Bild: dpa/Rolf Vennenbernd
Von Nackt-Shootings und Stalkern.

Drogerie-Angestellte sind oft Helferinnen und Helfer in Not. Keine Ahnung, wo die Blasenpflaster liegen? Sie wissen es. Diskret einen Schwangerschaftstest besorgen? Sie machen mit. Meistens.

Doch weil Drogerien eben häufig die letzte Ausfahrt vor der Apotheke sind, die Retter für Wehwehchen, passiert dort auch Merkwürdiges. Denn zwischen Shampooflaschen und Zahnbürsten befriedigen Menschen hier eben auch: dringende, private Bedürfnisse. Sie kaufen Verhütungsmittel, drucken persönliche Fotos aus, bestimmen die Dicke ihres Toilettenpapiers.

Wir haben eine Drogistin und einen Drogisten gefragt, was sie in ihrem Berufsalltag erleben. Welche Menschen treffen sie – und können sie helfen? Die beiden arbeiten bei einer Kette in Niedersachsen und möchten für diesen Text unerkannt bleiben. 

1.

Das Nackt-Shooting.

"Wenn Bilder ausgedruckt werden, müssen die Kunden ihren Namen angeben, damit wir die Bilder später zuordnen können. Sie werden gedruckt und kommen dann hinter der Theke bei uns raus. Ein Kunde druckte Bilder von nackten und halbnackten Frauen aus. Sein Name: Poppen. Ich dachte nur: Was ist das denn für ein schmieriger Kerl?

Als ich ihm die Bilder übergab, merkte ich an seinem Blick, dass er eine Reaktion meinerseits erwartete – die bekam er aber nicht. Vielleicht tue ich ihm unrecht und er heißt wirklich so, aber wie unwahrscheinlich wäre das? 

Die Situation war einfach unangenehm

Doch es ist nichts Außergewöhnliches, wenn Kunden solche Bilder drucken. Eigentlich finde ich es auch nicht schlimm. Beim Abholen versuchen einige, sich zu erklären. Mich interessiert das aber gar nicht – und solange nichts Gesetzwidriges drauf ist, hat es das auch nicht."

2.

Der Stalker.

"Ich hatte mal einen Stalker, der ständig im Laden auftauchte, durch die Gänge lief und mich beobachtete. Während wir den Laden abschlossen, stand er draußen vor der Filiale und beobachtete mich weiter. Das war richtig gruselig. Manchmal tauchte er, wenn ich in der Stadt unterwegs war, mitten auf der Straße auf und sprach mich an. Anfangs nahm ich ihn nicht so sehr wahr, da wir viele Stammkunden haben, die täglich bei uns einkaufen. 

Doch er kam immer häufiger zu mir und wollte beraten werden – irgendwann versuchte er, ein privates Gespräch aufzubauen, was ich dann aber abblockte. Erst, als er bei Ladenschluss vor der Filiale stand und immer öfter auch an anderen Orten auftauchte, an denen ich auch war, bekam ich Panik.

Ich fing an, mich auf dem Heimweg umzudrehen, weil ich ein schlechtes Gefühl hatte

Einmal fing er mich auf dem Weg zur Arbeit vor der Filiale ab und fragte, ob ich wieder bis zum Schluss arbeiten müsse. Ich war so erschrocken und wütend, dass ich ihm endlich und unmissverständlich erklärte, dass es ihn nichts angehen würde. Seit diesem Tag sah ich ihn nicht mehr wieder."

3.

Die merkwürdigste Frage von Welt.

"Wenn wir im Laden unterwegs sind, tragen wir Arbeitskleidung – einen weißen Kittel, der uns erkennbar macht für Kunden. Doch als würden sie diesen Kittel nicht sehen können, kommt regelmäßig jemand auf uns zu und fragt, ob wir denn hier arbeiten würden. 

Ich denke dann: Ähm, nein, ich laufe einfach gern in gestohlener Arbeitskleidung durch den Laden und räume aus Spaß Regale ein! 

Klar, Kunden brauchen oft einen Eisbrecher, um uns andere Fragen zu stellen, aber warum ausgerechnet diesen? Es wäre doch schön, wenn ich auf der Arbeit direkt als die erkannt werde, die ich dort auch bin."

4.

Die Muttersprachler unter sich.

"Ich hatte mal eine Kundin im Laden, die kein einziges Produkt kaufte – aber sehr viele testete. Sie öffnete Packungen. Als ich sie darauf ansprach und sagte, dass es so nicht gehe, drehte sie sich zu ihrer Begleitung und regte sich in einer anderen Sprache über mich auf. Was sie nicht wusste: Diese Sprache ist meine Muttersprache. 

Sie sagte: 'Jetzt steht die extra neben uns und beobachtet, ob wir was öffnen. Hat sie nichts Besseres zu tun?'. Ich drehte mich zu ihr und erklärte, dass ich so einiges zu tun hätte und ihr das gerne alles aufzählen kann. Ihr Kopf wurde innerhalb einer Sekunde knallrot. Das war zwar alles nicht so wild, und ich fand es auch lustig. 

So harmlos ist es aber nicht immer

Dass einige Kunden uns schlecht behandeln, ist normal. Uns wird beispielsweise die Schuld gegeben, wenn ein Produkt nicht sein Versprechen hält oder unsere Filiale nicht DIE eine Sorte verkauft. Wir lassen uns nicht alles gefallen, aber vieles. Bei einer Kundenbeschwerde sind wir diejenigen, die den Ärger vom Chef abkriegen – das hat man immer im Hinterkopf."

5.

Die Entscheidungshilfe.

"Einmal kam eine Kundin zu mir und bat mich beim Regal für Bodylotions um Hilfe. Ich fragte sie, was sie genau suchen würde und als sie sich nicht sicher war, welches der Produkte sie kaufen soll, holte sie ein Pendel aus ihrer Handtasche und bewegte das Ding über die einzelnen Produkte, bis es ihrer Meinung nach in die richtige Richtung und in der richtigen Geschwindigkeit schwang. 

Ich war währenddessen leicht verdutzt und musste mir das Lachen verkneifen. Ich wusste tatsächlich nicht, ob das ihr Ernst war."

6.

Die Zerreißprobe.

"Ein Kunde brachte mir sein gebrauchtes Klopapier – in einer Tupperdose. Das Toilettenpapier hatte er zuvor bei uns gekauft und war unzufrieden, weil es beim Benutzen riss. Er hatte in der Dose eine Probe dabei. Die schaute ich mir nicht an, stattdessen schenkte ich ihm eine Packung neues Toilettenpapier.

Ich war sehr angeekelt. Wenn Kunden mir ihre benutzten Zahnbürstenköpfe oder Rasierklingen in die Hand drücken, ist das eine andere Sache. Aber Toilettenpapier?"

7.

Die Verhütungssprechstunde. 

"Ein Kunde kam zu meiner Kollegin und wollte alles über Kondome wissen. Welche Größe für ihn die richtige ist, wie er die richtige Größe findet und wie man ein Kondom überstreift. Die Kollegin hatte Spaß.

Etwas Abwechslung ist immer willkommen, vor allem, wenn die Kunden nett sind. Wenn man den Tag über mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun hat, ist man dankbar für jeden, der uns nicht wie Dreck behandelt, sondern ehrlich etwas wissen will. Und dann helfen wir gern."


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