Bild: Fabio Smitka für fudder.de
Kira und Leon wollen faire, realitätsnahe Pornos produzieren.

Mainstreampornos zeigen oft nicht nur ein herabwürdigendes Frauenbild, sondern bauen auch bei vielen Menschen Druck auf: Sei es durch die Körper, die fast immer den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, durch das sexuelle "Durchhaltevermögen" oder durch die vermeintlich immer abrufbare Lust und Leidenschaft der Darsteller*innen.

Kira und Leon kamen vor drei Jahren auf die Idee, alternative, feministische Pornos zu produzieren. Die alternative Pornoszene bildet ein Gegenstück zu sexistischen Filmen und gewinnt immer mehr Aufmerksamkeit. Neben dem Studium gründeten sie das Startup feuer.zeug, das inzwischen aus etwa 15 Personen besteht. Gemeinsam wollen sie pornografische Filme drehen, die näher an reale Sexualität herankommen, Themen wie Verhütung oder Masturbation aufgreifen und fair produziert werden. Für knapp fünf Euro kann man die etwa 20-minütigen Filme auf ihrer Website streamen. Mit dem Gewinn werden neue Projekte finanziert und die Darsteller*innen erhalten eine Aufwandsentschädigung. 

Eine Szene aus dem feuer.zeug-Film "Seeseiten"

(Bild: feuer.zeug)

bento: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, mit eurem Startup ausgerechnet alternative Pornografie zu produzieren?

Leon: Pornografie ist eins der meist genutzten Medien, aber auch eins der am wenigsten kontrollierten und unübersichtlichsten. In einer wissenschaftlichen Arbeit habe ich mich mit dem Frauenbild in der Internetpornografie beschäftigt und bin so auf alternative Pornografie gestoßen.

Kira: Ich habe nach meinem Bachelor an einer Schule gearbeitet und kam dort in Kontakt mit Sexualpädagog*innen. Die haben mir erzählt, wie stark Pornografie bei Schüler*innen verbreitet ist. Zeitgleich bin ich über einen Zeitungsartikel auf alternative Pornografie gestoßen und habe mich ein bisschen in das Thema eingelesen. Alternativer Porno besteht natürlich aus viel mehr Sparten als nur der feministischen – zum Beispiel Queerporn, Post- oder Artporn und es gibt einen ganz großen Amateurbereich.

„Feministische Pornografie muss nicht aus Kuschelsex bestehen.“
Leon

bento: Was ist denn eigentlich feministische Pornografie?

Kira: Das Feld der feministischen Pornografie ist sehr weit, deshalb kann ich da nur für uns sprechen. Auf der Produktionsebene bedeutet es, dass wir Frauen in Schlüsselrollen wollen - zum Beispiel als Kamerafrau oder Produzentin. Außerdem ist uns wichtig, dass alles fair abläuft. Die Darsteller*innen geben bei uns das Videomaterial erst frei, nachdem sie es gesehen haben. Wir haben einen Awareness-Kontakt, an den sie sich wenden können, wenn sie sich nicht wohl fühlen. Uns ist wichtig, dass sich alle vorher kennen. 

Auf der Darstellungsebene wollen wir Vielfalt sichtbar machen: sexuelle Vielfalt in Form von sexueller Orientierung und Geschlechterrollen, wir wollen vielfältige Körperbilder zeigen, keine herabwürdigenden Handlungen und Safer Sex gehören für uns auch dazu. Außerdem muss Feminismus für uns auch antirassistisch sein, also lehnen wir rassistisches Labeling klar ab. Menschen dürfen nicht als exotisch oder ähnliches bezeichnet werden.

Leon: In der feministischen Pornografie gibt es oft fantasievolle Elemente. Uns ist wichtig, dass das Setting und die Geschichten unserer Filme realitätsnah sind, damit es Identifikationspunkte gibt. Außerdem ist uns Konsens sehr wichtig. Feministische Pornografie muss nicht aus Kuschelsex bestehen. Es ist aber wichtig, dass das, was passiert, von allen Teilnehmenden so gewollt ist.

bento: Was genau tut ihr, um diese Werte auch wirklich umzusetzen?

Kira: Es bedarf immer viel Kommunikation, insbesondere bei dem Thema Sexualität. Deshalb werden bei uns vor dem Dreh viele Fragen geklärt: Wie nah darf die Kamera ran? Darf eine Kamerafrau vielleicht näherkommen als ein Kameramann? Oder umgekehrt? Außerdem ist dann am Set der Awareness-Kontakt ausschließlich für das Wohlbefinden der Leute da und hat auch immer die Möglichkeit, Situationen abzubrechen. Wir machen keine Vorgaben für die Sexszenen, damit die Darsteller*innen so weniger in die Verlegenheit kommen, Dinge zu machen, die für sie unangenehm sein könnten.

bento: Wie castet ihr eure Darsteller?

Leon: Wir haben bei beiden Filmen einen Performercall über Instagram gemacht und zusätzlich über unseren Newsletter versendet. Der Aufruf ist ohne Bild, es geht uns überhaupt nicht um das Aussehen. Wir treffen uns dann mit den Leuten und legen Wert darauf, dass jemand eine persönliche Motivation hat, bei dem Film mitzumachen. Natürlich ist uns auch die Sympathie untereinander wichtig, man arbeitet ja schließlich zusammen. Nach dem Treffen ist uns eine Bedenkzeit für potenzielle Darsteller*innen wichtig. Der Film wird ja veröffentlicht, da sollte man hundertprozentig dahinterstehen.

„Gleichzeitig wollen wir, dass die Pornolandschaft genauso vielfältig ist wie die Realität.“
Kira

bento: Erregen euch eure eigenen Filme?

Leon: Durch die Vielzahl der Filme, die wir auch auf Festivals sehen, geht man da eher mit einem analytischen Blick dran. Ich finde, es ist eher eine Art der Professionalisierung, die ganze Zeit konzentriert beim Dreh zu sein. Im Nachhinein schaut man die eigenen Filme dann anders. Da ist es dann doch spannender, andere Projekte zu sehen.

bento: Hättet ihr gerne mehr Pornos zu Verfügung, in dem Stil wie ihr sie produziert?

Kira: Ja und nein. Einerseits natürlich ja, weil wir uns mehr Pornos wünschen, in denen klar ist, wie die Menschen zueinanderstehen. Pornos mit Menschen, mit denen wir uns mehr identifizieren können, weil die gezeigten Rollenbilder uns nicht abschrecken, weil Safer Sex gezeigt wird. Gleichzeitig wollen wir natürlich, dass die Pornolandschaft genauso vielfältig ist wie die Realität. Deshalb kann man sich ja gar nicht wünschen, dass es nur noch eine Art von Filmen gibt, sondern es ist auch wichtig, dass verschiedene Menschen in Pornos repräsentiert werden.

bento: Ihr stellt eure Filme auch bei Abendveranstaltungen vor. Im Anschluss dürfen die Zuschauer*innen Fragen stellen. Was für Gespräche entstehen da?

Leon: Zu dem Konzept des feministischen Pornos gehört für uns auch, dass das Bild des Mannes anders als im Mainstreamporno dargestellt wird – also nicht als triebbesessener, immer könnender Marathonläufer. Es kam mal nach einer Veranstaltung jemand auf mich zu und hat sich für dieses alternative Bild bedankt. Er meinte, die Filme, die er bisher auf Mainstreamseiten gesehen habe, hätten bei ihm sehr viel Druck ausgelöst.

Kira: Ich habe mich nach einer Veranstaltung mal mit einer Frau unterhalten, die meinte, sie habe sich noch nie gefragt, warum wir in Filmen Sachen sexy oder heiß finden, die sehr weit von unserer gelebten Realität weg sind. Vielleicht gehen manche Leute auch mit mehr Fragen als Antworten nach Hause. Für uns ist dieser Anstoß eines Reflexionsprozesses sehr wichtig und wir wollen dafür Räume schaffen.


Gerechtigkeit

Immer wieder der Osten: Warum gibt es ausgerechnet hier so viel Corona-Wut?
In Greiz steigen die Infiziertenzahlen, in Gera demonstrieren sie ohne Schutz – Gedanken über meine Heimat.

Die erste Verschwörungstheorie auf meiner Pinnwand kam von einem Bekannten aus meiner Heimatstadt Gera. Auf Facebook teilte André die Info, dass der "Impfzwang" beschlossene Sache sei, angeblich aus "offizieller Quelle". Diese "offizielle Quelle" war das mittlerweile berüchtige Video von dem Verschwörungsideologen Ken Jebsen. Darin behauptet der ehemalige Radiomoderator, die Coronakrise sei nichts weiter als eine von "Eliten angezettelte Masche", um die ganze Welt mit "Zwangsimpfungen" zu überziehen. Drahtzieher sei vor allem der US-Milliardär Bill Gates. (bento)

Diese Erzählung kann man als lächerlich abtun, man kann sie anhand von Fakten widerlegen. Eines aber kann man seit gut einer Woche nicht mehr: ihr entkommen. In ganz Deutschland gehen Impfgegner, Esoteriker und Rechte auf die Straße, oft mit dem Grundgesetz in der Hand, um ihre Rechte gegen eine angebliche "Corona-Diktatur" zu verteidigen.