Deutschland wollte mich nicht, ich blieb trotzdem.

Der Postbote klingelt, ich hetze die Treppe runter und öffne verschlafen die Tür. "Der hat nicht in den Briefkasten gepasst“, sagt er und hält mir einen Brief vom Hamburger Senat hin. Ich nehme ihn und frage mich, was ich wohl verbrochen habe. 

(Bild: Selma Zoronjić/bento)
"Sehr geehrte Frau Zoronjić, ich gratuliere Ihnen zur deutschen Staatsbürgerschaft."

Olaf Scholz erinnert mich im Brief daran, dass ich mich mit Annahme der Staatsbürgerschaft zu Deutschland bekannt habe. 

Deutschland sei somit zu meiner Heimat "geworden", schreibt er. 

Diesen Brief bekam ich vor wenigen Monaten. Ich bin 22 und in Deutschland geboren. Deutschland war schon immer meine Heimat. Nur das mit der Staatsbürgerschaft, das war immer so eine Sache. Mein Weg dahin war ein ziemlich langer, und nicht immer waren die Briefe, die ich von der Stadt erhielt, so schön und willkommen heißend wie dieser. 

Es gab eine Zeit, da wollte Deutschland mich nicht.

Während meine Freundinnen und Freunde auf dem Pausenhof rumknutschten, sich über Germany’s Next Topmodel unterhielten und dabei Eistee schlürften, hatte ich mit elf Jahren nur eine Sache im Kopf: das Schreiben der Ausländerbehörde, in dem wir aufgefordert wurden, das Land in Richtung Bosnien zu verlassen. Dem Herkunftsland meiner Eltern. Meine Familie hatte damals nur den Aufenthaltsstatus der Duldung. Meine Eltern versuchten zwar, den Brief vor mir zu verstecken – ich fand und las ihn trotzdem.

Duldung

Personen, die sich nicht (mehr) im Asylverfahren befinden oder einen negativen Bescheid erhalten haben, aber bei denen die Abschiebung ausgesetzt wurde, erhalten von der Ausländerbehörde eine "Bescheinigung für die Aussetzung einer Abschiebung" –  genannt Duldung. (BAMF)

Für mich brach damals eine Welt zusammen.

Ich sollte das Land, in dem ich geboren und aufgewachsen war, verlassen? Meine Freunde und Kuscheltiere zurücklassen? Sofort fing ich damit an, an einem Plan zu arbeiten, wie ich all meine Elche und Bären aus Plüsch mit nach Bosnien nehmen konnte: Ich wollte sie in meinem Koffer unterbringen, da hätten sie es schön gemütlich und warm gehabt. 

Die Vorstellung, fast alles Vertraute zurücklassen zu müssen, löste in mir eine Angst aus, die ich so noch nicht kannte. In den nächsten Wochen kreisten meine Gedanken nur noch um diesen Brief. Meine Eltern versicherten mir: Alles wird gut. Ich vertraute ihnen, merkte aber trotzdem, wie sehr es auch sie belastete. 

Warum sollte ich Deutschland verlassen?

Ich kam 1995 als Kind bosnischer Kriegsflüchtlinge ohne festen Aufenthaltsstatus in Hamburg zur Welt. Meine ersten Lebensjahre verbrachte ich auf dem Flüchtlingscontainerschiff "Bibby Challenge" im Stadtteil Altona. Auf diesem Schiff lebten hauptsächlich Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. 

Vier Stockwerke, unzählige Schicksale. Zum Beispiel eine Familie aus Srebrenica, die bei dem Massaker mehrere Mitglieder verloren hatte. Oder eben meine Mutter, die auf ihrer Flucht monatelang nicht wusste, wie es ihrer Familie geht und dass ihr Vater mittlerweile in ein Lager gebracht worden war. 

Während meine Eltern auf Kakerlakenjagd waren, lag ich eingekuschelt in der Kajüte. (Bild: Selma Zoronjić/bento)

Zu viele Menschen auf engstem Raum, später auch Kakerlaken. 

Ich erinnere mich nicht an vieles aus dieser Zeit, aber daran, dass es überfüllt war auf dem Schiff, die Menschen es mit der Hygiene nicht so ernst nahmen. Meine Eltern erzählten mir von einer großen Kakerlaken-Plage. Sie kämpften wochenlang erfolglos dagegen an. 

Das Schiff war kein Ort, an dem man gerne lebte – deshalb überlegten meine Eltern, mit mir nach Bosnien zurückzukehren. Mein Vater wollte dort sein Studium zu Ende bringen. Aber zu dem Zeitpunkt hätte es kaum Arbeit dort gegeben, auch die anhaltenden Konflikte schreckten sie ab. Auf dem Schiff wollten wir aber auch nicht länger bleiben.

Wir mussten uns in Hamburg also eine neue Bleibe suchen, die fanden wir in der Wohnung meiner Tante in der Schanze. Die nächsten Jahre waren unbeschwert: Mit meinen Cousinen und Cousins tobte ich auf sämtlichen Spielplätzen des Viertels, wir kauften uns im Sommer im Supermarkt neben unserem Hof Schokolade und Eis. Eines Tages hatte meine Cousine eine irre Idee: Man könnte doch versuchen, Ein-Pfennigmünzen in Alufolie einzuwickeln und so Kaugummis aus dem Automaten ziehen, die sonst 50 Pfennig kosteten. Der Plan ging auf, wir waren glücklich

Von den Problemen, die meine Eltern als Geduldete noch immer mit den Behörden hatten, bekam ich in dieser Zeit kaum etwas mit - das blieb leider nicht so.

Meine Eltern versuchten zwar, mich so gut es geht zu schützen, aber irgendwann kam ich um die Besuche beim Anwalt und der Ausländerbehörde nicht mehr herum. Uns allen wurde mit der Abschiebung gedroht. Die Behördenbesuche liefen immer gleich ab: Im Warteraum Platz nehmen, unruhig mit dem Bein wippen, auf die Uhr schauen. Manchmal mussten meine Eltern mich beruhigen, manchmal ich sie. 

Die Erinnerungen daran, wie meine Mutter von der Sachbearbeiterin angeschrien wurde, weil sie einige Wörter nicht verstand, oder an die Tränen, die ihr währenddessen über das Gesicht liefen, lassen mich noch heute – 14 Jahre später - zittern. Schon der Gedanke daran, dass wir beim nächsten Besuch wieder bei ihr hätten landen können, löste bei uns allen Magenschmerzen aus. 

Aufgeben war trotzdem keine Option.

Meine Eltern wollten für meine Zukunft kämpfen, ich auch. Im Mai 2007 stand sie an: Die letzte Verhandlung über unser Bleiberecht. Ich redete mir ein, es sei ein ganz normaler Tag. Meine Eltern holten mich von der Schule ab, wir fuhren zum Gericht. "Sie werden dir ganz viele Fragen stellen", sagte unser Anwalt. Ich nickte – schließlich war ich großer Fan von Richterin Barbara Salesch und Richter Alexander Hold und dachte, ich wüsste, was mich erwartete. 

Die Fragen drehten sich eigentlich nur darum, mit wem ich in der Schule abhing, ob ich integriert war und was ich in meiner Freizeit machte. "Meine Freunde sind Mandy, Mareike, Nils und Robin. Meine Hobbys Tennis, Gitarre und Klavier. Außerdem singe ich gerne", antwortete ich. Die Antworten schienen anzukommen.

So ging es noch eine halbe Stunde weiter. 30 Minuten fühlten sich wie 30 Tage an, plötzlich war sie da: die Nervosität – mir wurde schlagartig bewusst, dass sich hier nicht nur meine Zukunft, sondern auch die Zukunft meiner Familie entscheiden würde. Was passiert, wenn man uns abschiebt? Könnte unsere Familie daran zerbrechen? Werde ich je wieder nach Deutschland reisen dürfen, meine Cousinen, Cousins und Freunde sehen?

(Bild: Selma Zoronjić/bento)

Das Gericht entschied: Wir durften bleiben. Wir bekamen eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung.

Trotzdem hielt ich erst zehn Jahre später meinen deutschen Pass in der Hand. Denn jahrelang wollte ich die deutsche Staatsbürgerschaft überhaupt nicht annehmen, zu groß war der Frust darüber, dass mich dieses Land wie ein schlechtes Organ abstoßen wollte. 

Erst 2014 beschloss ich, die Staatsbürgerschaft doch zu beantragen. Es dauerte drei Jahre, bis alle Anträge und die Ausbürgerung aus Bosnien bewilligt waren, und ich dieses Kapitel meiner Vergangenheit abschließen konnte – heute bin ich unfassbar dankbar dafür, dass meine Eltern damals nicht aufgaben. 

All das, was ich heute bin, verdanke ich zum großen Teil ihnen und der Tatsache, dass ich in Deutschland bleiben durfte. Dieses Land hat mir die Möglichkeit gegeben, die Schule zu besuchen und zu studieren. Es hat mir gezeigt, was Toleranz und Vielfalt bedeuten. Es hat mir meine Freundinnen und Freunde geschenkt.

Über "Willkommen in Hamburg", die Worte der Einbürgerungsbehörde, kann ich aber nur müde lächeln – dafür habe ich zu sehr leiden müssen. 

Stattdessen wünsche ich mir, dass keine Familie, vor allem kein Kind der Welt, das durchmachen muss, was meine Familie, ich und viele andere Familien durchmachen mussten. Diese Erlebnisse gehen nämlich an niemandem spurlos vorbei. 


Queer

"Aufstöbern und abstechen": Russische Hooligans drohen LGBT-Fans vor der WM

In zwei Wochen startet die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Homosexuelle und Angehörige von Minderheiten könnten sich dabei komplett sicher fühlen – das sagt nun der Anti-Diskriminierungsbeauftragte der Fußball-WM. Befürchtungen zu Rassismus und Homophobie bezeichnete er als "Propaganda". (BBC)

Doch die britischen Fans von "Pride in Football", einer Organisation, die sich für LGBT-Fans einsetzt, werden bereits jetzt von russischen Hooligans bedroht. (Express)

Die Vereinigung habe Mails von gewalttätigen Gruppierungen erhalten, in denen steht, man werde LGBT-Fans "aufstöbern und abstechen".