Bild: Holger Talinski
Wie Alkohol eine Familie zerstört

Dominiks Vater starb vor drei Jahren, an einem Montag im Januar, in seinem Schlafzimmer. Polizisten fanden ihn in seiner Wohnung in einer bayerischen Kleinstadt in seinem Bett. Die Beine der Leiche hingen seitlich heraus, als habe Dominiks Vater kurz vor seinem Tod noch mal aufstehen wollen.

Die Beamten wählten Dominiks Nummer, da stand er gerade am Herd und kochte. Mit fränkischem Akzent sagten sie: "Herr Schottner, es tut uns sehr leid, aber es ist das eingetreten, was wir alle befürchtet haben."

Dominik, 35, wohnt in Berlin. Er spricht ruhig, wenn er von diesen Momenten in seiner Vergangenheit berichtet. Schon oft genug, viele Monate und Jahre hat er über diese Geschichte, seine Familiengeschichte, nachgedacht. Und sich immer wieder dieselben Fragen gestellt:

"Wie konnte mein Vater uns so aus den Händen gleiten, wie konnte er so tief abrutschen in die Sucht?"
Dominik Schottner, 35 – und Kind seiner Eltern

In seinem Buch "Dunkelblau" versucht Dominik, eine Antwort darauf zu finden. Als Journalist, der darauf aufmerksam machen will, "dass Alkohol ein gesellschaftlich anerkanntes Schmiermittel ist, das wir zu wenig hinterfragen", sagt er.

Als Kind seiner Eltern, das in manchen Nächten auf der obersten Treppenstufe kauerte, während sich Mutter und Vater unten stritten.

Als Mensch, den es fertig machte, den Zerfall des eigenen Vaters aus dieser Nähe zu betrachten.

Dominik und sein Vater: "Wie konnte er uns so entgleiten?"(Bild: Dominik Schottner)

In dem Buch lässt Dominik den Leser ganz nah ran an sein Leben. Wie er als kleiner Junge zu einem Vater aufschaute, mit dem er Fußball spielte, der einen vermeintlich sicheren Job hatte in einer Lebensmittelfirma.

Wie er mit sieben Jahren noch nicht wusste, was Alkohol trinken bedeutete.

Wie er hörte, wie seine Eltern sich anschrieen. Und wie er schließlich mitansehen musste, wie sich die Eltern trennten. "An einem Tag war es so schlimm, dass meine Mutter sich in der Toilette einschloss. Mein Vater hatte ihr mit dem Tod gedroht."

Mehr über Dominik

Jahrgang 1981. Er studierte Politikwissenschaft, Journalistik und Sportwissenschaft in Leipzig und München. Er volontierte bei der taz und schrieb unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Süddeutsche Zeitung. Seit 2009 ist er Redakteur und Moderator beim Deutschlandradio in Köln und Berlin.

Kurz nach der Trennung zog der Vater aus, lernte eine neue Frau kennen. Dominik wandte sich von seinem Vater ab, blieb bei der Mutter, auch sie zogen aus dem Haus aus. Viele Jahre hatten Vater und Sohn kaum Kontakt.

Zunächst sah es so als, als würde der Vater neu starten, in eine glückliche Beziehung. Mit der neuen Frau bekam er eine Tochter. Doch dann verlor er plötzlich seinen Job, und als die Tochter in die Schule kam, verbrachte er arbeitslos viel Zeit alleine zu Hause.

Er trank wieder – manchmal hatte er sich im Griff, manchmal aber auch nicht. Über Verwandte bekam Dominik mit, wie sein Vater sich aufrappelte, gute Tage hatte. Und dann wieder scheiterte, an der Einsamkeit und an dem ständigen Durst.

Dominik, sein Vater: Wie oft fragen wir uns, ob mit jemandem aus der Familie etwas nicht stimmt, ohne es anzusprechen?(Bild: Dominik Schottner)

Erst als Dominiks eigener Sohn zur Welt kam, er sich in Berlin eine neue kleine Familie aufgebaut hatte, sprachen sich die beiden wieder öfter. Sie telefonierten, manchmal fünfmal am Tag, der Vater stolz in der neuen Rolle des Opas, sagt Dominik.

Doch dann dieser Abend, an dem er ihm lallend auf den Anrufbeantworter sprach. Dominik, zu dem Zeitpunkt 30, wusste sofort: "Der ist wieder voll."

Er kam an wie der wandelnde Tod
Dominik über seinen Vater

Die Sucht hatte sich eingenistet in den Zellen seines Vaters. Da spürte Dominik, wie sehr er diesen Mann liebt – noch immer, und gerade jetzt.

Einmal trafen sich die beiden noch in einem Fußballstadion in Nürnberg, "die Kindheit noch mal aufleben lassen", sagt Dominik. "Doch er kam an wie der wandelnde Tod. Er hatte eine Mega-Fahne."

Schneller, länger, kreativer: Drei junge Menschen erzählen, warum sie bei der Arbeit Drogen genommen haben.
Die Altenpflegerin: "Ich wollte meinen Job gut machen"
"Als Altenpflegerin stand ich ständig unter Zeitdruck. In der Frühschicht musste ich in zweieinhalb Stunden zwölf Bewohner versorgen. Waschen, anziehen, an den Frühstückstisch setzen – ...
... wenn ich auf Drogen war, schaffte ich das schneller. So blieb mir mehr Zeit, mich um die Heimbewohner zu kümmern, etwas liebevoller mit ihnen umzugehen, auch mal mit ihnen zu reden."
Der Barkeeper: "Drogen sind in unserer Branche normal"
"Wenn man jeden Tag weit über zwölf Stunden arbeitet und danach noch was von seiner Freizeit haben will, dann muss man eben mit Aufputschmitteln nachhelfen."
"Lange musste ich jeden Tag um 10 Uhr morgens anfangen, wollte aber nicht aufs Feiern verzichten. Deshalb kokste ich jeden Tag. Inzwischen ist es weniger geworden, nur ein oder zwei Mal pro Woche."
Die Kinderpflegerin: "Auf Crystal wurde ich unglaublich kreativ"
"Anfangs konsumierte ich nur am Wochenende und in den Ferien. Was ich in der Zeit erschuf, integrierte ich in meine Arbeit. Meine Kollegen, die Kinder, alle waren begeistert."
"Mit nur einem Job hätte ich die Schulden nicht abbezahlen können. Also arbeitete ich nebenbei im familienentlastenden Dienst, leitete eine Jugendgruppe und war Busbegleiterin. Ohne die Droge hätte ich das gar nicht geschafft."
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Kurz bevor er starb, schlug Dominik ihm noch Therapien vor, "ich kann dich hinfahren", sagte er. Nichts half mehr.
Das Buch-Cover(Bild: Piper)

Nach seinem Tod löste Dominik den Haushalt auf, räumte zusammen, sortierte – die Wohnung, die Beziehungen zu seinen Eltern und Großeltern, sich selbst. Hatte er mit den anderen genug darüber gesprochen? Darüber, was da gerade mit seinem Vater passierte?

"Dunkelblau" ist kein Plädoyer gegen das Trinken, sagt Dominik, vielmehr sei es die Aufforderung, sich die Menschen in unserer Gesellschaft genauer anzusehen. "Es gehört viel Mut dazu, Leuten zu sagen, dass man sich um sie sorgt."

Seine Familie, seine Verwandten, die Großeltern und Tanten, die Eltern – es könnten auch unsere sein.

Wie oft fragen wir uns, ob mit jemandem aus der Familie etwas nicht stimmt, ohne es anzusprechen? Wie oft sehen wir jemanden nur an Ostern und Weihnachten, wie selten fragen wir uns, wie es den Menschen geht, die uns so nahe stehen?

Dunkelblau – Wie ich meinen Vater an den Alkohol verlor

Das Buch von Dominik Schottner, 256 Seiten, erscheint am 20. März. Du kannst es hier kaufen (wenn du auf den Link klickst, und das Produkt in dem Online-Shop tatsächlich kaufst, bekommen wir in manchen Fällen eine kleine Provision).

Dominik sagt, er habe sich Vorwürfe gemacht: Hätte er nicht früher darauf kommen müssen, dass Alkohol für seinen Vater kein Genuss- sondern ein Kummermittel ist? Hätte er mehr sprechen müssen mit ihm?

"Er war für sein Leben selbst verantwortlich", sagt Dominik heute. Das zu begreifen, sei ein innerlicher Kampf gewesen. Und auch, sich mit einem Menschen verbunden zu fühlen, der sich selbst so viel Schaden zufügt.

Ich trinke kaum
Dominik

"Ich bin sensibel geworden, was Alkohol angeht", sagt Dominik. "Ich trinke kaum, gestatte mir oft nicht mal ein Bier." Zu groß die Angst, ihm könne das Gleiche passieren wie seinem Vater. Und sowieso: all die Erinnerungen, die dann wieder hochkämen.

Zum Beispiel an diesen Geruch. "Mein Vater roch besonders", sagt Dominik. "Ich weiß noch, wie ich mich als Kind immer fragte: Was ist das? Er roch nach Kaugummi, nach einem Herrenduft, nach Tabak – und nach etwas, dessen Geruch ich erst als Erwachsener entschlüsseln konnte: Alkohol."


Gerechtigkeit

Endlich: Die EU hat ein schärferes Waffengesetz beschlossen
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