"Ein wenig Leben" von Hanya Yanagahira

Von einem Roman so richtig durchgeschüttelt zu werden, das kennt man doch eigentlich aus den Teenager-Jahren, wenn das Leben noch eine weite, offene Fläche der Möglichkeiten zu sein scheint. Doch Hanya Yanagihara hat mit "Ein wenig Leben" ein Buch geschrieben, das auch Leser, deren Strukturen gefestigter erscheinen, ganz gehörig aufwühlt.

Weil es von einem Menschen erzählt, dessen Leben von anderen Menschen fundamental zerstört wurde. Weil es aber auch erzählt, wie Freundschaft diesen Menschen am Leben erhält. Und weil diese Lebensgeschichte in einer überbordenden Form erzählt werden, die die Leserinnen und Leser, die sich auf sie einlassen, hineinzieht und festhält, bis zum Ende.

Dieses Überborden ist nichts, was einfach so passiert wäre, die Autorin hat es so beabsichtigt: "Ich wollte, dass etwas zu viel über Gewalt in dem Buch steht, aber ich wollte eine Übertreibung von allem, eine Übertreibung der Liebe, des Mitgefühls, des Mitleids, des Schreckens", so Hanya Yanagihara in einem Interview mit dem "Guardian": "Ich wollte, dass alles ein bisschen zu laut aufgedreht ist."

Hanya Yanagihara(Bild: Jenny Westerhoff)

Zum Anfang scheint es allerdings noch eine überschaubare Geschichte zu sein, die Geschichte eines Freundeskreises. Vier junge Männer, die sich kennenlernen, als sie ein Wohnheimzimmer in einem College an der US-Ostküste teilen - und die sich ihre Freundschaft bewahren, als sie alle in New York ankommen und im Beruf erfolgreich werden.

JB, der Sohn einer haitianischen Familie, wird als Künstler entdeckt. Malcolm, dessen afroamerikanischer Vater ein prominenter Jurist ist, lässt seine Hausmodelle als Architekt Wirklichkeit werden. Willem, der im Mittleren Westen ärmlich aufwuchs und seine aus Schweden stammende Familie inzwischen verloren hat, ist ein Schauspieler, der das Kellnern bald bleiben lassen kann und zum internationalen Filmstar wird. Und Jude? Ein äußerst erfolgreicher Anwalt - aber über dessen Vergangenheit wissen die Freunde fast nichts.

Den Lesern geht es zunächst genauso, doch in über das ganze Buch verteilten Rückblenden wird Judes Lebensgeschichte offenbart, die doch zumindest in seinen jungen Jahren vor allem eine Leidensgeschichte ist. So viel wird schon früh klar: Er wurde als Baby ausgesetzt, ist in einem Kloster aufgewachsen, wurde von einem Mönch mit trügerischen Hoffnungen gelockt und dann betrogen, landete in einem Heim, wurde von einem Auto angefahren. Die Erwachsenen, die für ihn da sein sollten, lassen ihn im Stich, missbrauchen ihn, zerstören seinen Körper und seinen Geist.

Ein wenig Leben

Eine der wenigen Frauen, die in diesem Buch eine Rolle spielen, die Sozialarbeiterin Ana, sagt dem 15-jährigen Jude, als er endlich diese höllische Kindheit verlassen hat: "Es wird besser werden." Ein Satz, der nachhallt in seinem Erwachsenenleben. Und der sich doch sehr viel seltener erfüllt als derjenige, den sein vertrauter Arzt Andy später über die körperlichen Schmerzen sagt: "Es wird nicht besser, Jude. Es wird schlimmer, je älter du wirst."

Dieses "es wird schlimmer" ist der Refrain von "Ein wenig Leben". Selbst in die Beschreibung der glücklichen Momente werden immer mal wieder kleine Vorausblicke gesetzt, die ahnen lassen, dass das Glück für Jude nicht von Dauer sein wird. Und dennoch lassen manche der Schreckensschläge den Atem beim Lesen stocken.

Wahrscheinlich wäre das Buch unerträglich für die Leser, wenn nicht die Freunde, die mit unglaublicher Nachsicht und mit großem Langmut Jude die Treue halten würden. Dass dabei die Gefühle der Männer füreinander geschildert werden, in größter und wortreicher Genauigkeit, in all ihren Abwägungen und Schattierungen - das war einer der Antriebe für die 1975 geborene Autorin, diesen Roman - ihren zweiten - so zu schreiben. Bei ihrer Arbeit in einem Zeitschriftenverlag habe sie im Umgang mit Männern erstaunt, "wie begrenzt die Sprache ist, die ihnen zur Verfügung steht". Sie habe also, sagt sie in einem "Welt"-Interview, "versucht, ein Buch über Gefühle zu schreiben, die meine vier Freunde zwar empfinden, aber nicht ausdrücken können."

Manchmal, wenn die Worte fehlen, ist es ein Bild, das die Gefühle ausdrücken kann. Das Coverfoto von "Ein wenig Leben" zum Beispiel ist selbst schon zu einer Art Ikone geworden, bei Instagram haben etliche Leser Bookface-Fotos mit dem Cover hochgeladen. Das Porträt eines jungen Mannes, dessen Ausdruck ununterscheidbar zwischen Schmerz und Ekstase changiert, wurde von seinem Schöpfer, dem Fotografen Peter Hujar, "Orgasmic Man, 1969" betitelt - eine Information, die beim Fotocredit im Buchumschlag wohlweislich fehlt.

1/12

Zum einen, weil eine so konkrete Jahresangabe nicht passen würde zu einem Buch, das zwar in einer Art nicht genauer festgelegten Gegenwart spielt, aber fast komplett auf Markendetails und historische Ereignisse verzichtet, mit denen so viele zeitgenössische Autoren ihre Romane ausschmücken.

Zum anderen aber ist eine Besonderheit von "Ein wenig Leben" auch, wie umstandslos die Männer in diesem New York Beziehungen mit Frauen oder mit Männern haben. Erklärungsbedürftig ist Homosexualität hier nur, wenn die Massenmedien ins Spiel kommen - aber auch hier reagieren die Freunde wieder mit Umsicht und Einfühlung.

Lass uns Freunde werden!

Nicht unbedingt deshalb aber hat der amerikanische Schriftsteller Garth Greenwell im "Atlantic" den Roman als "The Great Gay Novel" bezeichnet. Seine interessante These ist, dass die Übertreibungen und die "intensive, klaustrophobische Fokussierung auf das Innenleben der Charaktere" mit als queer codierten ästhetischen Mitteln spiele. Vielleicht also kein Zufall, dass auch eines der melodramatischen, queeren Pop-Alben von Anohni (damals noch als Antony & The Johnsons) ein Peter-Hujar-Foto auf dem Cover trug.

All solche Fragen sind jedoch Begleitmusik beim Lesen, wenn man hineinstürzt in diesen Abwärtssog, den Hanya Yanagihara so überaus clever konstruiert hat. Der so viele Leser so tief aufgewühlt und erschüttert hat. "Aber lesen wir denn nicht Fiktion, um erschüttert zu werden?", fragte die Autorin in einem Gastbeitrag für den "Guardian". Sollte die Antwort "ja" lauten, dann hat dieser Roman seine Mission erfüllt.

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Dieser Beitrag ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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