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Steigert der Verzicht auf Glückshormone wirklich das Wohlbefinden?

Michael, 24, sitzt am Fenster, vor ihm ein paar Kerzen, draußen der Hinterhof seiner Hamburger Wohnung, ein paar Bäume, Herbstlaub. "Ich könnte noch drei Stunden den Vögeln zugucken", sagt er, "meine Gedanken sind langsamer geworden."

Die Szene stammt aus einem YouTube-Video, in dem der Fitnesscoach und Ernährungsberater das ausprobiert, was im Silicon-Valley als "Dopamin-Fasten" zum Trend geworden ist. Dabei entzieht man sich für eine bestimmte Zeit etlichen Reizen des Alltags – vom Smartphone über Musik bis hin zu Augenkontakt mit anderen Menschen und sogar Nahrung.

Und so ziehen sich aktuell Startup-CEOs und Tech-Nerds regelmäßig für einzelne Tage aus ihrem Alltag zurück, um die neueste Form von Digital Detox zu praktizieren. (New York Times)

Normalerweise postet Michael auf seinem YouTube-Kanal Ernährungstipps und Fitnessübungen. 

(Bild: privat)

Die Bezeichnung "Dopamin-Fasten" gründet dabei auf der Annahme, der Botenstoff Dopamin im Gehirn werde im modernen Alltag zu viel produziert. 

Dopamin dient im Körper unter anderem als Belohnungsmechanismus – wird also immer dann ausgeschüttet, wenn einem etwas gefällt. Die Theorie der Fastenden ist, dass sich der Körper durch die ständigen Reize, denen wir ausgesetzt sind, an ein hohes Level Dopamin gewöhnt und somit quasi abstumpft. Der Reizentzug soll deshalb bewirken, dass man hinterher wieder sensibler auf die täglichen Erlebnisse reagiert, die kleinen Dinge mehr zu schätzen weiß und die eigenen Gedanken stärker wahrnimmt.

Das war auch Michaels Antrieb für den Selbstversuch. "Ich habe bei mir bemerkt, dass es mir schwerfiel, mich nur auf eine Sache zu konzentrieren, anstatt zwölf Dinge gleichzeitig zu tun oder ständig das Handy zu checken", erzählt Michael im Gespräch mit bento.

Fahrradfahren ohne Musik zu hören, habe sich langweilig angefühlt, genau wie zu Hause etwas zu essen, ohne dabei Videos zu schauen oder zumindest das Radio anzumachen. "Diese Tendenz, dass ich immer noch mehr brauche, führte irgendwann zu einer Art depressiver Stimmung", sagt er. Schöne Erlebnisse lösten bei ihm gefühlt immer weniger Reaktionen aus. 

„Irgendwann ist alles irgendwie egal und wird zu einer grauen Masse.“
Michael

Doch kann man wirklich einen Dopamin-Reset erwirken? 

"Wenn man sagt, eine vollständige Reduktion von Dopamin sei gesund, dann ist das sehr irreführend", sagt Roman Liepelt, der den Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie an der Fernuniversität in Hagen leitet. Dopamin sei in vielerlei Hinsicht wichtig für den Körper. Es muss beispielsweise ausreichend vorhanden sein, damit wir uns normal bewegen können.

Dopamin sei aber nur einer von sehr vielen möglichen Faktoren, die einen Einfluss darauf haben, wie wir mit Reizüberflutung umgehen. Mindestens genauso wichtig seien zwei andere Aspekte: "Wir haben nur begrenzte kognitive Ressourcen, um Entscheidungen zu treffen. Bei den vielen technischen Möglichkeiten unseres Alltags, wie Smartphones oder soziale Netzwerke, wird man häufig in seiner gerade aktiven Aufgabe durch neue Reize unterbrochen." Hier ein neuer Like, dort eine eingehende Nachricht – das zehre extrem viele dieser begrenzten Ressourcen auf.

Zudem böten wir dem Gehirn zu wenige Gelegenheiten, das Erlebte zu verarbeiten: "Neben unserem Aufmerksamkeitsnetzwerk für die Verarbeitung von äußeren Reizen gibt es ein kognitives Netzwerk für die innere Welt, das sogenannte Default-Mode-Netzwerk. Es wird typischerweise aktiviert, wenn wir gar nichts tun. Dieses Netzwerk ist enorm wichtig. Man geht davon aus, dass man in diesem Zustand das am Tag Erlebte mit sich selbst in Beziehung setzt und so verarbeitet." 

Das Nichtstun beim "Dopamin-Fasten" könnte dieses Netzwerk also aktivieren. Daher sieht Roman durchaus positive Effekte im Rückzug von der Reizüberflutung. Nur müsse man dem Ganzen nicht unbedingt den Namen "Dopamin-Fasten" geben. 

Michaels Version des Abschaltens war: Einen Tag lang keine Videos schauen, keine Musik hören, kein Smartphone, möglichst keine sozialen Kontakte, gar nichts tun. Auf Essen wollte er nicht ganz verzichten, um bei dem Experiment nicht vom Hungergefühl abgelenkt zu werden, allerdings beschränkte er sich auf Reis.

"In den ersten Stunden verging die Zeit sehr langsam", sagt Michael. Im Laufe des Tages begann er jedoch, mehr an sich selbst wahrzunehmen: "Meine Gedanken wurden klarer und reihten sich aneinander, anstatt dass ich an 15 Dinge gleichzeitig dachte."

Ob das ein positives Gefühl war? "Eigentlich war an dem Tag wenig positiv – aber auch nichts negativ. Das war der Sinn der Sache", sagt Michael. 

Zu Beginn des Tages lag Michael eine Zeit lang auf dem Boden und achtete einfach nur auf seine Gedanken

(Bild: Screenshot YouTube )

Erst am folgenden Tag habe er die Effekte seines Versuchs gespürt: "Als ich in mein Lieblingscafé ging, waren mir die ganzen Menschen zunächst zu viel. Gleichzeitig freute ich mich irrsinnig über kleine Dinge – wie gut der Kaffee roch oder wie hübsch die Blätter auf dem Weg aussahen."

Michael vermutet, dass er das Experiment auch mehrere Tage hätte durchhalten können. Allerdings sei die größte Überwindung gewesen, überhaupt einen Tag lang alle Verpflichtungen beiseite zu schieben. Genau das sieht er als eines der Probleme: Dass wir ständig produktiv sein wollen, unsere Zeit sinnvoll nutzen möchten und zugleich ständig erreichbar und von Informationen überflutet sind.

Das sieht Psychologie-Professor Roman Liepelt ähnlich. Der ständige Stress sei auch ein Grund für den Trend zu Achtsamkeit und Meditation. "Die Menschen entwickeln unterschiedliche Strategien, um die Reize mal vorbeiziehen zu lassen und sich auf sich selbst zu fokussieren – damit das Ruhe-Netzwerk aktiv werden kann."

Der US-Amerikaner James Sinka, einer derjenigen, die den Begriff "Dopamin-Fasten" geprägt haben, empfiehlt, regelmäßig einen Ruhetag einzulegen. 

Auch Michael hat seit dem Versuch angefangen, das Nichtstun bewusst in seinem Terminkalender unterzubringen.

Wer das probieren möchte, sich aber nicht gleich einen ganzen Tag zurückziehen will, dem empfiehlt Michael: "Wann immer das Gefühl der Langeweile kommt, dieses Unwohlsein in der Supermarktschlange, wenn dir langweilig ist und du das Handy rausholen willst – halte es einfach aus. Bleib bei diesem Gefühl, anstatt es durch Ablenkung zu betäuben." 

Auf körperliche Bewegung solle man bei all dem jedoch nicht verzichten, sagt Psychologe Roman, selbst wenn dadurch Dopamin ausgeschüttet werde. "Am besten wäre es vermutlich, wenn man in stressreichen Phasen sowohl Sport macht, als auch eine reizarme Umgebung schafft."

So würde es schon helfen, das Smartphone mal einige Stunden lang nicht zu beachten, obwohl dort vielleicht neue Informationen warten. Doch auch das sei Arbeit für das Gehirn. "Es ist auch eine Entscheidung, etwas nicht zu tun – dafür braucht man wieder kognitive Ressourcen. Wenn die jedoch durch unseren Lebensstil weniger vorhanden sind, kann das schwierig sein und erfordert einiges an Selbstkontrolle."

Letztendlich müsse jeder Mensch eine für sich passende Strategie entwickeln, um ab und zu abzuschalten. Ob man dabei nun von "Dopamin-Fasten" spricht oder nicht.


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