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Was macht es mit einer kulturellen Szene, wenn alle sie kopieren?

Wer heute in eine WG kommt, stolpert mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Flur über schwarze, geschnürte Stiefel von Dr. Martens. Oder hängt seine Jacke an eine Garderobe, an der eine Bomberjacke baumelt. Seit einigen Jahren sind die Schnürstiefel und Jacken das, was man als "Trend" bezeichnen würde - also modisch massentauglich geworden. Aber bevor die Kleidungsstücke ihre Karriere antraten, wurden sie fast ausschließlich von bestimmten Gruppen getragen. Und zwar nicht, um modisch zu sein – sondern als Teil ihrer Identität. 

Was macht es mit der Identität dieser Menschen, wenn plötzlich alle ihre Erkennungsmerkmale tragen? 

Auch wenn man es vermuten könnte: Das Nirvana-Shirt bei Zara oder H&M oder die Dr. Martens in fast jedem Schuhladen sind kein plötzlicher Anflug von Nostalgie. Es sind Kopien einer Subkultur, in diesem Fall von Skinheads und englischen Mods. Auch die zerissene Jeans, Karohemden und lange Haare waren in den Achtziger- und Neunzigerjahren nicht nur die Erkennungszeichen der Fans von Nirvana oder Pearl Jam sondern auch derer, die sich dem Lebensstil dieser Bands und dem Grunge nahe fühlten. In den vergangenen Jahren sah man den Stil plötzlich wieder auf Social Media, bei Prominenten wie Cara Delevigne oder Miley Cyrus. Fans und Bekleidungshersteller adaptierten es geschäftstüchtig. 

Was sind Subkulturen?

Viele Surfer, Skater oder Hippies teilen in ihrer Gruppe einen eigenen Stil, eine Körpersprache oder einen bestimmten Slang. Sie grenzen sich häufig auch in ihren Werten und Symbolen von anderen Gruppen ab. Subkulturen können, müssen aber nicht unbedingt eine politische Agenda haben.

(Quelle: Universität Linz)

 

Das ist erst einmal nichts Neues: Die Straße dient häufig als Inspirationsquelle für die Designerinnen und Designer.

"Subkulturelle Welten üben immer eine Faszination auf die Menschen aus", erklärt Antonella Giannone, 48. Sie ist Professorin für Modetheorie und -geschichte und Bekleidungssoziologie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. "Deswegen hat man angefangen, sie zu imitieren und ihren Stil einer breiten Masse zur Verfügung zu stellen." 

Das gefällt besonders denen nicht, die sich stark mit ihrer Subkultur identifizieren: Als immer mehr Prominente wie Justin Bieber oder Rihanna die Shirts des Skatermagazins "Thrasher" trugen und es so bekannter machten, schaltete sich der ehemalige Chefredakteur Jake Phelps, 56, ein. Er fand, dass Menschen, die die T-Shirts des Labels tragen, ohne selbst zu skaten, sich und ihr Umfeld belügen (Hypebeast).

Nic, 21, ist Teil der "Schwarzen Szene", besser bekannt als Gothic, die 1980 aus der Punk- und New-Wave-Bewegung entstand. Er kritisiert im Gespräch mit bento, dass dunkle Kleidung, Netzstrumpfhosen, Plateauboots und schwarze Lederhosen auf Instagram als "Edgy Style" verkauft würden, aber für ihn einen Teil seiner Identität ausmachten. 

Dafür ist aber nicht nur die Modeindustrie verantwortlich, sondern auch die Gesellschaft und die Menschen, die sowas für ihre Selbstinszenierung nutzen.
Nic zu bento

Die Expertin nennt das eine "Zeichenentleerung". Bestimme Dinge, wie etwa die Plateuboots, haben im Kontext einer Subkultur eine bestimmte Aussage, zeigen eine Zugehörigkeit. Jemand nimmt dieses Zeichen und entwickelt daraus etwas Neues – etwa einen Modetrend. Und entleert auf diese Art die ursprüngliche Bedeutung. "Dieses Phänomen ist schwer zu beeinflussen", sagt Antonella Giannone. 

Besonders seit "Fifty Shades of Grey" erleben das auch Menschen, die sich dem BDSM zugehörig fühlen. Auch wenn Lack, Latex oder enge Halsbänder nicht immer für einen Fetisch stehen müssen, gelten sie in der Szene als Dresscode. Instagram-Stars wie Kim Kardashian schauten sich das ab – und setzten damit einen Trend. 

So gingen für die BDSM-Szene wichtige Erkennungsmerkmale verloren, schreibt Friederike, die die Seite "Junge BDSMler" auf Facebook betreut. Sie findet das gefährlich: "Im BDSM Bereich ist das schnelle Erkennen von Gleichgesinnten wichtig und wertvoll."

Gerade junge Menschen, die noch auf der Suche nach ihrer Sexualität sind, können sich durch den Kleidungsstil in ihrer Gruppe gefahrlos outen.

Sobald aber immer mehr Menschen sich in ihrer Kleiderwahl vom BDSM-Stil inspirieren ließen, würde es schwerer werden, die "Echten" von den anderen zu unterscheiden.

Aber nicht nur auf diese Art vermischen sich heute die Stile von Subkulturen mit denen der Masse. 

Antonella Giannone nennt das Phänomen "Part-Time-Subkultur": Eine Subkultur und die damit verbundene Identität seien heute immer nur an eine bestimmte Zeit und Ort gebunden. "Wir sind durch die Art, wie wir leben, gezwungen, mehrere Identitäten zu haben", erklärt die Expertin. 

Das bedeutet: Wir gehen morgens im Büroutfit zur Arbeit und abends im Gruftilook zu einer Szeneveranstaltung. Früher bedeutete Punk oder Goth zu sein, sich insgesamt der Kultur zu verschreiben. Man zog die Plateauboots und den Ledermantel an wie eine zweite Haut. Die man erst ablegte, wenn sich die eigene Identität veränderte – aber nicht nur, weil Feierabend war. 

Heute hingegen ist das anders. "Der Austausch oder die Vermischung der Stile ist in der globalen Gesellschaft aufgrund unserer vielen Identitäten kaum zu verhindern, es gibt kein Copyright auf Kultur", sagt Giannone. So kann ein Erkennungszeichen von Rockern und Motorradgangs, wie das Harley-Davidson-Shirt, schnell zum Trendaccessoire der Modeblogger werden.

Friederike von den jungen BDSMLern kann der Entwicklung auch etwas Gutes abgewinnen: "Es hilft, mit Vorurteilen aufzuräumen. Für uns ist das besonders wünschenswert, denn noch immer halten uns einige für krank und pervers."

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Gerechtigkeit

Dein Song gegen Erdogan: Wie 20 Rapper mit nur einem Lied gerade die Türkei aufwühlen
Wir haben die einzige Frau im Team gefragt, was sie erreichen wollen.

Deniz Tekin kann sich eine Türkei ohne Recep Tayyip Erdogan kaum vorstellen. Er war Ministerpräsident, als Deniz in die Grundschule ging. Er wurde zum zweiten Mal Präsident, als sie in Istanbul ihr Studium begann. Heute ist Deniz 22, Sängerin und Teil eines Musikvideos, das gerade die Türkei aufrüttelt: Gemeinsam mit 19 Rappern hat sie den Protestsong "Susamam" verfasst. "Susamam" bedeutet auf Türkisch "Ich kann nicht schweigen". Und genau das tun die Beteiligten auch nicht.

In "Susamam" rappen oder singen sie – mal wütend, mal verzweifelt – über das, was ihrer Meinung nach in der Türkei schief läuft.