Der Film "Drei von Sinnen" zeigt eine extreme Reise, die wirklich so passiert ist

Freiwillig auf seine wichtigsten Sinne zu verzichten, das klingt erst einmal nach Unsinn. Was soll das bringen?

David und Bart, beide 30, und Jakob, 28, haben genau das ausprobiert: Wie die drei Emoji-Affen, die sich Ohren, Mund und Augen zuhalten, machten sich die Freunde per Anhalter, Zug und zu Fuß auf den Weg. Vom Bodensee an die französische Atlantikküste.

Die Regel dieses extremen Experiments: Einer darf nicht sprechen, einer darf nichts hören, einer darf nichts sehen. Jakob verzichtete zunächst aufs Hören, trug Kopfhörer, aus denen ein Dauerrauschen kam. Bart sah nichts, trug lichtundurchlässige Augenpflaster. David sprach nicht. Nach je einer Woche tauschten die Jungs.

Freunde haben die drei auf ihrer Reise begleitet – und gefilmt. In dem Dokumentarfilm "Drei von Sinnen", der daraus entstand, lässt sich jetzt beobachten, wie Bart, Jakob und David lernen, sich blind zu vertrauen.

Bilder aus der Doku – zum Klicken:
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Die Männer hatten alles, nur keinen Strandurlaub: Sie lernten echten Hunger kennen, Dauerregen, hatten ständig nasse Klamotten, waren müde vom Laufen. Und dann der Stress, auf wichtige Sinne verzichten zu müssen.

Während der Reise hätte es viele schöne Momente gegeben, sagen die Freunde. Gleichzeitig war sie ein hartes Psycho-Experiment. "Es hätte kaum extremer sein können", sagt Bart. "Jeder von uns wurde mit seinen persönlichen Schwächen konfrontiert."

Der Trailer zum Film:

Der, der nichts sah, durfte immer nur mit dem sprechen, der nichts hörte. Wer hören und sehen konnte, durfte nichts sagen. Auch nicht, wenn er mal sauer war.

Die Folge: Missverständnisse und Ärger. "Mit dem Pflastern auf den Augen fehlt dir jegliche Orientierung", sagt David. "Einmal bin ich nachts aufgewacht. Stille und Dunkelheit haben in mir plötzlich eine solche Panik ausgelöst, dass ich dachte, ich muss mir die Pflaster abreißen. Erst als ich wirklich wach war und merkte, dass die anderen da sind, ging es wieder."

Einkaufen ohne zu sprechen, sich durch die Gehörlosigkeit einsam fühlen unter Freunden – durch Erfahrungen wie diese sei den Männern bewusst geworden, mit welchen Schwierigkeiten Menschen mit Behinderung im Alltag umgehen müssen. Doch die Freunde wollten nicht in der Öffentlichkeit so tun, als ob sie wirklich blind und gehörlos wären.

"Das wäre anmaßend", sagt David. "Es ging uns allein um die Selbsterfahrung."

Das hat nicht jeder verstanden. Im Film sei eine Frau auf Jakob zugekommen, mit Kopfschütteln. "Davor habe ich keinen Respekt", habe sie gesagt. "Fragen Sie mal Behinderte, wie sie es empfinden würden, was Sie da machen."

Das tun wir. Janine, 33, ist seit ihrem 14. Lebensjahr gehörlos. Vermutlich aufgrund von Nebenwirkungen von Antibiotika, die ihr mit zehn Jahren verabreicht wurden.
Janine, 33
Janine hat sich den Film angesehen und uns erzählt, wie er bei ihr angekommen ist.

"Die Drei machen sich nicht über Behinderte lustig, sondern führen mit viel Respekt und sehr konsequent ein Wahrnehmungsexperiment durch.

Als Hörbehinderte muss ich anderen oft die Welt der Gehörlosen erklären. Nur so können sie mein kommunikatives Verhalten verstehen. Warum ich manchmal nicht reagiere, warum man mich anschauen muss, wenn man mit mir spricht, warum ich manchmal zu laut spreche, warum ich gelegentlich abschalte und aufgebe, Konversationen zu folgen.

Meistens sind die Menschen neugierig und interessiert, haben aber wenig oder kein Vorwissen. Kläre ich nicht auf, wirkt mein Verhalten unangepasst und komisch.

Für mich ist Empathie der Schlüssel, um Menschen mit einer Behinderung angemessen zu helfen. Ich arbeite schon viele Jahre in der Gehörlosen- und Schwerhörigenbildung. Dort gehört die Empathieförderung zum Alltag. Spielerisch, wie im Film, können etwa hörende Mitschüler von Schwerhörigen andere Behinderungen erleben.

Dass sich Jakob, Bart und David für eine dreiwöchige Reise dieser Art entschieden haben, finde ich nicht provozierend, sondern großartig. Dass sie durch den Film auch andere Leute an ihren Erfahrungen und Gefühlen bei ihren Grenzerfahrungen teilnehmen lassen, hilft Menschen mit einer Sinnesbehinderung und deren Umfeld.

Janine reist selbst auch gerne

Ich habe mich beim Sehen des Filmes oft verstanden gefühlt. Bei der Gehörlosigkeit kenne ich die Müdigkeit, die mit dem Kommunizieren verbunden ist. Oft musste ich lachen, weil David als Hörbehinderter pausenlos quasselt. Eine unbewusste Strategie von Schwerhörigen. Auch ich neige in lauten Restaurants dazu, viel zu quasseln, weil das Zuhören zu anstrengend ist.

Sehr berührt hat mich die Szene, in der David erzählt, dass er die Hörbehinderung als sehr isolierend empfindet und sich auch in Gesellschaft der anderen einsam fühlt.

Forschungen über Gehörlose und Schwerhörige weisen auf Isolation hin und zeigen, dass Menschen mit einer Hörbehinderung oft Mühe haben, feste Freunde zu finden. Ich war beeindruckt und auch betroffen, dass diese Wahrnehmung bereits nach nur einer Woche so klar zu spüren war. Ich fühlte mich sehr verstanden und wurde gleichzeitig auch traurig.

Ich bin zwar eine kommunikative Person, habe einen tollen Freundeskreis und knüpfe schnell Kontakte, kenne aber das Gefühl der Einsamkeit, auch in Gesellschaft, sehr gut. Irgendwie war es ernüchternd, durch den Film noch einmal so klar zu erkennen, dass dieses Gefühl tatsächlich mit meinen rauschenden Kopfhörern zu tun hat, die ich im Gegensatz zu den dreien nicht abnehmen kann."


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