langsam Richtung Ecksofa. Dort lag eine Frau, angewinkelte Beine, schwarzer Slip, sie knetete ihre Brüste. Über ihr, das eine Bein auf dem Sofa kniend, stand ein Mann. Nackt, in der Hand sein Penis. Hektischer Zoom: Ich erkannte erst Tina, dann das angestrengte Gesicht meines Vaters. Schwenk runter zu seinem steifen Penis.

Ich erstarrte. Wie gefesselt sah ich auf den Fernseher.

Szene drei: Gabi, die Nachbarin, ging langsam und nackt durchs Bild. Sie setzte sich aufs Sofa, beobachtete erst Tina und meinen Vater, um dann Tina ihren Finger in den Mund zu stecken. Sie stöhnten.

Ich darf das nicht sehen. Ich muss das ausschalten.

Mit zwölf Jahren hatte ich zwar keine Ahnung von Sex, aber ich wusste natürlich, dass es ihn gibt, sonst gäbe es mich ja gar nicht. Ich wusste auch, dass man ihn auch mit mehreren haben kann, wenn man will.

Aber in diesem Alter hört man auch, dass Pornofilme eher in die Schmuddelecke gehören, genauso wie solche Leute, die Amateurfilmchen drehen. Dass mein Vater jetzt in diese Ecke gehören sollte, machte mich fassungslos. Ich empfand Ekel.

Wie konnte mein Vater, ein stolzer, attraktiver und kluger Mann, sich für so etwas hergeben? Damals passte das für mich nicht zusammen. Mein Vater, seine Vorliebe für Gruppensex und Amateurpornos, das alles erschütterte meine heile Tochter-Welt.

Während ich vor dem Fernseher saß und den kleinen Wohnzimmerporno nicht ausschalten konnte, wartete ich darauf, dass mein Vater aufhört. Dass er aufsteht und sagt, dass das doch irgendwie eine doofe Idee von Alex und den anderen war, einfach nicht das Richtige für ihn. Ich wartete, dass er das beendete.

Er tat es nicht.

Ich verließ das Wohnzimmer. Ich konnte nicht mehr länger in diesem Raum sein, in dem all das passierte. Überhaupt wollte ich am liebsten sofort die Wohnung verlassen, mir war schlecht und ich fühlte mich unwohl.

Als mein Vater und Tina nach Hause kamen, ließ ich mir nichts anmerken, erzählte aber von einem flauen Magen und ließ mich kurz darauf von meiner Mutter abholen, der hatte ich das gleiche erzählt.

Heute weiß ich, dass irgendwann im Leben jedes Kindes dieser Moment kommt, in dem es erkennt: Mama, Papa sind nicht nur Eltern sondern Menschen, mit eigenen Fehlern, Schwächen – und Vorlieben.

Damals war diese Art Vorliebe zu viel für mich: Der Porno hat unser Verhältnis nachhaltig verändert.

Zum Klicken: Jo Broughton fotografiert leere Porno-Kulissen (Hier geht's zum Artikel)

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Ich meldete mich immer weniger bei ihm, besuchte ihn fast gar nicht mehr. Wenn ich doch mal kam, ignorierte ich ihn und stritt mit Tina, vor der ich jeden Respekt verloren hatte. Schließlich trieb sie meinen Vater ins Verderben, so sah ich es damals. Mein Vater bemühte sich um mich, er verstand meine plötzliche Ablehnung nicht. Wie auch?

Ich wusste, dass ich ihm weh tat, aber ich konnte nicht anders. Obwohl ich auch litt, war meine Verachtung ihm gegenüber einfach zu groß geworden. Ich respektierte ihn nicht mehr als meinen Vater. Ich konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen, ohne an seinen geilen Gesichtsausdruck zu denken, den er im Film hatte, als er über Tina kniete.

Wenn Kinder ihre Eltern beim Sex erwischen, ist es natürlich immer sehr unangenehm. Für beide Seiten.

Doch meist geht die Schlafzimmertür sofort wieder zu. Bei mir war es nicht eine Schocksekunde, sondern sieben Minuten, in denen ich meinen Blick nicht abwenden konnte.

Dabei hat mich mit zwölf Jahren nicht erschüttert, dass mein Vater Sex mochte, sondern wie er ihn mochte. Die Szenen waren animalisch, sie hatten etwas Schmutziges und Wildes, das nicht in das Bild passt, das eine Tochter vom eigenen Vater hat. Deshalb habe ich auch niemandem davon erzählt.

Lieber verbrachte ich meine Jugend ohne meinen Vater.

Zu meinem 18. Geburtstag – wir hatten uns mittlerweile zwei Jahre nicht mehr gesehen oder gehört – stand er vor unserer Haustür. Ich weinte wie ein kleines Mädchen, weil ich endlich begriff, wie sehr er in meinem Leben fehlte.

Langsam näherten wir uns wieder an, bauten ein freundschaftliches Verhältnis auf, das wir bis heute haben. Er erzählt mir von seinen Frauen- und ich ihm von meinen Männergeschichten, wir trinken zusammen Bier und ziehen auch schon mal abends um die Häuser.

Ein paar Mal fragte er mich, warum ich mich damals so zurückgezogen habe, aber bis heute bringe ich es nicht übers Herz, ihm die Wahrheit zu sagen. Einerseits will ich nicht, dass er sich Vorwürfe macht und andererseits schäme ich mich, dass ich es so weit habe kommen lassen – und ihn im Grunde dafür bestraft habe, ein erfülltes Sexleben zu haben.

Manchmal frage ich mich, was wohl passiert wäre, wenn ich direkt mit ihm gesprochen hätte. Den Kontakt zu ihm hätte ich sicherlich nicht verloren. Dafür hätte mein Vater mir erklären können, dass jeder Mensch andere Vorlieben im Bett hat. Dass das nicht unnatürlich oder abartig ist, sondern völlig okay – solange alle Beteiligten damit einverstanden sind.

Vor allem könnte ich heute wahrscheinlich offener mit Sex und meinen Vorlieben umgehen. Und vielleicht würden mich Pornos nicht anekeln, sondern ich würde sie als Teil eines wunderbaren Vorspiels betrachten.


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