Und wie können wir mehr soziale Kontakte finden?

Hunderte Views auf die Instastory, Tausende Follower bei Twitter – und trotzdem einsam? Wer das Gefühl hat, allein zu sein, ist damit in Deutschland nicht allein. Das geht aus einer neuen Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hervor.

Jeder dritte Millennial in Deutschland fühlt sich einsamer als noch vor sechs Jahren. 

In der Auswertung geben etwa 9 Prozent aller Befragten zwischen 20 und 29 Jahren an, sich sehr oft oder oft einsam zu fühlen. Insgesamt sagten 29 Prozent, sie seien einsamer als bei der letzten Befragung. Die Studie vergleicht Daten aus dem sozio-ökonomischen Panel, einer regelmäßigen Telefonbefragung in Deutschland. 

Ausgewertet wurde sie von den IW-Forscherinnen und Ökonominnen Anja Katrin Orth und Theresa Eyerund. Sie haben die Daten von 2013 mit den jüngsten, verfügbaren Befragungen von 2017 verglichen. Ihr Gesamtergebnis: In Deutschland fühlen sich immer weniger Menschen einsam, aktuell sind es nur 9,5 Prozent der Befragten.

Doch es gibt Ausreißer: Neben den Millennials fühlen sich vor allem Frauen und Migranten isolierter als andere Befragte.

Wie kommt das? Und wie werden wir wieder weniger einsam? Das haben wir Ko-Autorin Anja Katrin Orth, 29, gefragt.

Katrin, wir gehören beide zur Generation der Millennials. Jetzt sagst du, in dieser Altersgruppe sei die Zunahme der Einsamkeit am höchsten. Was passiert da?

"Meine Kollegin und ich glauben, dass es vor allem mit der Zeit der Umbrüche zu tun hat, in der sich 20- bis 29-Jährige befinden. Viele ziehen von zu Hause aus, um zu arbeiten oder zu studieren. Das heißt, alte Freundeskreise brechen auf, Kontakte verschwinden – wir müssen uns erst wieder ein ganz neues soziales Umfeld aufbauen. Am schwierigsten ist das laut unserer Untersuchung übrigens für Azubis und Lehrlinge, obwohl sie ja Kolleginnen und Kollegen um sich herum haben."

Fühlst du dich allein?

Hast du das Gefühl, oft einsam zu sein? Fehlt dir die Gesellschaft von Freundinnen und Freunden – egal, wie viele Menschen du um dich herum hast. 

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Aber wir können doch unsere alten Freunde einfach digital mitnehmen – Social Media vernetzt uns mehr als je zuvor.

"Ja und nein. Social Media kann sich ganz verschieden auf den Einzelnen auswirken. Ein positiver Effekt ist sicher, dass man soziale Kontakte pflegen und halten kann. Eine negative Auswirkung kann aber auch sein, dass Social Media als Ersatz für reale Kontakte begriffen wird – und den Effekt der Einsamkeit sogar verstärkt. Jemand fühlt sich allein, gerade weil er nur noch online ist und dann die Urlaube und Partys seiner Freunde nur virtuell wahrnimmt."

Wie kann man Einsamkeit überhaupt messen?

"Es gibt messbare Faktoren, die man zurate ziehen kann. Wie oft ruft jemand bei der Telefonseelsorge an? Wie groß ist eine Familie, ist ein Freundeskreis? Aber wir denken, daran kann man keine Einsamkeit ablesen: 

Jemand mit vielen Freunden kann sich einsam fühlen und jemand mit einem sehr kleinen Freundeskreis fühlt sich prima.

Für unsere Untersuchung haben wir das subjektive Gefühl abgeklopft. Die Befragten sollten selbst einschätzen, wie isoliert sie sich in der Gesellschaft fühlen."

Wie haben die Forscherinnen gearbeitet?

Orth und Eyerund werteten Daten einer repräsentativen Langzeitbefragung aus, für die Menschen seit 1984 einmal jährlich zu verschiedenen Themen interviewt werden. Immer wieder rücken junge Befragte nach. Zu dem Panel gehören ingesamt 30.000 Personen in 15.000 Haushalten.

Da Einsamkeit eine subjektive Wahrnehmung ist, wurde genau das erfragt: 

"Wie oft haben Sie das Gefühl, dass Ihnen die Gesellschaft anderer fehlt?"

"Wie oft haben Sie das Gefühl, außen vor zu sein?"

"Wie oft haben Sie das Gefühl, dass Sie sozial isoliert sind?"

Die Befragten konnten mit "nie", "selten", "manchmal", "oft" oder "sehr oft" antworten. Für ihre eigene Untersuchung haben die Forscherinnen dann Antworten von 2013 und 2017 verglichen.

Was ist so verkehrt daran, allein zu sein?

"Am Alleinsein ist nichts verkehrt, das kann auch mal gut sein. Es gibt aber Untersuchungen, die zeigen, das sich Einsamkeit negativ auf die persönliche Gesundheit auswirkt. Wer sich einsam fühlt, ist häufiger depressiv und häufiger krank. 

Das hat dann einen Effekt auf den Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft – und auch darauf, wie wie unseren Job machen. Für Arbeitgeber wird es zum dicken To-Do, sich mehr um einsame Kolleginnen und Kollegen im Team zu kümmern."

Klingt nach verpflichtendem Bingo-Abend im Büro.

"Nein, sowas wäre nicht gut. Aber freiwillige Angebote sollte es geben, dann kann jeder selbst entscheiden, wie er sich beteiligt. Insgesamt sollte aber die Politik darüber nachdenken, wie sie für eine bessere Integration sorgt, mit Freizeitangeboten zum Beispiel.

Gerade Migranten fühlen sich häufiger isoliert und außen vor – deren Anteil geht aber bei den Erwerbstätigen deutlich runter. Das zeigt: Wenn sie irgendwo eingebunden werden, können sie auch selbst besser auf andere zugehen."

Auch Frauen sind laut eurer Studie häufiger allein. Wieso?

"Geschlechterunterschiede haben wir noch nicht näher untersucht. Aber wir haben eine Mutmaßung: Frauen legen mehr Wert auf soziale Kontakte und fühlen sich daher auch schneller einsam, wenn diese Kontakte ausbleiben."

Was rätst du Menschen, die sich einsam fühlen?

"Gerade mit Blick auf Millennials lässt sich das Netz nicht mehr wegdenken. Also muss jeder für sich die Frage beantworten, welcher Social-Media-Typ er ist: Bringen mir digitale Kontakte Spaß? Inszeniere ich mich und meinen Alltag gerne im Netz? Oder fühle ich mich eher überfordert oder eingeschüchtert, wenn ich andere auf Social Media sehe? Wichtig ist, seine virtuellen Kontakte mit seinen realen in Einklang zu bringen."

Hinweis: In einer ersten Version haben wir geschrieben, dass sich 29 Prozent aller Befragten zwischen 20 und 29 Jahren einsam fühlen – tatsächlich sind es nur 9,1 Prozent. Die 29 Prozent bezieht sich hingegen auf die Veränderung von 2013 auf 2017.


Gerechtigkeit

Der Wiederholungstäter: Patrick R. rast zugedröhnt durch Dortmund
Ein Besuch vor Gericht

Wer das Strafregister von Patrick R. nicht auswendig kennt, der hat keine Chance: Der kann am 21. Mai nur zuhören, während sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung Aktenzeichen um die Ohren werfen als wäre Buchstabierwettbewerb. Immer wieder wühlt und kramt und blättert der Anwalt von R. in seinem roten Aktenordner. Schließlich spricht er aus, was alle denken: "Hier läuft offensichtlich ein ganzer Wust an Verfahren."

R. selbst kann zur Klärung der Situation nicht viel beitragen. Er wirkt verloren, als habe er sich zufällig in den Gängen des Schwerter Amtsgerichts verlaufen. Schweigend, wie ein Unbeteiligter sitzt er da – dabei verbirgt sich hinter dem Gewirr aus Zahlen und Buchstaben die Geschichte seines Lebens.