Bild: Herbert Hepfer

"Du sprichst aber schon gut Deutsch." Diesen Satz müssen sich viele junge Menschen mit Migrationshintergrund immer wieder anhören. Und das, obwohl sie in Deutschland geboren sind und die Sprache perfekt beherrschen.

Deutschland gilt zwar mittlerweile als relativ liberales Einwandererland, jeder fünfte Deutsche hat ausländische Wurzeln. Doch deren Alltag sieht oft anders aus. Sie haben Probleme, einen Job zu finden, kommen nicht in Clubs rein oder werden wegen ihres Kopftuchs schräg angesehen.

Hier erzählen vier junge Menschen, wann sie sich im Alltag diskriminiert gefühlt haben.

#WerBinIch?

Im Lebenslauf, auf Partys, beim WG-Casting: Ständig müssen wir uns vorstellen, uns erklären. Doch wer sind wir eigentlich – und wie konnte das passieren?

Journalistik-Studierende der Universität Hamburg haben sich auf die Suche nach dem Phantom namens Ich gemacht. Die Ergebnisse erscheinen in den kommenden Wochen auf bento.

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Ajdina
(Bild: Petra Maier)
Diskriminierung kommt jeden Tag in meinem Alltag vor – mal mehr, mal weniger.

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ich spreche gut Deutsch – ich lese sogar Texte von meinen Freunden Korrektur. Und dennoch muss ich mir immer wieder dieselbe Frage anhören, wenn ich jemanden neu kennenlerne: 'Woher kommst du?' Wenn ich antworte, dass ich in Deutschland geboren bin, kommt die nächste Frage: 'Und deine Eltern?' Auf meine Antwort, dass meine Eltern aus Bosnien kommen, folgt dann oft nur: 'Also bist du keine Deutsche'.

Ab wann ist man denn bitte deutsch? Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft, einen deutschen Personalausweis - aber für Deutsche bin ich ganz offensichtlich nicht deutsch genug. Ich weiß nicht, ob es an meinem Aussehen oder an meinem türkischen Nachnamen liegt. Inzwischen habe ich mich zwar daran gewöhnt – trotzdem machen mich solche Bemerkungen traurig.

Klar, ich komme aus einer muslimischen Familie – aber ich wurde deshalb doch nicht zwangsverheiratet. Meine Mutter hat mich und meine drei älteren Brüder immer gleichbehandelt. Trotzdem musste ich mir in meiner Jugend diese typischen Fragen anhören: 'Darfst du nach 20 Uhr denn noch draußen sein? Darfst du Zuhause eine Meinung haben?'

Angefangen hat das schon während der Schulzeit: Die Lehrer sagten oft, dass ich mir keine Gedanken um meine berufliche Zukunft machen solle – weil ich ja sowieso früh heiraten und Kinder kriegen würde. Komischerweise hatten immer die deutschen Schüler die besseren Noten. Einmal haben zwei Freunde von mir den Lehrer auf die Probe gestellt: Sie haben ihre Aufsätze mit dem Namen des jeweils anderen abgegeben – am Ende hatte wieder der Aufsatz mit dem ausländischen Namen die schlechtere Note.
In der Slideshow: Kopftuch, Burka, Hijab: Diese sieben Geschichten haben uns berührt
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Als Teenager war ich mal mit meiner Freundin Franzi nachts im Schwimmbad. Eine Jugendsünde - das haben sicher viele in dem Alter gemacht. Dabei wurden wir von der Polizei erwischt. Ich habe eine Anzeige dafür bekommen, bei ihr ist nie ein Brief angekommen. Später wurde die Anzeige dann auch wieder fallengelassen.

Bevor ich beschlossen habe, zu studieren, habe ich mich für die Höhere Handelsschule beworben - genauso wie eine Freundin mit deutschem Nachnamen. Obwohl ich den besseren Notendurchschnitt und mehr Berufserfahrung hatte, wurde nur sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Früher habe ich mir das alles sehr zu Herzen genommen, aber irgendwann habe ich festgestellt, dass ich nichts ändern kann. Ich versuche einfach, den Leuten keine Angriffsfläche zu bieten und darüber zu stehen. Mittlerweile nicke ich das nur noch ab. Vor allem, weil du mit den meisten Leuten gar nicht darüber sprechen kannst. Der beste Satz ist immer noch, 'Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber…'. Oder wenn jemand anfängt, über Moslems zu reden, 'Die Moslems, die sind ja so und so'. Moment mal – ich bin Moslem, genauso wie meine ganze Familie. Wo ist denn daran das Problem?
Bedia
(Bild: Privat)
Nach meinem Jura-Studium wollte ich noch eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten machen. Ich hatte gelesen, dass man die Ausbildung auch in Teilzeit absolvieren kann. Das hörte sich für mich sehr gut an – schließlich habe ich zwei Kinder. Bei einem Info-Tag habe ich von einem freien Ausbildungsplatz in der Handwerkskammer erfahren. Ich habe explizit darauf hingewiesen, dass ich ein Kopftuch trage. Für mich als gläubige Türkin ist das ein wichtiger Teil meiner Religion. Bei dem Info-Tag hieß es, dass sei kein Problem und ich solle mich dort bewerben.

Gesagt, getan. Schließlich wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Frau, mit der ich das Gespräch führte, war zwar freundlich und nett, das Gespräch verlief aber sehr komisch: Es gab lediglich eine Frage zu meiner Bewerbung das restliche Gespräch drehte sich dann nur noch um meine Religion. Obwohl religiöse und ethische Ansichten eigentlich keine relevanten Themen in einem Vorstellungsgespräch sind.

Die Frau, mit der ich das Gespräch hatte, meinte, dass es für mich sehr schwierig werden würde – weil viele der Mitarbeiter politisch eher rechts-mittig orientiert sind. Lediglich zwei weitere Auszubildende hätten einen türkischen Migrationshintergrund – und die hätten aufgrund ihrer Herkunft Schwierigkeiten mit manchen Kollegen.

Merkwürdig war auch ihre Bemerkung, dass ich dem Arbeitgeber keinen Grund zum Meckern geben dürfe, wenn ich den Ausbildungsplatz bekomme. Im Großen und Ganzen ging es darum, dass ich für Schwierigkeiten sorgen könnte – weil ich ja ein Kopftuch trage.

Als ich nach dem Gespräch nach Hause ging, habe ich mich ziemlich schlecht gefühlt. Ich habe dann entschieden, meine Bewerbung zurückzuziehen. Ich wollte nicht jeden Tag mit Bauchschmerzen zur Arbeit gehen, weil ich wegen meines Auftretens und meiner Religion komisch angeschaut werde.

Huyen*
Meine Eltern kommen ursprünglich aus Vietnam. Um Geld zu verdienen, gingen sie ins Ausland. Erst nach Russland, dann nach Deutschland. Ich war zwei Jahre alt, als wir hierhergekommen sind.

Dreizehn Jahre lang wohnten wir im Asylheim. Ich bin ganz normal in die Schule gegangen. Nach der sechsten Klasse habe ich das Empfehlungsschreiben für die Sekundarschule bekommen. Darin stand, dass ich die Realschule weiterhin besuchen solle – und das, obwohl ich bessere Noten hatte.

Meine Lehrerin meinte, sie hätte mir eine Empfehlung für die Realschule und nicht für das Gymnasium gegeben, weil man ja nicht wissen würde, wie lange ich in Deutschland bleiben darf. Und um die Zeit nicht mit Lernen zu verschwenden, wäre es doch besser, wenn ich die Realschule besuchen würde.

Ich habe diese Empfehlung damals nicht als diskriminierend empfunden, weil ich ein ziemlich gutes Verhältnis zu meiner Lehrerin hatte. Es war wirklich nur nett von ihr gemeint – und ich habe es einfach so entgegengenommen. Ich habe mir damals nicht so viel dabei gedacht.

Als ich in die achte Klasse kam, wurden wir abgeschoben. Die folgenden zwei Jahre lebten wir in Vietnam. Für mich war das eine schwere Zeit. Weil meine Eltern immer mit mir Deutsch zuhause gesprochen haben, konnte ich die Sprache nicht. Ich hatte keine Zukunft in Vietnam: Ich durfte nicht zur Schule gehen und alles, was ich je gelernt hatte, war auf Deutsch. Deutschland ist meine Heimat.

Heute habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft. Ich habe meinen Realschulabschluss nachgeholt und danach sogar das Abitur geschafft. Heute studiere ich Wirtschaftsrecht. Ich habe gelernt, dass man für seine Träume kämpfen muss. Alleine wäre das alles aber nur schwer möglich gewesen: Es gab unheimlich viele Menschen, die mich auf meinem Weg unterstützt haben – wie etwa meine Gastmutter. Gemeinsam haben wir eine Möglichkeit gefunden, wie ich länger in Deutschland bleiben konnte.

*Name von der Redaktion geändert

Sevgi
(Bild: Herbert Hepfer)
Ich bin in Deutschland geboren, habe aber wie meine Eltern die türkische Staatsbürgerschaft. Ich fühle mich sehr gut integriert. Es ist sogar eher so, dass mich die Türken dumm anschauen, weil ich tätowiert bin, kein Kopftuch trage und einen deutschen Freund habe. Bisher wurde ich hier nie schlechter behandelt oder diskriminiert – bis ich mit meinem Freund Markus zusammenziehen wollte.

Nach mehr als einem Jahr haben wir im Internet endlich eine Wohnung entdeckt, die uns gefiel und in unser Budget passte. Der Vater von Markus sollte sie für uns anmieten und ließ sich die Wohnung von einem Makler zeigen. Wir selbst waren bei der Besichtigung nicht dabei. Alles war perfekt, wir sollten nur noch ein paar Unterlagen einreichen und den Mietvertrag unterschreiben. Es war auch okay, dass das alles über den Vater meines Freundes lief – mein Freund studiert ja noch und ich mache eine Ausbildung.

Alles schön und gut – bis der Makler meinen Freund anrief, nachdem er all unsere Unterlagen erhalten hatte. Erst hakte er noch einmal nach, was sein Vater beruflich macht und stellte noch zwei drei weitere Fragen in diese Richtung. Dann meinte er, dass er jetzt noch eine sehr unangenehme Frage stellen müsse: Der Vermieter würde gerne wissen, welche Staatsangehörigkeit ich habe. Markus erzählte ihm, dass ich Türkin bin. Der Makler wollte sich eigentlich gleich am nächsten Tag wieder melden, tatsächlich hörten wir aber eine Woche lang erst einmal gar nichts von ihm. Markus versuchte natürlich, ihn telefonisch zu erreichen – Fehlanzeige. Irgendwann kam dann eine SMS von ihm mit den Worten: 'Es tut mir leid, die Wohnung wird doch nicht vermietet, sondern verkauft'. Ich vermute, dass der Grund ein anderer war.

Ich hätte nicht gedacht, dass wir die Wohnung doch nicht kriegen. Schließlich war alles unter Dach und Fach. Ich war enttäuscht, da wir die Zusage eigentlich schon hatten. Andererseits hätte es vermutlich sowieso Stress gegeben, wenn der Vermieter im Nachhinein herausgefunden hätte, dass in seiner Wohnung eine Türkin wohnt. Mein Freund war sehr wütend darüber – immerhin hatten wir schon lange nach einer Wohnung gesucht.


Gerechtigkeit

Unbekannte mauern Moschee in Mecklenburg-Vorpommern zu

In Parchim in Mecklenburg-Vorpommern haben Unbekannte den Eingang einer Moschee zugemauert. Zwischen die Mauersteine hängten sie nach Polizeiangaben Flugblätter mit rassistischen Sprüchen (NDR). Unter anderem ist darauf zu lesen: "Ihr nennt euch 'Gläubige' – Wir euch Invasoren!" Ein anderer Spruch ist ein älteres Zitat des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.