Bild: bento

"Das letzte Mal, dass ich richtig glücklich war?" Tina denkt nach und schweigt eine Weile. "Das ist so lange her. Ich weiß es gar nicht mehr genau." 

Es ist Sommer 2017, wir sitzen auf dem Balkon ihrer Hamburger Wohnung und schauen über die Dächer von St. Pauli. Tina hat entschieden, sich den Magen operieren zu lassen. Und ich, ich versuche zu verstehen, was in ihr vorgeht. Denn ihr Gewicht war immer ein Tabuthema für mich. Bis jetzt.

Tina und ich kennen uns seit fast 20 Jahren. Als ich in der achten Klasse neu in die Stadt und auf die Schule kam, war es Tina, die mir einen Stuhl holte und ihn neben ihren stellte. Damit hatte ich meinen Platz in der Klasse – und eine neue beste Freundin. Wir durchlebten gemeinsam die wohl merkwürdigsten Phasen der Pubertät, teilten eine Begeisterung für nerdige Filme und Bücher und hörten Musik, die uns heute ein bisschen peinlich ist.

Dass Tina übergewichtig war, spielte für mich bei all dem nie eine Rolle. Für sie schon. Denn wenige Jahre bevor wir uns kennenlernten, fing für sie die Mobbing-Hölle an.

​"Besonders erinnere ich mich an den Namen Walross."
Tina

Irgendwann in der 5. oder 6. Klasse kam jemand auf den Namen Walross. Tina hörte ihn im Vorbeigehen geflüstert oder auf dem Schulhof gebrüllt: "Ey, fettes Walross, geh mir aus dem Weg", hieß es. 

Damals war Tina zwar übergewichtig, aber noch nicht fettleibig. Sie war in einem Schwimmteam, fuhr gerne mit ihren Inlineskates und bewegte sich auch ansonsten viel. Kurz: Sie war gesund. Doch einige Jungs in der Klasse entschieden, dass Tina anders zu sein hatte.

Über Gewicht

Eigentlich könnte das Gewicht eine simple Maßeinheit sein. Aber schon von frühester Kindheit an lernen viele, dass das "richtige" Gewicht über den sozialen Status entscheidet. 

Warum sich unsere Gesellschaft so sehr über diese Maßeinheit definiert, was das mit uns macht und was sich Menschen anhören müssen, die nicht mitten im Normalmaß aufgehoben sind – darüber reden wir unter dem Schlagwort "über Gewicht".

"Es war nicht so, dass mir bewusst wurde, dass ich dick bin – es wurde mir bewusst gemacht", erzählt sie. Von da an ging es mit dem Gewicht nur noch bergauf, obwohl sie immer versuchte, abzunehmen:

"Ich habe alles probiert: Von 'Friss die Hälfte' bis zur Kohldiät und Slimfast. Teilweise habe ich mich tagelang nur von Diät-Tabletten ernährt, die sich im Magen ausdehnen und das Hungergefühl stoppen sollen. Heute weiß ich, wie gefährlich so etwas ist."

Doch der Druck von außen fühlte sich schlimmer an als die Qualen, denen sie sich selbst unterzog.

Es kommen sofort die Blicke, die sagen: "Wieso isst die Fette jetzt ein Eis?!"
Tina

Inzwischen weiß Tina, dass sie damals die Essstörung entwickelt hat, die sie bis heute quält: Binge-Eating. "Das ist quasi Bulimie ohne Kotzen", sagt sie. 

Fressattacken, meist nicht von Hunger ausgelöst, sondern aus einem emotionalen Bedürfnis heraus: Angst, Ärger, Trauer, Einsamkeit – es gibt viele Gründe. Bei Tina entwickelte sich im Laufe der Jahre eine Depression, die sich mit der Essstörung gegenseitig verstärkte: Ich esse, also bin ich schuldig, also bin ich traurig und wütend, also esse ich. Ein teuflischer Kreislauf zwischen Körper und Psyche.

Essstörungen: Hilfe für Betroffene

Essstörungen können jeden treffen. Nicht immer sind die Anzeichen eindeutig. Hausärzte und Psychotherapeuten bieten professionelle und vertrauliche Hilfe an. Auch Spezialambulanzen oder Beratungsstellen können helfen.

Unter der Rufnummer 0221/89 20 31 bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine anonyme Beratung an. Weitere Informationen und Hilfsangebote finden sich unter www.bzga-essstoerungen.de.

Tina im Juli 2017

Wenn die Attacke kommt, dann isst der Betroffene in einer einzigen Sitzung Tausende Kalorien. Bei den meisten Menschen geschieht dies heimlich. Denn mit dem Übergewicht kommen auch häufig die Schuldgefühle

"Ich habe über die Jahre gelernt, dass die Außenwelt eine gewisse Ernährungsweise von jemandem erwartet, der nicht den 'normalen' Maßen entspricht", sagt Tina, "Wenn man sich nicht daran hält, kommen sofort die Blicke, die sagen: 'Wieso isst die Fette jetzt ein Eis?!' Damit wirst du sofort konfrontiert. Auch wenn niemand etwas sagt, aber irgendwer guckt immer. Dafür bin ich sehr schnell sensibilisiert worden."

Es gibt viele Situationen, die Tina am liebsten vergessen würde, so wie diese:
"​Mir kam eine Gruppe Männer entgegen, von denen einer im Vorbeigehen sagte 'Ey Fettie, du siehst scheiße aus' und mir ins Gesicht spuckte."
"Ein anderes Mal kamen zwei Typen auf mich zu und einer sagte sinngemäß 'Na du dicke Tussie, willst du mir einen blasen? Du kriegst ja sonst keinen ab'."
"Oder ein Tag im Sommer. Ich hatte mich auf ein Eis mit meinem Freund gefreut. Er lief gerade auf Krücken, weil er verletzt war, also trug ich beide Eistüten aus dem Café...
...in dem Moment ging eine Frau an mir vorbei, guckte an mir hoch und runter und sagte: 'Mehr ging nicht oder?!' Mein Eis habe ich dann weggeworfen."
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Was soll ich in dem Moment auch sagen? Soll ich meine Lebensgeschichte erzählen, warum ich übergewichtig bin?
Tina

So etwas passiert ihr mindestens zwei Mal pro Monat. Seit mehr als zehn Jahren.

Während Tina erzählt und erzählt, weiß ich kaum noch, was ich sagen soll. Ich hatte keine Ahnung, wie sich ihr Leben anfühlt. Es gibt mehrere Momente, in denen wir beide Tränen in den Augen haben. 

Mir fällt auf: Selbst mir gegenüber rechtfertigt Tina in ihren Erzählungen ganz automatisch jede Essensentscheidung, sagt etwas wie "Ich hatte an dem Morgen Sport gemacht und wollte mir etwas gönnen" – obwohl sie weiß, dass ich sie nicht verurteile. Aber sie kennt es von den meisten Menschen nur so.

Ich frage sie, wie sie in den beschriebenen Momenten reagiert hat – oder ob das überhaupt ging. Sie sagt:

"Das nagt schon an einem. Aber man zuckt oft mit den Schultern und lässt es über sich ergehen. Was soll ich auch sagen? 

"So viele Menschen sind – ohne einen zu kennen – der Meinung, über einen urteilen zu dürfen. Nur ein minimaler Bruchteil dieser Menschen ist sich darüber bewusst, was sie mit ihren Kommentaren anrichten und dass sie jemanden damit noch weiter ins Übergewicht schubsen." Irgendwann, sagt Tina, habe man irgendwann keine Kraft mehr zu sagen 'Ich will nicht in diese Schublade'. Irgendwann kam bei ihr der Punkt, an dem sie nachgab, an dem sie sagte 'Ok, dann bin ich halt fett.'

Das war zu Beginn des Studiums. Tina wurde alles zu viel: Frust durch den Jo-Jo-Effekt der Diäten, Frust durch die Heimlichtuerei, Frust durch den Teufelskreis aus Heißhunger und emotionaler Selbstkastei. Tina gab auf. Sie versuchte, ihr Gewicht einfach zu ignorieren.

Doch die Probleme verschwanden damit leider nicht. An dem Tag im Sommer 2017, als wir über ihre bevorstehende OP sprechen, hat Tina das höchste Gewicht ihres Lebens: 130 Kilo zeigt die Waage an. Das macht ihr nicht nur gesellschaftlich Probleme, sondern zeigt sich auch gesundheitlich: Asthma, entzündete Gelenke, Herzprobleme – die Liste der Sorgen in den vergangenen Jahren ist lang. 

Ihr wurde klar: Wenn ich gesund leben will, brauche ich Hilfe. Sie ging in das Adipositas-Programm einer Hamburger Klinik, begann dort eine Verhaltenstherapie und eine Ernährungsberatung

Im Gespräch mit mir benutzt Tina immer wieder das Wort "Ernährungstherapie" und berichtigt sich jedes Mal: "Ernahrungsberatung meine ich". Aber das Programm für einen besseren Umgang mit Lebensmitteln und Hungergefühlen war therapeutisch für Tina. Eine Art Paartherapie zwischen ihr und dem Essen, das so vom Feind zum Verbündeten im Kampf gegen das Gewicht wurde.

Nach einem Jahr im Programm besteht für Teilnehmer die Option auf eine OP, wenn die anderen Maßnahmen nicht genügend anschlagen und die Krankenkasse beim Patienten durch Eingriff die größte Chance auf ein gesundes Leben sieht. 

Bei Tina trifft all das zu. Ihr wird ein Magen-Bypass empfohlen. Sie entscheidet sich dafür.

So funktioniert ein Magen-Bypass

Es gibt verschiedene Varianten von Magen-OPs zur Behandlung von extremem Übergewicht. Alle dienen dazu, dass der Magen nicht mehr so viel Nahrung fassen kann. 

Bevor die Krankenkasse diese Eingriffe allerdings genehmigt, müssen die Patienten ein mindestens einjähriges Programm aus Bewegung und Ernährungsberatung durchlaufen. In vielen Fällen gehört außerdem eine psychologische Behandlung dazu.

Bei einer Magenverkleinerung wird ein Teil des Organs entfernt, bei einem Magenband wir der Magen quasi enger geschnürt. Bei einem Bypass wird der Magen geteilt und die Nahrung nur durch einen kleinen Teil des Magens geführt, bevor sie direkt im Dünndarm landet. Dadurch kann weniger Essen aufgenommen werden.

Durch das geringere Fassungsvermögen des Magens können Patienten hinterher nur noch kleine Mengen Essen zu sich nehmen. In manchen Fällen müssen sie zusätzlich Nahrungsergänzungsmittel nehmen, um genügend Nährstoffe zu bekommen.

Im Juli ist es schließlich so weit. In der Zeit vor der OP muss Tina ihre Nahrungsaufnahme immer weiter zurückfahren, am Ende darf sie zwei Wochen lang nur Eiweiß-Shakes trinken, damit der Magen sich verkleinert.

Auf dem Weg in den OP-Saal ist Tina nicht mal aufgeregt. Es fühlt sich richtig an.

Als sie Stunden später aus der Narkose aufwacht, hat sie höllische Schmerzen. Tagelang quält sie ein ständiger Brechreiz. Die Wunde am Bauch macht jede Verkrampfung extrem schmerzhaft. Als einer der Ärzte nach ihr sieht, möchte sie ihn am liebsten bitten, alles wieder rückgängig zu machen: "Ich dachte nur noch, was war das für eine dumme Idee?!"

Doch allmählich wird es besser. Anfangs darf Tina noch nichts Festes essen, monatelang ernährt sie sich von Suppen und Joghurt. "Irgendwann habe ich sogar mal Hühnerbrust püriert, weil ich einfach mal etwas anderes essen musste", erzählt sie. Nach zwei Monaten geht dann endlich wieder normale Nahrung. Nur eben in sehr kleinen Mengen: 200 Gramm pro Mahlzeit, mehr passt nicht in den Magen. "Kleine Teller helfen, da sieht es nach mehr aus als es ist", sagt Tina. Für den Rest ihres Lebens muss sie nun Nahrungsergänzungsmittel nehmen. Von alleine kann ihr Körper nicht mehr genug Nährstoffe aufnehmen.

Fressattacken hat sie manchmal trotzdem noch, wenn sie einen schlechten Tag hatte. Schließlich entsteht der Heißhunger im Kopf und nicht im Bauch. Aber jetzt isst sie in solchen Fällenn ein paar Oliven, Feta-Käse und einen Kinderriegel. Nicht gerade die Eiweißreiche Nahrung, die ihr Ernährungsplan eigentlich vorsieht – aber immerhin nicht die 3000-Kalorien-Sitzungen von vorher.

Ein halbes Jahr nach der OP.

Es ist Tinas 30. Geburtstag. Wir sitzen zusammen und essen ein Stück Käsekuchen. Ihres ist winzig. Mehr geht nicht, wegen des Bypasses. 

Tinas Gesicht ist schmal geworden. Sie erzählt fröhlich vom Kleider-Shopping für einen Ball am Wochenende. Klamotten waren immer ein leidiges Thema für sie, plötzlich kann sie erstmals mit Freude darüber sprechen. Größe 42 hat ihr neues Kleid. Endlich kann sie in der normalen Abteilung einkaufen.

Statistisch gesehen wird sie durch die OP nur bis zu 80 Prozent ihres Übergewichts verlieren: "Ich werde nie Modelmaße haben", sagt sie, "aber das ist für mich völlig in Ordnung". Die OP hat ihr eine neue Chance gegeben. Eine Chance, ohne giftige Blicke fremder Menschen durch die Stadt zu gehen. Eine Chance, dem festen Griff der Essstörung endlich zu entkommen.

Sie wiegt nun etwa 90 Kilo, ist also wieder auf dem Stand von vor 18 Jahren, als alles begann. Übergewichtig, aber gesund – und vor allem: "Ich finde es selber ungewohnt, aber ich höre mich seit einigen Monaten immer wieder zu Menschen sagen, dass ich glücklich bin", sagt sie und strahlt.

So sieht Tina heute aus.
Diese Fotografin hat ihren Körper vor und nach einem Magenbypass dokumentiert: 


Today

Die AfD verklagt jetzt Frauke Petry

Was ist passiert?

Sie war einst Vorsitzende dieser Partei, jetzt verklagt die AfD ihre Ex-Chefin Frauke Petry. Und zwar wegen ihrer neuen, eigens gegründeten Partei, namens "Die blaue Partei". 

Die AfD sieht in dem Namen eine Nachmache. Auch die rechtspopulistische AfD trägt die Farbe Blau in ihrem Logo. Sie werfen Petry nun vor, ihre alte Partei zu kopieren.

"In München verklagt mich die AfD auf Löschung der von mir angemeldeten Marke 'Die blaue Partei'", sagte Petry der "Bild"-Zeitung. Das bestätigte auch Anne Fricke, Sprecherin des Landgerichts München. Die Marke "Die blaue Partei" hatte Petry am 14. Oktober eingetragen. Seit dem 19. Januar ist sie beim Patent- und Markenamt in München registriert.