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Dieser Text ist Teil unserer Reihe "Über Gewicht"

Mit 12 fing es an. Ich lief die Treppe rauf und runter, immer wieder. Ich hatte mich gerade mit meiner besten Freundin auf eine Waage gestellt und befunden, dass ich zu dick bin.

Ich hatte eine normale Figur, aber das sah ich nicht. Schon in diesem Alter war ich beeinflusst von Körpern aus Magazinen und dem Fernsehen, die meinem 12-jährigem Körper in nichts ähnlich waren. Mehr Taille, mehr Brust und kein Gramm Fett am Bauch.

Das wollte ich auch.

Mit 18 hörte ich das erste Mal auf zu essen. Nach 16 Uhr trank ich nur noch Wasser. Ich wollte in ein paar Wochen mit Freunden nach Spanien – aber nur mit der richtigen Figur.

Ich war nicht zu dick, aber das sah ich nicht. Einmal mehr fand ich meinen Körper im Vergleich nicht schön genug.

Mit 21 Jahren stand ich in einem Bus. Plötzlich wurde mir kotzübel. Ich wollte schön aussehen in meinem Kleid auf der Party am Abend zuvor. Deshalb aß ich eine Woche lang nur Suppe. Nach 3 Gläsern Sekt wurde mir schlecht, ich musste nach Hause. Im Bus flimmerte es vor meinen Augen, meine Knie sackten zusammen.

Diese Suppen-Diät war saugefährlich, aber das sah ich nicht.

 

Über Gewicht

Eigentlich könnte das Gewicht eine simple Maßeinheit sein. Aber schon von frühester Kindheit an lernen viele, dass das "richtige" Gewicht über den sozialen Status entscheidet. 

Warum sich unsere Gesellschaft so sehr über diese Maßeinheit definiert, was das mit uns macht und was sich Menschen anhören müssen, die nicht mitten im Normalmaß aufgehoben sind – darüber reden wir unter dem Schlagwort "über Gewicht".

Ich bin 1,63 Meter groß und habe in den vergangenen Jahren, im Schnitt, 56 Kilo gewogen. Mal drei Kilo mehr, mal drei Kilo weniger. Klar, eine Model-Figur hatte ich nie.

Ich habe immer Sport gemacht, aber ich liebe auch Süßigkeiten. Übergewichtig war ich nie.

Aber das war egal: Wann immer ich mich mit meinem Körper gerade weniger wohlfühlte, eine Diät gemacht. Punkte zählen bei Weight Watchers, eine Crash-Diät mit Alma-Sed-Eiweißshake-Kuren, Low-Carb, und intermedierendes Fasten – ich habe alles durch, was die Magazin-Landschaft so vorschlägt.

Heute bin ich 30 Jahre alt, bin immer noch nicht übergewichtig (wenn man nach dem BMI geht), aber habe für mein Empfinden ein paar Kilos zu viel, wahrscheinlich von meiner Schwangerschaft vor drei Jahren.

Mein Körper entschied sich danach, ein paar Kilos rund um den Bauch zu speichern. Und dennoch habe ich entschlossen: Ich werde nie wieder in meinem Leben eine Diät machen.

Ich möchte meiner Tochter nicht beibringen, dass man für mehrere Tage auf feste Nahrung verzichten muss, um schön zu sein.

Ich möchte ihr nicht beibringen, dass es eben im Leben dazugehört, ständig mit sich zu hadern. Ich möchte ihr ein gesundes Verhältnis zu Sport und Ernährung vermitteln. Und somit letztendlich ein positives Körpergefühl. Es geht dabei nicht darum, möglichst schlank zu sein.

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Sondern darum, nachzuspüren, was der Körper braucht. Sich weder Nudeln zu verbieten, noch nur Pasta zu essen. Ich möchte, dass wir uns beide gesund ernähren, beide dasselbe essen und sie nicht irgendwann fragt, warum Mama nur Suppe schlürft und ich antworten muss: "Weil ich schnell viel abnehmen will."

Letztens stand meine Tochter vor dem Spiegel und sagte: "Ich bin wunderschön".

Ich hoffe so sehr, dass sie das auch noch mit 12 Jahren zu sich selbst sagt. Und nicht wie ich dann schon anfängt an sich zu zweifeln. Damit das klappt, muss ich selbst aufhören, mit mir zu hadern.

Und ich muss aufhören über Essen zu reden, als sei es dafür da, nicht verzehrt zu werden.

Laut dem Bundesfamilienministerium fühlen sich von den 14- bis 17-jährigen Jugendlichen 25 % der Mädchen zu dick und 7 % zu dünn.
Einige entwickeln deshalb eine Essstörung und nehmen Abführmittel oder andere Diät-Pillen, die schlank machen sollen, aber gefährlich sind.
Sogar untergewichtige Mädchen und Jungen empfinden sich subjektiv als zu dick (WHO Gesundheitssurvey)
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Ich bin nicht frei von Schönheitsidealen. Ich möchte zwar eine gesunde Figur haben, aber ich möchte nicht, dass dieser Gedanke mein Leben und mein Handeln bestimmt. Um meinem Ziel näher zu kommen, habe ich mir eine Fitnesstrainerin gesucht. Das mag jetzt erst mal bizarr klingen, oder nach Doppelmoral.

 

Ist es aber nicht. Denn ich möchte den richtigen Umgang mit Essen und Sport wieder lernen. Ich will mich intuitiv ernähren und nicht nach Plan. Meine Tochter soll lernen, dass es Zeiten für Torte und Franzbrötchen gibt und Zeiten für Rohkost mit Quark und Schwarzbrot. Und das beides gleich gut ist.

Denn in der Familie wird der Grundstein für gesunde Ernährung gelehrt, so Matthias Riedl. "Ihre Tochter lernt von Ihnen und wird geprägt. Das ist der Job der Mutter bei Primaten. Ganz klassisch, weil sie Stillen.“

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Dennoch sei das nicht einfach. Süßes und fettiges Essen ist überall günstig zu bekommen, die Versuchung groß: „Die Umgebung ist ernährungsmäßig nicht artgerecht“, so Riedl.

Wie soll das funktionieren? Wie lerne ich, mich wieder intuitiv zu ernähren, um meiner Tochter ein gutes Vorbild zu sein? "Es fängt an mit bewusstem Essen, dem Schmecken der echten Aromen“, so Matthias Riedl. Dafür müssten die Kunstprodukte der Industrie enttarnt werden. "Das ist ein langer Prozess. So arbeiten wir auch mit unseren Patienten.“

Wenn ich meine Tochter allerdings so sehe, die Lollis liebt und Nudeln und grüne Bohnen und Brokkoli, und Turnen und rennen und hampeln, und rumliegen und lesen, dann denke ich: Sie hat das Konzept schon lange begriffen.


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Sie postete ein Foto von sich, auf dem sie ein Schild hochhält. "Bewaffnet mich mit Büchern", steht darauf, "denn Sechsjährige müssen lernen zu lesen, und nicht in der Schule Angst zu haben."