Bild: RTL
Warum eine alte Szene aus dem "Supertalent" gerade wieder für Diskussion sorgt.

Die kleine Melissa spaziert auf die Bühne und stellt sich der Jury vor. "Du siehst aber hübsch aus", sagt Dieter Bohlen. Das Mädchen bedankt sich. Jetzt möchte Bohlen wissen, woher Melissa denn kommt. Aus Herne, antwortet sie. 

Die Antwort scheint ihm aber nicht zu reichen. "Mama und Papa, wo kommt ihr her, Philippinen oder?", lautet die nächste Frage. Auch die Eltern kommen aus Herne, antwortet Melissa. Eigentlich müsste es das jetzt gewesen sein, denkt sich die Zuschauerin oder der Zuschauer vor dem Fernseher vielleicht – aber es geht noch weiter.

Dieter Bohlen kann nicht glauben, dass ein Mädchen, das für ihn nicht deutsch aussieht, einfach nur aus Herne kommt.

Er fragt also ungelenk weiter: "Kommt ihr irgendwie, wo kommt ihr her, aus welchem Land, gebürtig?"

Bohlen klingt bei seiner nächsten Nachfrage fast schon vor Aufregung stotternd. "Ich weiß es nicht", antwortet Melissa etwas verunsichert und das Publikum kriegt sich vor Lachen nicht mehr ein. 

Die beschriebene Szene stammt aus einer Folge der RTL-Castingshow "Das Supertalent", die bereits im November vergangenen Jahres ausgestrahlt wurde. Malcolm Ohanwe, Journalist und Volontär beim Bayerischen Rundfunk, hat am Montag ein Video geteilt, das die besagte Szene zeigt, und damit eine Diskussion darüber ausgelöst, wie weit man mit der Fragerei tatsächlich gehen sollte:

Malcolm kritisierte Bohlens Verhalten. Durch die Fragen werde man schon als Kind "fremdgemacht", schreibt er in einem weiteren Tweet. Wir haben mit Malcolm Ohanwe gesprochen und gefragt, warum das so ist:

Malcolm, was stört dich an der Szene aus "Das Supertalent"?

Das Mädchen sagt zweimal, dass es aus Herne kommt und Dieter Bohlen kann diese Antwort einfach nicht akzeptieren. Er bringt sie in eine Situation, in der sie überfordert ist, weil sie nicht weiß, was er jetzt von ihr will. 

Alternativ hätte Bohlen – wenn er hätte wissen wollen, was es mit der Tracht auf sich hatte oder woher der Tanz, den sie aufgeführt hat, stammt – die Frage auch als solche formulieren können. 

„Aber wenn er fragt, woher sie kommt und sie eine klare Antwort gibt, dann muss man die Neugierde auch mal unterordnen und weitermachen.“

Sind solche Fragen nach der Herkunft grundsätzlich fehl am Platz?

Das Problem liegt nicht darin, zu fragen, wo jemand herkommt. Es ist ganz normal, dass man das wissen möchte, das ist einfach Smalltalk. Ich persönlich finde es interessant und schön, wenn Menschen wissen möchten, woher die Eltern oder Großeltern kommen. Aber man muss nicht nach fünf Minuten Kontakt die Lebensgeschichte der Großeltern des Gegenübers erfragen. Das sind teilweise sehr private, sehr persönliche familiäre Situationen, die nicht angebracht sind für einen kurzen Smalltalk. 

Wer mit Nachbohren aber suggeriert, dass eine Andere oder ein Anderer fremd ist, kann dazu beitragen, dass dieser sich im Laufe seines Lebens irgendwann nicht mehr der Region zugehörig fühlt, mit der er sich eigentlich identifizieren möchte. 

(Bild: Malcolm Ohanwe)

Begegnest du ähnlichen Situationen auch? Wie gehst du damit um?

Ich habe natürlich ähnliche Situationen erlebt. Meine Antwort war dann meistens "München", aber der- oder diejenige war nicht zufrieden damit. Dann wurde mir gesagt: "Du siehst doch nicht aus wie ein Münchner."

Ich könnte den Menschen dann sagen, ich komme aus Saudi-Arabien, aus Mexiko, aus Brasilien oder sonst aus irgendeinem Land, das meine Hautfarbe erklärt und die sind dann meist auch schon zufrieden. Genau das ist das Problem. 

„Sie wollen in ihren Köpfen einfach dieses "Der kann doch nicht deutsch sein"-Gefühl befriedigen.“

Sobald sie ein für sie passendes Land geliefert bekommen, hören die Nachfragen auf – es besteht also eigentlich oft kein aufrichtiges Interesse an mir. 

Die eigentliche Fragen müsste deshalb lauten: Warum siehst du so aus wie du aussiehst? Warum bist du nicht weiß? Das ist das, worauf viele beim Stellen dieser Fragen abzielt. Aber diese Fragen würde man so niemandem stellen. Warum sollte es dann in Ordnung sein, diese Frage als ein drittes "Woher kommst du" getarnt zu stellen?

Und was heißt das jetzt? Die eine Antwort gibt es auf Fragen nach der Herkunft nicht – aber diesen einen Hinweis schon: Sei ehrlich an deinem Gegenüber interessiert und bleib sensibel.


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